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9-Euro-Ticket in Hessen: Der zweite Härtetest

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Von: Jutta Rippegather

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Mit Geduld und Rücksichtnahme geht es besser. dpa
Mit Geduld und Rücksichtnahme geht es besser. dpa © dpa

Das Chaos bleibt an Fronleichnam aus, doch so mancher wünscht sich eine politische Strategie statt eines Strohfeuers

Das Fronleichnam-Wochenende ist der zweite Härtetest. Der erste war Pfingsten. An jenem langen Wochenende kam es durchaus vor, dass der eine oder andere Fahrgast nicht mehr in den Zug passte und auf die nächste Verbindung warten musste. Ansonsten wurde es häufig zumindest eng. Aber das befürchtete Neun-Euro-Ticket-Chaos blieb aus: Da sind sich Verkehrsunternehmen wie Fahrgastlobby einig. Die meisten Leute hatten sich die Ratschläge zu Herzen genommen, die im Vorfeld veröffentlicht worden waren. Sie brachten Geduld mit und nicht ihre Fahrräder.

Viele Familien mit wenig Geld nutzten am Feiertag die Möglichkeit für einen Tagesausflug. „Zu Fronleichnam waren wie erwartet – genauso wie schon an Pfingsten – mehr Fahrgäste als sonst in Bussen und Bahnen des ÖPNV unterwegs“, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn (DB) der Frankfurter Rundschau auf Anfrage. „Was saisonal üblich ist, wurde in diesem Jahr durch das Neun-Euro-Ticket noch leicht verstärkt.“ Insgesamt verzeichne die DB für das aktuelle verlängerte Wochenende „bislang einen geregelten Verkehr“. Das Unternehmen setze auch alles in Bewegung, was es habe, so die Sprecherin. Im Nahverkehr stünden „deutlich mehr Züge, Sitzplätze, Busse und Service-Kräfte zur Verfügung als in einem normalen Sommer“.

Zwei Wochen nach dem Start steht bereits fest: Anders als der Tankrabatt kommt dieser Teil des Entlastungspakets der Bundesregierung bei den Menschen an. Ein Drittel mehr Fahrgäste verzeichnet etwa die Hessische Landesbahn (HLB) an Pfingsten. Nicht alle fanden einen Sitzplatz, sagt Sprecherin Sabrina Walter. Doch die Kundschaft nahm das meist gelassen. „Das ging erstaunlich gut, die Fahrgäste hatten sich darauf eingestellt.“ Besonders stark frequentiert waren die HLB-Hauptverkehrsachsen: Die Nord-Süd-Strecke Frankfurt-Gießen-Kassel und die Verbindung Gießen-Siegen. Der Ansturm auf die beliebte Freizeitlinie entlang der Lahn hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen, so die HLB-Sprecherin.

Gerne würde das Schienenunternehmen sein Angebot ausweiten. Doch derzeit fahre auch bei der HLB alles, was geht: „Sämtliche verfügbaren Fahrzeuge sind im Einsatz.“ Selbst wenn der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) mehr bestelle, könne man kurzfristig keine zusätzlichen Züge organisieren.

Genau das sei ein Webfehler des Neun-Euro-Tickets, sagt Klaus Zecher vom Landesverband Pro Bahn. „Das Angebot wurde nicht ausgeweitet, das ist ein großes Manko.“ Im schlechtesten Fall würden Leute für immer vergrätzt. Eine solch kurzfristige Aktion sei schwierig. Schienenunternehmen planten mit langem Vorlauf. Die Sperrung wegen Bauarbeiten an der Main-Weser-Strecke vom 9. Juli bis 5. September sei unter komplett anderen Vorzeichen geplant worden. „Man ging von dem im Sommer üblichen ausbleibenden Schul- und Studierendenverkehr sowie einem schwächeren Pendler:innenaufkommen aus“, sagt Zecher. Doch jetzt, mit dem Neun-Euro-Ticket, reiche es nicht aus, Gießen, Marburg und Wetzlar ausschließlich alle zwei Stunden mit dem Regionalexpress an den Frankfurter Hauptbahnhof anzubinden. Viele Gelegenheitsfahrgäste würden abgeschreckt statt als Stammkundschaft gewonnen, Pendler:innen die Fahrt zur Arbeit erschwert. „Es muss auch an diejenigen gedacht werden, die ihren Job in Frankfurt machen müssen.“

Die Sommersperrung während des Aktionszeitraums zwischen Frankfurt-West und Bad Vilbel kommt zur Unzeit. Doch sie ist nötig, damit Ende nächsten Jahres die S-Bahn auf einem eigenen Gleis fahren kann. Das ist nur eine von vielen Baustellen der Deutschen Bahn, denen Neun-Euro-Ticket-Reisende bundesweit begegnen.

Dass ein größeres Angebot notwendig ist, steht für RMV-Geschäftsführer Knut Ringat schon seit Jahren außer Frage. Und auch, dass das nicht schnell gehen wird. Mehr öffentlicher Nahverkehr brauche jahrelange Vorbereitung mit Bau neuer Strecken, Einstellung und Schulung von Fachpersonal sowie Bestellung zusätzlicher Züge – und Finanzierung dieses Ausbaus. „Der Politik zeigt das Neun-Euro-Ticket die Potenziale des ÖPNV auf, macht aber auch deutlich, dass ÖPNV nicht wie Wasser aus dem Hahn auf- und zugedreht werden kann“, so Ringat weiter. Leider sei das Ticket nur auf drei Monate begrenzt. „Eine Strategie darüber hinaus fehlt.“

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