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Einer von vielen Programmpunkten: Nicky Janssen (rechts) erzählt Gutenachtgeschichten auf Esperanto mit ihrem Drachen.

Esperanto-Freunde in Wiesbaden

Wo Esperanto gesprochen wird

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Beim Neujahrstreffen der Esperanto-Freunde in Wiesbaden steht ein Konstrukt im Mittelpunkt. Bis zum 3. Januar gibt es in der Jugendherberge in der Blücherstraße zahlreiche Veranstaltungen.

Man versteht sich. Vom ersten Moment an, alle haben die gleiche Sprachmusik im Kopf. Kein babylonisches Wortgewirr trotz fast 20 unterschiedlicher Muttersprachen. Kinder aus Ländern zwischen Israel und Kanada, der Schweiz und Russland spielen ohne Sprachprobleme miteinander. Verstehen genau, wenn Tony László in einem Kurs zeigt, wie sie den Zauberwürfel „Rubik“ entzaubern können.

Nebenan lauschen Erwachsene Vorträgen über Ernährung oder mögliches Leben im Weltraum, Autoren stellen ihre neuen Werke vor. Kopfhörer mit Simultan-Übersetzung braucht hier niemand. Man versteht sich. „Wir sind Freunde geworden, weil wir die gleiche Sprache sprechen“, fasst ein junger Franzose die Kernbotschaft und die Idee zusammen. Verwirrt ist nur, wer noch nie Esperanto gehört hat.

Louis von Wunsch-Rolshoven ist Mathematiker von Haus aus. Der 62-jährige drahtige Mann, der unglaublich schnell und viel über sein Lieblingsthema und in seiner Lieblingssprache reden kann, lebt und liebt die konstruierte Plansprache Esperanto mit Leidenschaft. Bringt als Vorsitzender des Vereins Esperanto-Land immer wieder Menschen zusammen, die ein „Kulturgut“ verteidigen und es ohne Sendungsbewusstsein gerne verbreiten. Wie jetzt beim 17. Internationalen Neujahrstreffen der Esperanto-Gemeinde mit Teilnehmern aus 16 Ländern.

Als Ludwik Lejzer Zamenhof 1887 in Warschau die Grundlagen seiner „Lingvo Internacia“ (internationale Sprache) entwarf, wollte er ein Sprachmodell entwickeln, das möglichst leicht erlernbar sein sollte. Und er wollte Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen eine gemeinsame Plattform in vereinfachter Form bieten. Konstruiert, logisch, simpel, mit Sprachwurzeln in romanischen, germanischen und slawischen Wortgefilden. Eine neutrale Sprache. Der Augenarzt Zamenhof nannte sich „Doktoro Esperanto“, er wusste, dass es für ihn und seine Anhänger kein leichter Weg wird. „Doktor Hoffender“, sein Pseudonym wurde zum Namen der Sprache.

Vielleicht sind es inzwischen weltweit eine knappe Million Menschen, die Esperanto sprechen, das weiß keiner so genau. Aktiv miteinander kommunizierende Sprachgemeinschaften gibt es jedenfalls in 120 Ländern. Jeder der dazugehört, würde von einer lebenden Sprache reden. Und wenn es gegenüber den Kritikern, die das nicht so sehen, eines Beweises bedurfte, dann sollten diese mal vorbeikommen beim Neujahrstreffen in der Jugendherberge in der Blücherstraße. Der Schauplatz im dezenten Rahmen passt zur Idee und zum Anspruch der Menschen, die sich hier treffen. Leben in allen Räumen, aktive Kunst, Musik, Autoren stellen ihre neuen Projekte vor, irgendwo schildert einer Erlebnisse von einer Esperanto-Veranstaltung mit Bergwanderung im Himalaya. Überall wird viel geredet und diskutiert. 207 Menschen aus 16 Ländern, zusammengewürfelt wie bei einem internationalen Pfadfindertreffen.

Louis von Wunsch-Rolshoven spricht seit 40 Jahren Esperanto, für ihn ist es die Verbindung zu einer vielfältigen Welt. Die Vorurteile gegenüber Esperanto nennt er schlichtweg falsch. Von wegen keine lebende Sprache. „Wir haben alles, was andere Sprachen auch haben. Literatur, Kinderlieder, Witze, Verse, Redensarten, Flüche.“ Esperanto entwickele sich auch weiter durch die Sprachgemeinschaft auf allen Erdteilen.

Dass Esperanto lebt, ist in diesen Tagen bis zum 3. Januar überall in der Jugendherberge zu spüren. Dass sie auch manifestiert wird, zeigt sich im „Libro-Servo“ im Untergeschoss. Überschaubar das Angebot, aber greifbar und kaufbar. „Robinsono Kruso“ von Daniel Defoe oder „La mirinda vojagó de Nils Holgersson“ von Selma Lagerlöf, das versteht auch ein Anfänger. „La infana raso“, das Epos über die Geschichte der Menschheit, ist eher für Fortgeschrittene. Bücher, CDs, Kalender, Comics (auch für Große), mit Esperanto bedruckte T-Shirts. Der „Libro-Servo“ ist wie ein kleines Schaufenster in eine für die meisten Menschen fremde Sprachwelt.

Für Louis von Wunsch-Rolshoven und all die anderen in Wiesbaden ist sie einfach Heimat. „Esperanto ist locker, da ist man zu Hause“, so der Organisator des Treffens. Warum er die Sprache so gerne spricht? „Weil ich durch sie viele Menschen kennengelernt habe, die ich gerne mag.“

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