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Binnen einer Woche wird ab Mitte Mai von dem Kirchturm in Gravenbruch nichts mehr zu sehen sein.

Neu-Isenburg

Mitte Mai fällt der Kirchturm

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Die katholische Kirchengemeinde Sankt Christoph in Neu-Isenburg opfert ihren Kirchturm und Teile der Sakristei für den Bau von 20 Mietwohnungen.

Eine Neu-Isenburger Pfarrgemeinde geht drastische Wege, um ihre finanzielle Situation zu verbessern: Die katholische Kirchengemeinde Sankt Christoph im Stadtteil Gravenbruch lässt ihren Kirchturm und Teile der Sakristei abreißen und verpachtet das Areal an einen Investor, der Mietwohnungen errichten will.

Eigentlich sollte der Abriss des Kirchturms am Dreiherrnsteinplatz in Gravenbruch schon Anfang der vergangenen Woche beginnen. Doch die Denkmalschutzbehörde hatte sich eingeschaltet und eine Stellungnahme des Amtes liegt noch nicht vor. „Die haben bis 2. Mai Zeit, um sich zu äußern“, sagt Andreas Frieler, Sprecher für das Immobilienprojekt.

Mitte Mai werde der Kirchturm wohl fallen, meint er. Der rund 30 Meter hohe Turm wird nicht gesprengt, sondern Stück für Stück abgetragen. Das werde wohl eine Woche lang dauern, sagt Frieler. Im Anschluss muss das Fundament noch herausgebrochen werden. Ab Juli wird die Sakristei zum Teil abgerissen und erhält durch einen Anbau einen Teil der verlorenen Fläche zurück.

Weil die Statik falsch berechnet war, hing im Inneren des Kirchturms nie eine Glocke. Er hätte die Schwingungen nicht ausgehalten. „Wer das vor 50 Jahren verbockt hat, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen“, so der Projektsprecher. Da der Turm offen ist, fraß das Wetter auch an der Bausubstanz. „Wäre der Kirchturm ein Auto, dann würde man von einem wirtschaftlichen Totalschaden sprechen.“

Bei einer Sanierung des Kirchturms kämen laut Frieler Kosten „im unteren sechsstelligen Bereich“ zusammen. Dann wäre kein Geld da für andere notwendige Renovierungen. Etwa für das Kirchendach, das wegen der Wasserschäden dringend saniert werden muss, die Fenster, durch die es zieht, die Technik, die 50 Jahre alt ist und auf Vordermann gebracht werden muss oder ein neuer Anstrich innen und außen. Kosten im sechsstelligen Bereich seien zu erwarten.

Das Kirchturmkreuz soll allerdings erhalten werden, um es später wieder auf das Kirchendach aufzusetzen. Ob das gelingt, ist aber noch nicht sicher. Das Kreuz muss erst auf seinen Zustand untersucht, das Dach auf seine Tragfähigkeit geprüft werden. „Bei einem Negativbescheid strebt der Verwaltungsrat in Zusammenarbeit mit dem Bistum eine Ersatzlösung an“, so Frieler.

Sämtliche Verträge sind mittlerweile unterschrieben und rechtskräftig: Die Gemeinde verpachtet etwas mehr als 1700 Quadratmeter im Erbbaurecht auf 99 Jahre an das Gemeinnützige Siedlungswerk Frankfurt (GSW), ein Wohnungsunternehmen der Bistümer Limburg, Mainz, Fulda und Erfurt. „Das sind 20 Prozent des Kirchengeländes“, sagt Frieler. Der Immobiliendeal schließt auch den tiefergelegenen Teil des Kirchenvorplatzes mit ein, der künftig als Parkplatz für den Wohnkomplex fungiert und eine eigene Zufahrt erhält. Das Areal rund um den Kirchturm sei nur ein- bis zweimal im Jahr genutzt worden, erklärt Frieler. „Wir haben dort viel öfter Rasen gemäht, als dass wir es genutzt haben.“ Mit ihren Veranstaltungen könne die Kirchengemeinde künftig auf den Dreiherrnsteinplatz ausweichen.

Vierstöckiges Gebäude geplant

Der Investor baut ein vierstöckiges Gebäude mit 20 barrierefreien Wohnungen, 55 bis 70 Quadratmeter groß. „Die GSW hat in Frankfurt-Karben und am Hafen in Offenbach Ähnliches entstehen lassen. Das Konzept hat uns überzeugt“, sagt Frieler. Die Gesellschaft werde die Wohnungen „zum marktüblichen Preis“ vermieten. In Gravenbruch heißt das: elf Euro pro Quadratmeter. Ende 2018 sollen sie bezugsfertig sein.

Die „weltliche“ Nutzung des Kirchenareals ist laut Frieler kein Schnellschuss, sondern von langer Hand geplant. Schon seit mehr als zehn Jahren hätten sich Pfarrgemeinde- und Verwaltungsrat über die Zukunftssicherung von Sankt Christoph Gedanken gemacht. Im Jahr 2003 änderte das Bistum Mainz nämlich seinen Zuweisungsmodus an die Pfarrgemeinden. „Ab da hat das Bistum den Haushalt der Kirchengemeinden nicht mehr zu 100 Prozent finanziert, sondern hat nur noch nach der Anzahl der Gemeindemitglieder Gelder überwiesen“, sagt Frieler.

Für die Sankt-Christoph-Gemeinde fatal: Sie ist klein, hat keine Ländereien und einen eng gestrickten Haushalt. „Mitte der 80er-Jahre wurde ein neuer Kindergarten geplant. Dabei hat man sich allerdings verhoben. Deshalb gingen dann alle Mittel in die Rückzahlung der Darlehen für den Kindergarten, und die Kirchengemeinde konnte keine Rücklagen bilden“, erklärt der Projektsprecher. Außerdem nutzt die Pfarrgemeinde Fernwärme zum Heizen der Kirche. „Diese Kosten fressen uns auf“, so Frieler. Einnahmen sind bitter nötig.

Verkauf ist ausgeschlossen

In Zusammenarbeit mit dem Bistum Mainz und einem Ingenieurbüro wurde deshalb vor gut zwei Jahren eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Ziel war es, ein Konzept zur Sicherung der Liegenschaften und des Kirchenhaushaltes zu erarbeiten. Am Ende stand die Lösung, einen Teil des Geländes zu verpachten. Ein Verkauf ist in der Urkunde ausgeschlossen, in der die Schenkung des Grundstücks vom Graf zu Ysenburg an die Kirche verbrieft ist.

Geld wird künftig auch aus Mieteinnahmen kommen: Die GSW verzichtet beim Bau des neuen Wohnkomplexes auf einen Gemeinschaftsraum, mietet stattdessen das Gemeindezentrum an.

Der donnerstägliche Wochenmarkt muss umziehen; er würde sonst genau dort stattfinden, wo die Baustellenfahrzeuge ein- und ausfahren. Die GSW habe mit der Stadt Neu-Isenburg schon Gespräche über die Verlegung geführt, sagt Frieler. Die Überlegungen seien aber noch nicht abgeschlossen. Die evangelische Gemeinde auf der anderen Seite des Dreiherrnsteinplatzes würde den Wochenmarkt dort stattfinden lassen. Mündliche Zusagen gebe es bereits.

„Unsere Kirche bleibt der Eyecatcher in Gravenbruch“, entgegnet der Projektsprecher kritischen Stimmen im Netz. Sie werde das neue Gebäude überragen.

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