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Lecker: frisch gekelterter Apfelsaft im Main-Äppel-Haus auf dem Lohrberg in Frankfurt-Seckbach.

Das bringt Europa für Hessen

EU schützt Frankfurter Grüne Soße und Eichsfelder Feldkieker

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Europa schützt Produkte, die nach traditioneller Art hergestellt werden. Doch der Weg dahin ist lang und steinig.

Was haben Frankfurter Grüne Soße, Walliser Raclette Schnittkäse und Parmaschinken gemeinsam? Alle drei sind Produkte, deren Besonderheit mit ihrem geografischen Ursprung zusammenhängen. Erkennbar am Logo und von der Staatengemeinschaft geschützt. In keinem der 28 Mitgliedsländer darf die Sieben-Kräuter-Vitaminbombe das Wort „Frankfurt“ im Namen tragen. Auch „nach Frankfurter Art“ ist verboten. Sonst gibt es Ärger mit der Behörde, die für die Überwachung der „Bestimmungen zu den geografischen Herkunftszeichen“ zuständig ist. In Hessen ist dies das Regierungspräsidium Gießen.

Aktuell können Verbraucher unter sechs hessischen Produkten wählen, die das relativ unscheinbare Logo mit den symbolischen Europa-Sternen tragen: Odenwälder Frühstückskäse, Hessischer Handkäs(e), Hessischer Apfelwein, Eichsfelder Feldkieker, Heumilch und eben die Frankfurter Grüne Soße. Es gibt dabei drei Rubriken: geschützte Ursprungsbezeichnung, geschützte geografische Angabe, garantiert traditionelle Spezialität.

Im Vorbereitungsverfahren befindet sich die „Nordhessische Ahle Wurscht“. Und das nicht erst seit gestern. Ein Beispiel dafür, wie steinig der Weg zu der begehrten Regionalmarke sein kann. Und mögliche Erklärung dafür, warum nicht mehr hessische Spezialitäten auf der Liste der Europäischen Union zu finden sind.

Geschützte EU-Regionalmarken: Frankfurter Kranz und Kochkäse (noch) nicht dabei

Denn deren gibt es bekanntlich mehr als genug. Frankfurter Kranz zum Beispiel. Hessischer Kochkäse, Südhessischer Spargel oder Wisperforelle: Es ist schon ein paar Jahre her, dass die Marketingagentur „Gutes aus Hessen“ eine ganze Liste potenzieller Kandidaten hat erstellen lassen. Doch wenn es um die Umsetzung geht, findet sich kaum jemand, der die Tortur auf sich nehmen will, sagt Projektleiterin Verena Berlich.

„Das ist sehr viel Arbeit, man muss unter anderem viele historische Fakten zusammentragen.“ Die Agentur hilft Erzeugergemeinschaften, die notwendigen Spezifikationen zu erstellen, und begleitet sie auf dem Weg von der Antragstellung bis zur Eintragung.

Am Anfang steht die Suche nach Gleichgesinnten. Die gründen einen Verein, der die Besonderheiten recherchiert, definiert und in einem Antrag formuliert. Den prüft das Patentamt, das dazu andere Experten hinzuzieht. Es folgt die Veröffentlichung mit dreimonatiger Frist, in der Mitbewerber Einwände erheben können. Nächste Station ist das für die EU-Kommunikation zuständige Bundesjustizministerium. Das prüft den Antrag. Gibt die Europäische Kommission grünes Licht, erfolgt die Veröffentlichung in einer Datenbank. Sollte niemand Einspruch erheben, ist das Produkt drei Monate später geschützt. Fünf bis sechs Jahre dauert dieser Prozess in der Regel, sagt Berlich. Und: „Es ist nicht einfach, die Leute so lange bei der Stange zu halten.“

Und manchmal kommt es zu Entwicklungen, mit denen keiner vorher gerechnet hat. Womit wir wieder bei der „Nordhessische Ahle Wurscht“ sind.

"Nordhessische Ahle Wurscht": Jahrelanger Prozess

Die Geschichte erzählt man sich so: Vor rund 15 Jahre ergriff ein Förderverein die Initiative. Und stieß auf den Widerstand großer Hersteller, denen die Anforderungen zu hoch waren. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss, gründete einen neuen Verein, der die Frage der Warmfleischverarbeitung und Konsistenz sehr großzügig auslegte. Das ging einem kleinen aufständischen Metzger gegen die Berufsehre.

Er gründete seinen eigenen Verein und stellte beim Patentamt einen Gegenantrag. Inzwischen sind die Streithähne befriedet. Am 18. Mai 2016 wurde der „Antrag zur Eintragung als geschützte geografische Angabe“ bei der EU-Kommission eingereicht und harrt seitdem der Entscheidung. Die „luftgetrocknete oder geräucherte Dauerwurst aus schlachtfrischem Schweinefleisch“, heißt es darin, „entspricht dem Wesen nach in Konsistenz und Farbe einer Rohwurst“. Charakteristisch sei vor allem das Brät. Es gebe unterschiedliche Formen: Nordhessische Dürre Runde, Nordhessische Stracke oder Nordhessischer Feldkieker.

Nehmen wir an, die Bemühungen der Ahle-Wurscht-Fans führen zum Happy End. Dann hat der Prüfer des Regierungspräsidiums (RP) in Gießen ein weiteres Produkt, auf dessen Kennzeichnung und Zusammensetzung er ein Augenmerk zu richten hat. Er kontrolliert in Gastronomie, auf Märkten und in Geschäften, sagt RP-Expertin Silke Schiller. Und die meisten Betriebe hielten sich an die Regeln: „Die Auffälligkeitsquote lag im vergangenen Jahr bei neun Prozent.“

Auch als Privatperson achtet Schiller auf das Herkunftszeichen. „Es ist doch besser, einen holländischen Gouda zu nehmen statt ein No-Name-Produkt.“ Leider sei der Bekanntheitsgrad des Siegels bei der Bevölkerung gering: „Dabei ist es ein Zeichen von guten Rohstoffen, Tierschutz und Regionalität.“

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