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Joschka Fischer, Moderator Omid Nouripour (außenpolitischer Sprecher im Bundestag) und Parteichefin Annalena Baerbock.

Landtagswahlkampf

"Die gemütliche Zeit ist zu Ende"

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Bei einem umjubelten Auftritt in Frankfurt fordert Joschka Fischer dazu auf, um Grundwerte zu kämpfen.

Die Leute hocken auf den Heizungen, sitzen auf der Treppe. „Europa“ prangt in silberfarbenen Ballonbuchstaben über der Bühne im überfüllten Saal der Evangelischen Stadtakademie. Auch wenn das „E“ gefährlich ins Trudeln kommt und manchmal nur noch „uropa“ zu lesen ist. Doch deshalb sind die Menschen nicht gekommen. Die Parole „Joschka kommt“, die schon in den 90er Jahren zog, wirkt noch immer. Und der alte Frankfurter Fischer hat tatsächlich sein Berliner Exil kurzzeitig verlassen und ist in die Heimat zurückgekehrt.

„Bravo“-Rufe empfangen ihn. „Ich freue mich, mal wieder daham zu sein“, sagt er schlicht. Seit seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundesaußenministers 2005 hatte er sich äußerst rar gemacht in Frankfurt, und bei den nachfolgenden Grünen-Generationen war der Wunsch nach Präsenz des Seniors auch nicht so groß gewesen.

Doch jetzt ist alles anders. Die Grünen schicken sich an, bürgerliche Volkspartei der Mitte zu werden, der Rechtspopulismus wächst – und Fischer platzt in das Finale eines Landtagswahlkampfs, das spannender nicht sein könnte. Und der politische Veteran ebenso wie die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock kommen umgehend zur Sache: das bedrohte Europa.

Gerade ist Fischer noch bei Sonnenuntergang durch die neue Frankfurter Altstadt gegangen, dann stand er im Kabuff hinter der Bühne einem Fernsehteam Rede und Antwort. „Bevor die Altstadt brannte, hat die Hauptsynagoge gebrannt“: Ein Satz, der eine lange geschichtliche Debatte auf prägnante Weise geraderückt.

Der Politiker macht seinem Publikum, bei dem die Grauhaarigen überwiegen, unmissverständlich klar: „Die gemütliche Zeit ist zu Ende.“ Um die Grundwerte, die bisher so selbstverständlich schienen, müsse jetzt wieder gekämpft werden.

Es gelte, für den Rechts- und Sozialstaat in Europa aktiv zu streiten: Auch und gerade in Frankfurt, der Stadt, „für die Europa eine Selbstverständlichkeit ist“. Großer Applaus.

Fischer blickt auf die Europawahl

Baerbock, mit 37 gerade halb so alt wie der Ex-Außenminister, übersetzt den Kampf ins Konkrete. Gerade die lokale Ebene bringe den Menschen „Schutz und Halt“. Es gehe darum, ihnen „ein starkes Zuhause zu geben“ – durch eine starke Sozialpolitik, durch mehr Hebammen ebenso wie durch mehr Busse und Bahnen. Wer aber in Europa Solidarität verweigere, wie die rechtspopulistische Regierung in Ungarn, den müsse man „vor den Europäischen Gerichtshof“ laden. Viel Beifall.

Fischer blickt in der Europastadt Frankfurt voraus auf die Europawahl am 23. Mai 2019. Auch er knöpft sich den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban vor. Und er rät, die Verhandlungen um den neuen EU-Haushalt nach der Wahl „zu nutzen“, um Druck auf Orban auszuüben.

Die Grünen, eine Momentaufnahme sechs Tage vor der Wahl: selbstbewusst und in gespannter Erwartung.

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