Heimkinder

Entsetzliche Kindheit

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Die evangelische Kirche dokumentiert das Leben in den Heimen der Nachkriegszeit. Und bittet um Entschuldigung.

Auf 72 Seiten hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) das Schicksal der Kinder und Jugendlichen dokumentiert, die in den Jahren 1945 bis 1975 in einem Heim der evangelischen Kirche gelebt haben. Viele von ihnen wurden dort misshandelt, von der Außenwelt abgeschottet und ihrer Kindheit beraubt.

Diesen Kindern und Jugendlichen seien Chancen zur Entwicklung genommen und das Vertrauen in andere Menschen geraubt worden, schreibt Kirchenpräsident Volker Jung im Vorwort. Er habe Menschen kennengelernt, deren „Kindheit entsetzlich“ gewesen sei. Jung bittet die ehemaligen Heimkinder wegen des ihnen vielfach zugefügten Leids um Entschuldigung.

Die Dokumentation bildet formal den Abschluss der Aufarbeitung der Heimkindersituation in der Nachkriegszeit. Die Darmstädter Historikerin Anette Neff hatte im Auftrag der EKHN die Rolle der Heime und die Situation der dort lebenden Kinder und Jugendlichen erforscht. Aus dem Projekt sind zudem ein Dokumentarfilm der Wiesbadener Regisseurin Sonja Toepfer sowie eine Wanderausstellung hervorgegangen.

Die Veröffentlichungen sollen in der Ausbildung von Erziehern genutzt sowie in öffentlichen Veranstaltungen gezeigt werden. „Wir wollen daraus lernen“, versprach Kirchenpräsident Jung. Die Leiterin des Aufarbeitungsprojekts, Petra Knötzele, sagte, vor allem die Gespräche mit Zeitzeugen hätten auf nachdrückliche Weise vor Augen geführt, welche Konsequenzen es habe, wenn Grenzen nicht respektiert würden und die Sensibilität im Umgang mit Schutzbefohlenen fehle.

2011 hatten die evangelische Kirche und die Diakonie bei den Heimkindern um Entschuldigung gebeten. Die Betroffenen hatten lange auf eine solche Geste warten müssen. Erst 2006 fand im Deutschen Bundestag eine Anhörung ehemaliger Heimkinder statt. Sie berichteten dort von den häufig schrecklichen Zuständen in den Heimen der Nachkriegszeit. Die EKHN, auf deren Gebiet es Neffs Recherchen zufolge 52 Heime in evangelischer Trägerschaft gab, brachte die Aufarbeitung 2013 auf den Weg.

Der großformatige Bildband „Kinder in Heimen von 1945 bis 1975“ ist im Justus-von-Liebig-Verlag in Darmstadt erschienen. Es gibt ihn für 14,80 Euro im Buchhandel oder kostenlos bei der EKHN, zu bestellen unter info@ekhn.de

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