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Wolfgang Mühlschwein macht um sein großes soziales Engagement nicht viel Aufhebens.

Dreieich

„Fußball schafft die Gesprächsbasis“

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Der Dreieicher Wolfgang Mühlschwein redet über seine Profikarriere, seine sozialen Projekte und die Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz.

Den Offenbacher Kickers hat er einst als Torhüter zum Aufstieg in die Bundesliga verholfen. Das ist schon lange her. Mittlerweile macht Wolfgang Mühlschwein aus Dreieich nicht mehr als Profifußballer Schlagzeilen, sondern als Mann, der ohne viel Aufhebens viel Gutes tut. Am gestrigen Freitag erhielt er für seine Verdienste in Selbsthilfegruppen, Stiftungen und Projekten das Bundesverdienstkreuz.

Herr Mühlschwein, sind Sie ein Mensch mit einem besonders großen Herzen?
Ich bin ein Mensch, der gerne in Gemeinschaft agiert und sich auch gerne für diese Gemeinschaft einsetzt, und ich bin ein Familienmensch.

Sie sind ein gläubiger Mensch. War denn auch der Glaube für Sie Antriebskraft?
Ich suche im Glauben einen Halt, aber im Sinne einer messianischen Aufforderung, etwas für die Allgemeinheit zu tun, steht mein Engagement eher nicht. Es ist christlich vom Grunde her.

Sie wurden nun hauptsächlich für Ihr Engagement für Menschen mit Mukoviszidose geehrt. Wie kam es dazu?
Diese erbliche Stoffwechselerkrankung gehört zu unserer Familie. Unsere Tochter hat sie, und bei ihrer Geburt im Jahr 1976 war die Prognose für sie schlecht. Damals stellte sich für uns Eltern die Frage, wie man mit Hoffnung in die Zukunft marschieren kann. Wir haben uns damals sehr stark dafür eingesetzt, dass Betroffene untereinander in Kontakt kamen. Wir wollten erreichen, dass wir als Eltern in eine gleichberechtigte Position gegenüber den Kinderärzten kommen und so gemeinsam etwas verändern. Wir haben Selbsthilfegruppen gegründet, es ist vieles in Bewegung gekommen.

Sie waren der Begründer des Dreieicher Weihnachtskalenders. Wie wurde diese Idee geboren?
In der Zeit der Mukoviszidose hat uns der Rotary-Club Offenbach-Dreieich stark unterstützt. Als ich 2002 dort Präsident wurde, wollte ich dem Club als Dank für diese jahrzehntelange Hilfe ein besonderes Projekt schenken. Ich konnte die Mitglieder motivieren, den ersten Dreieicher Weihnachtskalender zu finanzieren und bei der Realisierung mitzuhelfen.

Haben Sie sich die Idee irgendwo abgeschaut?
Ja, die gab es bei Rotary in Bad Homburg. Und die Freunde dort haben damals kräftig mitgeholfen. Wir hatten den Anspruch, einen Weihnachtskalender, der an die Geburt Jesu Christi erinnert, nicht schlicht zu einer großen Spendensammelbüchse werden zu lassen. Wir unterstützen vielmehr über unsere Projektförderungen Menschen in der Region Dreieich, die bestimmte gesellschaftliche Aufgaben angehen. Parallel zu einem Gewinnspiel bringen wir diesen tollen Menschen Wertschätzung entgegen, indem wir ihre Projekte öffentlich loben und durch geringe Finanzspritzen fördern. Unsere Fördersummen liegen nicht über 4000 bis 5000 Euro pro Projekt.

Sie haben den Vorsitz des Vereins Dreieicher Weihnachtskalender Mitte April niedergelegt. Warum?
Ich meine, dass 15 Jahre genug sind. Eine solche Initiative an die nächste Generation weiterzugeben, sollte man noch in einem vernünftigen Alter angehen. Das sollte man nicht schieben ad infinitum. Ich bin jetzt zum Ehrenpräsidenten ernannt worden.

Wie viele haben Ihnen denn schon Danke gesagt?
Ganz viele. Über die Zeit ist der Weihnachtskalender zu einer Tradition geworden. Es gibt in Dreieich eine große Bereitschaft, mit Preisen, Serviceleistungen oder auch mit Verkaufsstellen zu helfen. Man wird im Laufe der Jahre aber auch instrumentalisiert. Ein Beispiel: Bevor der Absendeschluss für einen Förderantrag kommt, blättert ein Antragsteller noch schnell in Katalogen und will sich von uns neue Ausstattungselemente für seinen Kindergarten finanzieren lassen.

Haben Sie nicht auch am Dom von Speyer mitgearbeitet?
Ja, ich habe dort als Statiker seit 2001 bis heute Sanierungs- und Modernisierungsarbeiten begleitet. Das ist quasi eine ökumenische Zusammenarbeit; ich bin ja evangelisch. Viele Einzelprojekte wechseln sich dort ab, je nach Spendenlage. Ein Gutachten für das Westwerk war der Beginn. Ich war und bin immer mit im Team.

Woher nehmen Sie die Zeit für so viel soziales Engagement?
Wenn man weiß, warum man sozial tätig ist und klare Ziele hat, wenn man auf dem sozialen Feld ähnlich engagiert unterwegs ist wie in seinem Beruf, hält sich der Zeitaufwand in Grenzen. Ich singe stets das hohe Lied auf den Bürger, der neben seinem Beruf auch gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen sollte. Im Übrigen bin ich nicht allein, wir sind viele.

Wie sehr hat der Bekanntheitsgrad als Profifußballer bei Ihren sozialen Projekten geholfen?
Ich hätte nie gedacht, dass der Fußball übers ganze Leben hinweg eine Gesprächsbasis schafft. Man kann immer sofort anfangen zu babbeln. Das ist eine Hilfe, die nicht in Geld auszudrücken ist. In dieser Hinsicht habe ich profitiert. Auch habe ich beim Fußball gelernt, dass man seine Talente in den Dienst der Mannschaft stellt.

Fühlen Sie sich dem Fußball im Allgemeinen und den Offenbacher Kickers im Besonderen noch verbunden?
So, wie ich gerne ins Theater gehe und mir ein schönes Stück anschaue, so gehe ich auch auf den Fußballplatz und schaue mir Spiele an. Aber das, was die Atmosphäre ausgemacht hat, als ich selbst gespielt habe, das Umfeld, das ich erleben durfte, das gibt es heute nicht mehr. An die Kickers denke ich mit großer Sympathie.

Soziales Engagement ist also für Sie der Mittelpunkt im Leben.
Die Familie ist für mich vornedran. Ich habe eine tolle Frau und zwei Kinder. Die sind der Bezugspunkt. Das Bundesverdienstkreuz gehört auch meiner Frau – mindestens zur Hälfte. Mütter behinderter Kinder sind die stillen Helden unserer Gesellschaft.

Ist Ihr Nachname Fluch und Segen zugleich? Fluch wegen möglicher Lacher, Segen, weil man sich unschwer daran erinnert?
Mein Name macht in einer ganz bestimmten Art und Weise stark. Ich kann immer sagen: So innovativ können Sie gar nicht sein – den Witz, der Ihnen jetzt einfällt, haben schon andere gemacht!

Interview: Annette Schlegl

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