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Sprachlosigkeit überwinden: Bürger und Geflüchtete beim Speed-Dating in der landeskirchlichen Gemeinde Heilsberg.

Bad Vilbel

„Speed-Dating“ mit Geflohenen

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Zwei Glaubensgemeinden initiieren mit der Aktion ein spielerisches Kennenlernen von Alt- und Neubewohnern in der Stadt. Sie soll in Zukunft ausgeweitet werden.

Es gibt gar nichts, was sie falsch machen können“, sagt Gemeindepastor Sören Sommer nach dem Abschlussgebet im Gottesdienst den Anwesenden. Gleich ist „Speed-Dating“ angesagt. Die Tische im Gemeindesaal der landeskirchlichen Gemeinschaft werden zu drei langen Reihen zusammengeschoben. Gegenüber sitzen sich jedoch nicht potenzielle Heiratswillige, sondern Einheimische und Geflüchtete, die sich so kennenlernen sollen. Bevor es losgeht, legt Pastor Sommer Zettel aus - für den Fall, dass der einen oder anderen Seite die Fragen ausgehen. Dazu kommt es nicht. Ein Stimmenwirrwarr füllt schnell den Saal.

Die meisten der gut zwei Dutzend Gemeindemitglieder und der rund 20 Asylsuchenden waren unabhängig vom Alter gleich beim vertrauten „Du“. Sprachliche Barrieren gab es fast keine. Achim etwa fragt Mouaz nach dem Leben in einem „ganz fremden Land“, was er sich selbst als sehr schwierig vorstellt. Vor zwei Jahren floh Mouaz vor den Bürgerkrieg in Syrien. Der junge Mann spricht in gutem Deutsch über den nicht einfachen Alltag, jedoch ohne lamentierenden Tonfall.

„Was tust Du zurzeit?“ „Wo wohnst Du?“ So lauten die meisten Fragen der Gemeinde an die Flüchtlinge. Ein Mann aus Afghanistan erzählt, dass er als Küchenhilfe in einem Lokal arbeitet. Ein junger Syrier fragt seinen Gegenüber, wo er wohne. Dabei stellt sich heraus, dass beide gar nicht so weit entfernt voneinander leben.

Bei einem Vater einer fünfköpfigen Familie aus Eritrea weckt das Thema Wohnen Emotionen. „Bad Vilbel ist eine schöne Stadt, aber Wohnungen sind hier sehr teuer“, sagt er. Seine Frau nickt bestätigend den drei gegenüber sitzenden Herren im Rentneralter zu. Die Familie lebe in der Unterkunft an der Frankfurter Straße in Massenheim in zwei Zimmern. Zwei der Kinder gehen in die Grundschule. Wie sollen sie in der Enge lernen, fragt der Vater. Betroffenheit gegenüber.

Die meisten Gespräche verlaufen entspannt, etwa mit Fragen über Kulturelles. Ein junger Mann aus Afghanistan erzählt etwa, dass er eigentlich zwei Muttersprachen spreche, Paschtunisch und Dari. In der Reihe der Bad Vilbeler schaut dabei eine Frau zu ihrem Nachbarn zur Rechten und fragt ihn, woher er mit seinem Akzent stamme. „Ich komme aus England“, sagt der Mann. „Dann aber ab auf die andere Seite des Tisches“, sagt die Frau mit einem Lachen.

Die Idee zum „Speed-Dating“ zwischen Bürgern und Geflohenen kam von der ehemaligen Vorsitzenden der Flüchtlingshilfe, Angelika Ungerer, die im Verein nunmehr die Freizeitaktivitäten für Flüchtlinge koordiniert, berichtet Sommer. Der Name für die Aktion, an der sich an diesem Sonntag ebenfalls die freie evangelische Gemeinde Dortelweil beteiligt, sei vielleicht etwas missverständlich. „Wir haben ihn aber wegen des Modells gewählt“, sagt der Gemeindepastor. Nach fünf Minuten wechselt die Frage-Antwort-Seite, nach zehn Minuten sucht man sich einen neuen Gegenüber. Es sei der Versuch, Begegnung spielerisch zu schaffen, aus der bestenfalls Freundschaften entstehen. „Wir würden uns vielleicht sonst nicht kennenlernen oder gar aus dem Weg gehen“, sagt Sommer.

Das Engagement für Geflüchtete ist in der Gemeinde nicht allein auf das „Speed-Dating“ fokussiert. Drei Deutsch-Kurse für die Verständigung im Alltag, Treffen etwa bei eritreischem Essen oder ein Kurs für jene, die sich über das Christentum informieren wollen, nennt Sommer als Beispiele. Er selbst ist zudem von Anfang an in der Flüchtlingshilfe Bad Vilbel aktiv, so betreute er eineinhalb Jahre Menschen in der Behelfsunterkunft im Georg-Muth-Haus und erledigt die Öffentlichkeitsarbeit.

Nach einer guten halben Stunde endet das „Speed-Dating“ auf Sommers Ansage. Ein opulentes Büfett sorgt dafür, dass die meisten „Speed-Dater“ noch bleiben und der Smalltalk zwischen Alt- und Neubewohner der Stadt nicht verstummt. „Ich bin überrascht von der regen Beteiligung“, sagt Sommer. Die Glaubensgemeinde will die guten Kontakte zu den anderen Kirchen in der Stadt nutzen, um das „Speed-Dating“ nicht nur auf dem Heilsberg und in Dortelweil zu wiederholen.

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