+
Die Neue Musik führt junge Musiker aus aller Welt an der IEMA in Frankfurt zusammen.

Projekt „Ulysses“

Eine musikalische Odyssee

Das Projekt „Ulysses“ verbindet Musiker europaweit, zwei hessische Institutionen sind Teil des Netzwerks.

Ismaros, Aiolia, Ogygia – seine Reise führte Odysseus über viele Inseln, durch diverse Länder und Herrschaftsgebiete. Dabei erlebte er Abenteuer, musste Rückschläge ertragen und kehrte am Ende siegreich nach Hause zurück. Diese Odyssee, die Homer in seiner „Ilias“ beschreibt und zu den berühmtesten Erzählungen der griechischen Mythologie gehört, ist Namensgeber für das Ulysses-Netzwerk, das zum zweiten Mal von der EU finanziell gefördert wird – mit zwei Millionen Euro zwischen 2016 und 2020.

Im Jahr 2013 haben sich 13 europäische Musikinstitutionen zusammengeschlossen, um junge Musiker und Nachwuchskomponisten im Bereich zeitgenössischer Musik auf internationaler Ebene zu fördern und Kooperationen zwischen den Akademien zu initiieren. Über die Odysseus-Sage hinaus ist das Netzwerk inspiriert von Künstlern des 18. Jahrhunderts, die durch Europa reisten, um ihre künstlerischen Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern. Sie machten dort Halt, wo die größten Meister arbeiteten.

Eine der 13 Musikinstitutionen ist die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) in Frankfurt, die Ausbildungsstätte des Ensemble Modern. Mit ihrem einjährigen Masterstudiengang, den sie in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt anbietet, ist sie Teil des Ulysses-Netzwerks. Die Akademie stellt jedes Jahr ein Ensemble aus bereits ausgebildeten Instrumentalisten, Komponisten, Dirigenten und Klangregisseuren zusammen, die gemeinsam ein eigenständiges Ensemble, das IEMA-Ensemble, bilden. Über die ohnehin stattfindenden Projekte des Studiengangs hinaus plant die IEMA mit jedem Jahrgang zwei Projekte, die im Rahmen des Ulysses-Netzwerks stattfinden.

So unternimmt das IEMA-Ensemble regelmäßig Reisen, besucht Partnerakademien, spielt Konzerte in anderen Städten. „Unsere Akademie könnte solche Projekte eigenständig nicht finanziell stemmen. Dank des Netzwerks können wir das Ausbildungsportfolio deutlich erweitern“, erklärt IEMA-Geschäftsführerin Christiane Engelbrecht.

Als Musikinstitution Teil von Ulysses zu sein, bedeutet ganz konkret: Reisekosten, Unterkunft und Kursgebühren kann Engelbrecht zum Teil aus dem EU-Fördertopf des Netzwerks bezahlen. Im Frühjahr erst war der aktuelle Jahrgang für zwei Wochen zu Gast bei der Impuls-Akademie in Graz, um sich zu vernetzen und gemeinsam ästhetische Konzepte der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts zu erarbeiten. „Wir sind Teil eines unglaublich wertvollen Akademiezusammenschlusses.“

IEMA-Ensemble besteht derzeit aus 14 Studierenden

Das IEMA-Ensemble besteht derzeit aus 14 Studierenden. Eine der Musikerinnen ist Oboistin Melanie Rothman. Als 15-Jährige kam se im „National Youth Orchestra“ in Großbritannien in Kontakt mit Neuer Musik, seitdem war sie immer auf der Suche nach Projekten, die sie in diesem Bereich voranbringen. So hat die 28-Jährige an der „Lucerne Festival Academy“ teilgenommen, die ebenfalls zu den Ulysses-Projekten gehört: „Das war wunderbar“, schwärmt sie. „Da haben wir so viele neue Stücke kennengelernt und gemeinsam gespielt. Dort habe ich von der IEMA gehört und bin nach meinem Masterstudium in Salzburg hier aufgenommen worden. Seitdem lerne ich ganz viel über Neue Musik – jeden Tag wartet eine neue Challenge. It’s opening my horizons. Mehr als ich dachte.“

Auch die Hornistin Ona Ramos Tintó war beeindruckt, aber auch ein wenig überrascht davon, wie groß die Neue-Musik-Szene ist. „Ich glaube, man muss an den Konservatorien mehr Neue Musik anbieten“, sagt sie. „Denn viele Leute entwickeln sich als Musiker und schauen nicht nach links und rechts. Da muss sich etwas verändern.“

Dem Ursprungsgedanken des Ulysses-Netzwerkes folgend, ist besonders die Arbeit mit jungen Komponistinnen und Komponisten wichtig. In Kooperation mit der Gaudeamus Muziekweek in Utrecht, einem weiteren Partner, bietet die IEMA jedes Jahr ein Projekt an, bei dem Komponistinnen und Komponisten über einen längeren Zeitraum mit dem Ensemble neue Werke kreieren, die dann mehrfach aufgeführt werden.

Ramos hat diese enge Zusammenarbeit in Graz erlebt. „Eine solch direkte Arbeit mit dem Komponisten kannte ich vorher nicht“, sagt sie, „das ist sehr interessant. So eine Gelegenheit hatte ich vorher nicht.“ Auch Rothman ist begeistert von den Möglichkeiten, die das Netzwerk bietet.

Als Oboistin könne sie einigen jungen Komponisten gute spieltechnische Tipps geben. „Ich glaube, die Kommunikation zwischen den Beteiligten eines Ensembles in der Neuen Musik ist viel offener als in der Klassik“, erzählt sie. „Und ich mag diesen Austausch. Der ist so frisch, motiviert und voll Energie.“ So, wie die Einzelkünstler in den jeweiligen Akademien ihren Horizont erweitern, vernetzen sich wiederum die Akademien in ganz Europa, um Wissen und Kompetenzen über alle Grenzen hinweg zu teilen.

„Einige unserer Studierenden steigen in Japan oder Südamerika in den Flieger, um die Aufnahmeprüfung für den Studiengang, das jeweils neue IEMA-Ensemble, zu absolvieren“, berichtet Engelbrecht. „Das heißt, unsere Jahrgänge sind immer multinational – und das finden wir gut.“ Es sei schön, zu beobachten, wie Menschen aus der ganzen Welt in der Muik zusammenkommen.

„Wir haben ein ganz intensives Jahr hier an der IEMA“, sagt Rothman. „Aber wenn das vorbei ist, müssen wir in die weite Welt. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir – wie in Graz zum Beispiel – mit Ulysses die Möglichkeit haben, viele interessante Musiker, Komponisten und Dirigenten kennenzulernen.“

Neue Musik zu fördern – das ist das zentrale Anliegen von Ulysses. Dabei bauen die Musikinstitutionen auf junge Musiker, Komponisten und Dirigenten. Mit Recht, findet Rothman: „Wir als junge Musiker haben einen Einfluss auf die Entwicklung von Neuer Musik. Den sollten wir nutzen.“

Von Carolin Hasenauer

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare