Wallfahrt der Pius-Bruderschaft

Fulda schaut nicht hin

800 Anhänger der Pius-Bruderschaft treffen sich zur Wallfahrt und sind nicht erwünscht. Fuldas Bischof hat seine Schäfchen gar über die Presse gebeten, den Auftritt zu ignorieren. Von Thomas Witzel

Von Thomas Witzel

Es passt eigentlich alles gut zusammen: Die Reisebusse parken in der Johannes-Dyba-Allee, der altehrwürdige Dom gibt den Hintergrund ab, und das Denkmal von Bonifatius, Fuldas Stadtheiligem, demonstriert monumental Glaubensfestigkeit. Der Schein trügt: Die 800 Anhänger der umstrittenen und ultrakonservativen Pius-Bruderschaft aus allen Teilen Deutschlands, die hier mit ihrer Marienwallfahrt Glauben demonstrieren wollen, sind nicht erwünscht.

Fuldas Bischof hat seine Schäfchen über die örtliche Presse gebeten, den Auftritt der Pius-Brüder zu ignorieren. Und so ist es: Fulda schaut nicht hin, macht sein Ding. Also: Samstagseinkäufe erledigen, auf dem Markt flanieren, Verkehrschaos dulden - nur nicht stehenbleiben.

Die, die es doch tun, sind in der Regel Touristen, die sich in Optik und Wissbegier nicht von den frommen Wallfahrern unterscheiden, oder sie haben Ausreden: Bernd B., pensionierter Lehrer aus dem benachbarten Großenlüder, sagt das so: "Ich bin jeden Samstagmorgen in der Stadt."

Die Treffen der Ultra-Konservativen hier, quasi in "gods own country" im Osthessischen, haben Tradition. Seit Anfang 2000 sammeln sie sich in der katholischen Bischofsstadt, wo es eine 80 Köpfe zählende Gemeinde gibt, eine kürzlich nach Meinung der katholischen Kirche unerlaubt geweihte Kapelle und jede Menge Ärger mit Fuldas Bischof Heinz-Josef Algermissen, der die Glaubensgemeinschaft nicht auf dem Boden der Kirche sieht.

Die Priesterbruderschaft geht auf den 1991 gestorbenen Erzbischof Lefebvre zurück, wendet sich gegen eine Modernisierung der katholischen Kirche und lehnt unter anderem Ökumene und interreligiösen Dialog ab. Auf Konfrontation stehen an diesem regnerischen Samstagvormittag die Zeichen im weltberühmten Barockviertel vor der Kulisse des Stadtschlosses aber nicht. "Fuldaer Wallfahrten sind toll, cha, cha, cha", singen ein paar junge Wallfahrer nach der Melodie von "Kreuzberger Nächte". Junge Familien mit Kinderkarren, Jugendgruppen mit Eis am Stiel und ältere Ehepaare haben so gar nichts Frömmelndes an sich. Und unter den Arkaden der Havanna-Bar, in der ehemaligen Hauptwache, sitzen sogar einige Wallfahrer, mit bestem Blick auf die Wallfahrts-Sammelstelle, ein Caipi schmeckt immer, von wegen Askese, katholisch, konservativ oder auch ultra.

Die Wallfahrt setzt sich pünktlich in Bewegung. Es geht um Marienverehrung, vier Leute tragen eine Holzmadonna auf Balken und kräftigen Schultern. Alte Menschen mit Rollator, junge Familien mit ihren Kindern auf dem Rücken, junge Menschen mit ernster Miene trotzen dem Nieselregen, eine Musikkapelle gibt es nicht. Tragbare Lautsprecher übertragen den Gesang von Marschsäule zu Marschsäule.

Fuldaer Polizei muss von Amts wegen hinschauen, gibt dem Zug Geleit. Ein paar Autofahrer hupen, weil sie nicht aus ihren Parklücken kommen. An der evangelischen Christuskirche läuten punkt eins die Glocken. Die vorbeiziehenden Wallfahrer können ihren eigenen Gesang nicht mehr verstehen. Die meisten Blicke sind jetzt ohnehin starr geradeaus gerichtet. Sie haben noch einen langen, vor allem steilen Weg vor sich. Zur Grabeskirche der heiligen Lioba wollen sie, hoch über der Stadt, in Petersberg gelegen, gut fünf Kilometer zu Fuß. Und dann wieder zurück Richtung Barockviertel. Alles in fünf Stunden.

Vorm Stadtschloss in Fulda hat die technische Bruderschaft-Nachhut alles, was an den umstrittenen Auftritt erinnert, eingesammelt und im roten Besenwagen verstaut. Jetzt gehört das schöne Ambiente wieder den Touristen - und den Fuldaern, die nun auch wieder hinschauen dürfen.

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