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Interview

"Starke Vereinzelung"

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Sekten fodern häufig von ihren Mitgliedern die absolute Selbstaufgabe. Es gibt Experten, die Betroffenen beim Ausstieg helfen. Der Weltanschauungsbeauftragte Oliver Koch über Hilfe für Aussteiger.

Herr Koch, wir haben in unserer Zeitung über eine obskure Gruppierung im Main-Kinzig-Kreis berichtet, die dort seit Jahrzehnten aktiv ist. Wie sehen Sie diesen Fall?
Zu diesem konkreten Fall kann ich nichts sagen, da ich ihn nicht im Detail kenne. Ich erkenne darin aber Strukturen, die typisch für Sekten sind.

Welche sind das?
Wir haben in solchen Konstellationen immer wieder mit Mechanismen zu tun, mit denen Menschen in Abhängigkeiten geführt werden. Es gibt einen Meister oder eine Meisterin, die behauptet, göttliche Offenbarungen zu empfangen oder Jenseitskontakte zu haben. Diese Person schart andere um sich und es entsteht ein kleiner, exklusiver Kreis.

Und die Beteiligten haben das Gefühl, selbst etwas Besonderes zu sein, weil sie daran teilhaben dürfen?
Ganz genau. Oft entsteht dort ein Schwarz-Weiß-Denken, die Haltung, wir sind die Guten und alle anderen die Bösen, so wie Sie das in Ihrer Zeitung ja auch für die Gruppe im Main-Kinzig-Kreis beschreiben. Das kann einhergehen mit Isolationsmechanismen. Das Mitglied oder der Anhänger hat mit der Zeit nur noch zu tun mit anderen Mitgliedern und Anhängern und verliert jeden Kontakt nach draußen.

Das macht es sicher schwer auszusteigen, wenn man das denn will.
Natürlich. Hinzu kommen dann oft Kontrollmechanismen. Der Lebensalltag wird ständig überwacht, es wird angemahnt, sich mehr für die gemeinsame Sache einzusetzen, mehr Zeit aufzuwenden, Kurse zu besuchen und Ähnliches. Insofern ist der Fall sehr typisch.

Wie erfahren Sie, dass Menschen einer Sekte angehören, aus der sie möglicherweise aussteigen wollen?
Die weltanschauliche Szene hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr verändert. Hatten wir es früher vor allem mit bekannten Gruppierung zu tun wie Scientology oder Universelles Leben, beobachte ich eine starke Vereinzelung hin zu esoterischen Klein- und Kleinstgruppen. Das macht es schwierig, einen Einblick zu bekommen.

Wie bekommen Sie Kontakt zu jemandem, der sich von der Gruppierung lösen will?
Mitunter melden sich Menschen, die bei einer Missionierungsaktion einen Flyer zugesteckt bekommen haben, oder sie haben auf einer Esoterikmesse etwas Merkwürdiges beobachtet. Oft aber sind es Angehörige, die sich melden, weil sie sich um einen Sohn, eine Tochter oder einen Bruder sorgen. Oft können sie diese einfach nicht mehr erreichen oder finden im Gespräch keinen Zugang.

Was raten Sie diesen Angehörigen? Sollen sie sich rigoros gegen die Weltanschauung der Gruppe aussprechen?
Es bringt sicher nichts, alles zu verdammen. Ich rate dazu, die Tür offen zu halten. Wenn ein Mensch in einer Gruppierung in eine Abhängigkeit geraten ist und irgendwann dort raus möchte, ist es ganz wichtig, dass da eine Anlaufstelle für ihn da ist.

Jemanden aus einer religiösen Gruppe aktiv herausziehen wollen Sie nicht?
Nein, das ist ganz schwierig. Es gibt ja in Deutschland das hohe Gut der Religionsfreiheit. Jeder darf erst einmal glauben, was er will und an wen er will.

Wenn aber möglicherweise strafrechtlich relevante Dinge vorkommen, etwa, dass jemand eingesperrt wird, nur einen Dumpinglohn bekommt oder sexuell ausgebeutet wird, was tun Sie dann?
Dann verweise ich an die juristischen Instanzen, Polizei und Staatsanwaltschaft. Zur Not hilft nur noch eine Anzeige.

Wohin kann sich jemand wenden, der aussteigen möchte oder sich Sorgen um einen anderen Menschen macht, der vielleicht aussteigen möchte?
Sicher an mich oder an meinen katholischen Kollegen im Haus am Dom in Frankfurt, Johannes Lorenz. Dann gibt es da noch Sinus, eine ehrenamtliche Initiative von Betroffenen. Und natürlich die psychologischen Beratungsstellen überall im Land.

Interview: Peter Hanack

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