Das Mittelrheintal ist Unesco-Weltkulturerbe - der berühmte Loreleyfelsen gehört jedoch nicht dazu.
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Das Mittelrheintal ist Unesco-Weltkulturerbe - der berühmte Loreleyfelsen gehört jedoch nicht dazu.

Kulturlandschaft

„Eventhotel“ auf der Loreley

Auf dem Plateau über dem Rhein soll ein 720-Betten-Hotel gebaut werden – die Orts-Grünen und eine Bürgerinitiative stehen mit ihrem Protest allein.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin“, singt Heinrich Heine im berühmten Lied von der Loreley. Darin betört die blonde Sirene die Rheinschiffer – heute schwärmen Investoren, Gemeinderäte, Ortsbürgermeister und Landespolitiker vom romantischen Bauplatz hoch über dem Rhein, und der Natur- und Denkmalschutz legt die Ohren an.

Auf dem noch weitgehend unbebauten Wiesengelände des Loreleyplateaus soll bis 2023 ein 720-Betten-Hotel errichtet werden – mitten im Herzstück des Unesco-Welterbes Oberes Mittelrheintal, wie die Investoren schwärmen: die norddeutsche Nidag AG, die Planet-Gruppe und Aye Media. Auf dem 37 500 m² großen Grundstück, das sie über Jahre hinweg erworben haben, werde das 85 Millionen Euro teure Eventhotel „Slow Down Loreley“ entstehen: mit fünf Etagen, 180 Zimmern, Tagungsetage, Restaurants und In- und Outdoor-Spa-Bereich. Davor: 10 Ferienvillen mit je vier bis zwölf Suiten, die sich auf zwei bis vier Geschosse (Höhe bis zu 14 Metern) verteilen sollen.

Die Ferienanlage entsteht auf dem ehemaligen Campingplatz der Gemeinde Bornich und damit in Sichtweite des 2016 mit 13 Millionen Euro Bundes- und Landesmitteln erneuerten Landschaftsparks. Dafür wurde auf dem Fels „die Platte geputzt“, sagt Werner Groß (CDU), Bürgermeister der Verbandsgemeinde Loreley. Das alte, auf der Felsspitze platzierte Hotel wurde abgerissen. Nun führt eine befahrbare Betonrampe, der sogenannte Strahlenweg, zum Aussichtspunkt, der eines Tages zum Kristalllicht einer Glaskuppel über einem neuen Ausstellungsgebäude romantisch überhöht werden soll. Nabu und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) sind ob der neuen Tourismusinfrastruktur nicht romantisch angerührt.

Die warnenden Stimmen sind öffentlich bisher kaum wahrnehmbar: Wo werde die Romantik erst bleiben, wenn die Landschaft mit Hotelbauten und Hunderten Pkw-Stellplätzen planiert sei? Ernst-Rainer Hönes, ehemals Leiter des Referats Denkmal-, Kulturgüter- und Welterbeschutz im rheinland-pfälzischen Kultusministerium, warnt: Der Hotelbau führe zu einer unerträglichen Beeinträchtigung des hohen Erlebniswertes des Mittelrheintals. „Es darf doch nicht allein der Befugnis einer einzelnen Verbandsgemeinde überlassen bleiben, über eine Landschaft zu entscheiden, die, wie immer betont wird, doch nationale und internationale Bedeutung hat.“

Hönes setzt auf die Unesco und ihre Gutachterorganisation Icomos. Beide haben sich zu dem Hotelprojekt bislang aber nicht gutachterlich geäußert. Denn das Loreleyplateau wirbt zwar mit dem Welterbestatus, unterliegt ihm aber gar nicht. Für das Plateau gelten weder Landschafts- noch Denkmalschutz. Selbst das zwischen Lahnstein und Kaub ausgewiesene FFH-Natura- 2000-Schutzgebiet gilt – so wie der Unesco-Titel – nur für das Mittelrheintal mit seinen rund 40 Burgen, Schlössern und Festungen. Das Plateau scheint mithin kein Fall für den behördlichen Landschaftsschutz. „Die Obere Denkmalschutzbehörde in Trier wird nicht tätig, zeigt keine Flagge“, so Ernst-Rainer Hönes.

Das Gebiet rund um den Loreleyfelsen könne zwar als „historische Kulturlandschaft“ bezeichnet werden, so Armin Schaust von der Verbandsgemeindeverwaltung Loreley, „die für Rheinland-Pfalz geltende gesetzliche Definition des Kulturdenkmals gemäß Denkmalschutzgesetz lässt jedoch nach derzeitigem Stand eine flächenhafte Ausweisung einer historischen Kulturlandschaft nicht zu.“

Auf Anfrage erklärt die Deutsche Unesco-Kommission in Bonn: „Im Falle des Loreleyplateaus können wir die Sorge, ob die Planungen für einen Hotelbau mit dem Welterbestatus vereinbar sind, verstehen. Wir raten dringend dazu, eine frühzeitige Abstimmung mit dem Unesco-Welterbezentrum in Paris und seinen Beratungsgremien herbeizuführen.“

Die fachliche Bewertung, ob eine Stätte gefährdet ist, obliege dem jährlich zusammenkommenden Unesco-Welterbekomitee. Über dieses Komitee kann sich Rainer Knecht, Betreiber der Sommerrodelbahn „Loreley-Bob“, nur wundern. Er erinnert sich an das Jahr 2013, als das Komitee auf seiner Sitzung im kambodschanischen Phnom Penh die „Empfehlung“ aussprach, die Bahn abzubauen. „Das blieb aber folgenlos“, erzählt er. „Weder die Unesco noch die Icomos haben sich je bei mir gemeldet.“

Knecht kann lange davon erzählen, welche behördlichen Auflagen er beim Bau der Rodelbahn einhalten musste. Der BUND klagte sogar gegen die Rodelbahn – erfolglos. „Ich finde es ja gut, dass mit dem Hotel mehr Menschen auf die Loreley kommen werden. Aber wenn ich sehe, wie reibungslos der Bauplan hier durchgewunken wird, muss ich schon staunen.“ Auch der BUND hat bislang kein juristisches Veto eingelegt.

Das fünfstöckige Hotel im Hintergrund, davor die Ferienvillen mit bis zu 12 Suiten darin: So stellen sich die Planer die Bebauung vor.

Die Hotelsiedlung, beruhigt die Verbandsgemeinde, werde schonend in die Landschaft eingebunden. Von den umliegenden Aussichtspunkten soll sie nur wenig, vom Tal aus gar nicht zu sehen sein. In Workshops sei die Verbandsgemeinde bei der Beratung über Fassadenfarben und Baustoffe vom Investor beteiligt worden. Ein erster Teilbauantrag für vier Hotelvillen ist bereits gestellt.

Die Bürgerinitiative „Rheinpassagen“ befürchtet nun „Allerweltsbauten“ und warnt vor einem zweiten „Nürburgring-Desaster“. Weder die Finanzkraft des Investors sei geprüft worden noch eine Bürgschaft ausgehandelt oder eine Rückbauklausel vertraglich vereinbart. Auf der Basis des bestehenden Vertrages könne der Investor jederzeit und ohne Konsequenzen aus dem Projekt aussteigen, erklärt Otto Schamari von der Grünen-Fraktion der Verbandsgemeinde Loreley.

Merkwürdig sei, so Schamari, dass zuerst die Appartementhäuser gebaut würden. „Wir wissen nicht, ob diese Villen verkauft werden sollen, um so das Hotel zu finanzieren“, erklärt Schamari. Fraglich sei auch, ob sich ein ganzjähriger Hotelbetrieb überhaupt rechne. Im Rheintal hätten die Hotels schon Probleme, ihre kurze Saison zwischen Pfingsten und Ende Oktober zu belegen. Freilich leide das Rheintal unter teils veraltetem Tourismus und Bevölkerungsschwund – auch wegen des Bahnlärms an Europas meistbefahrener Güterzugstrecke. Da sei es natürlich auf dem Loreleyplateau schön ruhig. „Aber was ist, wenn sich Investor und Betreiber zurückziehen? Dann muss der Steuerzahler für die Folgekosten aufkommen.“

Das Baugelände liegt in der Gemarkung Ortsgemeinde Bornich, die für den Verkauf von 16 226 m² einen Quadratmeterpreis von 23,42 Euro erzielte. Der Gemeinderat sei „sich bewusst, dass eine derartige Anlage immer einen Eingriff in die Natur darstellt“, erklärt Ortsbürgermeisterin Karin Kristja. „Jedoch, wenn wir unsere Region wirtschaftlich voranbringen wollen, müssen wir Kompromisse eingehen.“ Bei der Nidag AG „hatte man von Anfang an das Gefühl, einem Investor mit ernsten Absichten gegenüberzustehen“.

Die Grünen der Verbandsgemeinde und die BI „Rheinpasssagen“ rufen „Rettet die Loreley!“. „Aber es rührt sich niemand“, so Schamari. Auch nicht bei den in Mainz mitregierenden Grünen. Die Loreley ist das Leuchtturmprojekt der rheinland-pfälzischen Landesregierung. Innenminister Roger Lewentz (SPD) erklärte 2016, die Loreley werde bei der von ihm vorgeschlagenen Bundesgartenschau (Buga) im Jahr 2029 „eine zentrale Rolle als Veranstaltungsfläche und Attraktion“ spielen.

Die Planungen für die Buga laufen längst. Die Industrie- und Handelskammer rechnete einen Bedarf von rund 2000 Betten im Mittelrheintal aus. Die Verbandsgemeinde Loreley verspricht sich durch die Gartenschau, ihren neuen Landschaftspark auf dem Plateau und mit dem 720-Betten-Hotel mehr Gäste, Arbeitsplätze, Einnahmen. „Wir erwarten 300 000 Besucher pro Jahr“, sagt Armin Schaust von der Verbandsgemeinde Loreley.

Auf die Frage der Grünen, ob der Erhalt der einmaligen Landschaft nicht viel eher die Zukunft der Gemeinden sichere, heißt es: Es gebe ja noch genug Landschaft. Und: Man könne ja nicht in Schönheit sterben.

http://www.rheinpassagen.de

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