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Ives Pancera, Axel Gottschick und Moritz Buch im Frankfurter Titania.

Kultur

Ewige Menschwerdung in Frankfurt

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Ein Roman im Theater: Das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt bringt „Rituale“ auf die Bühne.

Sie zeigen viel Haut, die drei Männer auf der Bühne. Der Rest ist Plastik. Transparente Folie zieht sich um ihre Hüften und durch die Gesäßfurchen, vornerum ist alles blickdicht. In ihren Lendenschurzen sinnieren sie über das Leben. Über Inni Wintrops Leben. „Ich gehöre zu den Leuten, die die Zeit, die sie auf der Erde zugebracht haben, wie eine amorphe Masse hinter sich herschleppen.“ Schultern und Oberkörper hüllen sich in Plastik, einer der Männer knotet sich die Folie um die Beine, die Arme, den Hals. Am Ende ist er verschnürt wie ein Paket, verwickelt und verschachtelt wie der Roman „Rituale“ von Cees Nooteboom.

Das Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt bringt das 1980 erschienene Werk des Niederländers vom 14. März an im Titania auf die Bühne. Regisseurin Bettina Kaminski hat das Buch „bestimmt fünf Mal gelesen“ – und nun endlich als Theaterstück umgesetzt, zusammen mit dem Dramaturgen Victor Schlothauer. „Wir haben für die Textfassung die Chronologie des Romans verändert, so dass Inni die Deutungshoheit hat“, erläutern die beiden in einer Probenpause. Es sei wichtig, dass seine Sichtweise dargestellt werde. Gleichzeitig sei das Stück „aufgezogen wie ein Traum“. Das minimalistische weiße Bühnenbild, entworfen von Gerd Friedrich, spiegelt diese Surrealität wider.

Im Mittelpunkt von „Rituale“ steht also Inni Wintrop, mal Anfang Zwanzig, mal Anfang Dreißig, mal Anfang Vierzig, in nicht chronologischer Reihenfolge. Der Roman beginnt 1963 mit Innis Suizidversuch, den er aber überlebt. Da stellen sich Arnold Taads, ein Freund von Innis Tante Thérèse, und Philip Taads, Arnolds ungewollter Sohn, konsequenter an. Inni, der auf der Bühne von Moritz Buch dargestellt wird, lernt sie 1953 respektive 1973 kennen. Sie sind die beiden anderen Hauptfiguren in „Rituale“ und werden von Axel Gottschick und Ives Pancerau verkörpert, die auch alle weiteren Rollen spielen.

Ein Roman über den Sinn des Lebens

Es wird gelitten und geliebt, gelebt und gestorben, verloren und gefunden. Es geht um Erinnerungen und Eindrücke, Väter und Söhne, erste und letzte Male, Sein und Nichts. Und um die Fragen: „Wo finden Menschen ihre Erfüllung? Wo ist ihre Heimat?“, formuliert es Bettina Kaminski. Schließlich sei „Rituale“ nichts anderes als „ein Roman über den Sinn des Lebens“.

Dabei kommt Inni Wintrop nicht immer sympathisch daher, speziell was seinen Frauenverschleiß betrifft. „Die Frauen im Roman haben sehr wenig Eigenleben“, räumt Kaminski ein. „Sie sind alle Projektionsflächen von Männern.“ Doch „Rituale“, der dritte Roman von Cees Nooteboom, der ihm international zum Durchbruch verhalf, handele eben auch von Menschen, „die nicht aus ihrer Haut können“, von „Chancen, die Inni nicht nutzen kann, weil er ist, wie er ist“.

Dramaturg Victor Schlothauer kann das bestätigen: „Ich war anfangs sehr damit beschäftigt, Inni zu kritisieren, auch die Art, wie er mit Frauen umgeht.“ Irgendwann habe er erkannt, „dass der Roman davon handelt, wie ein Mensch leben möchte, wie er lernt, mit anderen Menschen ernsthafter umzugehen“. Die Kostüme, für die Ives Pancera verantwortlich zeichnete, verdeutlichten diese Wandlung. „Alle Figuren, auch die Frauen, entstehen aus dem gleichen Material, aus Plastik.“

Wirklich bequem sei die Folie am Körper ja nicht, aber darüber dürfe er sich erst gar keine Gedanken machen, sagt Schauspieler Axel Gottschick, der sich in der kurzen Pause nicht auswickelt. Abgesehen davon, dass sich „Plastik auf der Haut nicht gut anfühlt“, halte er diese „Gleichförmigkeit der Kostüme“ für eine gelungene Idee, weil sie zeige, dass alle Menschen aus dem gleichen Stoff bestehen. „Es sind ihre innere Haltung und Befindlichkeit, die ihr Handeln in der Welt bestimmen.“

Und so gehe auch Inni Wintrop anders aus dem Roman heraus, als er in die Geschichte hineingegangen sei, sagt Bettina Kaminski. „Rituale“ beschreibe einen „Prozess der Menschwerdung“, in dem „alles im Fluss, alles in Bewegung“ sei, so wie es ein zentraler Schlüsselsatz am Ende des Romans zusammenfasse: „In dieser ewig währenden Wandlung erscheinen und verschwinden die Dinge.“

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