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„Es geht nicht ohne sie“

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Benjamin Bieber (49) ist Projektleiter für Flüchtlingshilfe und Integration beim Regionalverband Hanau und Main-Kinzig der Johanniter.
Benjamin Bieber (49) ist Projektleiter für Flüchtlingshilfe und Integration beim Regionalverband Hanau und Main-Kinzig der Johanniter. © Privat

Flüchtlingshelfer Uwe Niemeyer und Benjamin Bieber über die Willkommenskultur, das große ehrenamtliche Engagement und die Vermittlung der Freiwilligen

Uwe Niemeyer und Benjamin Bieber koordinieren gemeinsam die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe in Hanau. Im Gespräch erzählen sie von den Wochen nach dem russischen Einmarsch und von der Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit.

Herr Niemeyer, Herr Bieber, wie sahen die Tage nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine bei Ihnen aus?

Niemeyer: Zwei bis drei Tage nachdem Putin einmarschiert ist, ging es los. Wir haben die Website aktiviert, die wir bereits 2015 genutzt hatten, und Menschen haben sich direkt aktiv gemeldet. Mir haben Leute einfach gesagt: „Ich komme hin, wo ihr mich braucht.“

Bieber: Genau, das System haben wir im März nach und nach aufgebaut, aber durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre gab es schon eine sehr gut organisierte Willkommenskultur. Das Netzwerk zwischen der Stadt, den Initiativen und Ehrenamtlichen funktioniert und ist tragfähig. Alle haben einen guten Draht.

Wie funktioniert dieses Netzwerk genau?

Niemeyer: Interessierte können sich über die Website anmelden, und wir leiten die Formulare an unseren Partner, die Johanniter, weiter.

Bieber: Und wir vermitteln die Ehrenamtlichen. Aufgaben sind zum Beispiel Kinderbetreuung, Unterbringung von Haustieren, Umzugshilfe oder, auch ganz wichtig, das Dolmetschen.

Niemeyer: Wir haben viele ukrainisch oder russisch Sprechende, die uns unterstützen.

Bieber: 49 sind es bisher, und es werden täglich mehr.

Und alle arbeiten ehrenamtlich?

Bieber: Ja, wir können es uns ohne sie nicht vorstellen. Ehrenamtliche sind viel aktiver, als wir es in der Öffentlichkeit wahrnehmen.

Niemeyer: Absolut. Es geht nicht ohne sie, so viel lässt sich sagen. Ein Mann hat mir erzählt, dass 100 Geflüchtete seine Nummer haben. Morgens standen einmal mehr als 20 Frauen an der Unterkunft, die helfen wollten. Mit Kindern und allem drum und dran. Es ist Wahnsinn, ich kann davor nur den Hut ziehen.

Wissen die Menschen, die sich engagieren, dass ihre Arbeit so sehr gebraucht und wertgeschätzt wird?

Niemeyer: Ich hoffe es. Schon nach der ersten E-Mail bekommen sie einen Dank für die freiwillige Arbeit.

Bieber : Ich finde es zudem wichtig, auch persönlich Kontakt aufzunehmen. Wir wollen die Menschen kennenlernen und können dann auch oft besser einschätzen, wo sie sich einbringen können.

Nicht jede Person kann ukrainisch sprechen und dolmetschen.

Bieber : Eben. Unsere Haltung ist klar: Alle werden mitgenommen. Wenn man sich engagiert, will man auch gebraucht werden. Es ist ein Weg, mit der Hilflosigkeit umzugehen.

Niemeyer : Viele Ehrenamtliche kennen wir auch schon seit 2015. Das sind Leute, die nie weg waren.

Bieber : Es braucht schon eine gewisse Haltung, vor allem in der Flüchtlingshilfe.

Was ist, wenn es Menschen zu viel wird? Es ist ein Unterschied, ob man sich über einige Wochen oder einige Monate engagiert.

Niemeyer : Wenn wir sehen, dass sich Menschen aufreiben, versuchen wir Stabilität zu geben. Es ist wichtig, aufeinander aufzupassen. Wir wissen nicht, wie die nächsten Monate aussehen werden und was auf uns zukommt. Helfer:innen werden erschöpft sein, und wir werden weiter Menschen brauchen. Niemand sollte sich scheuen, zu helfen.

Interview: Greta Hüllmann

Uwe Niemeyer (56) ist Leiter der Koordinierungsstelle Ukraine-Hilfe der Stadt Hanau.
Uwe Niemeyer (56) ist Leiter der Koordinierungsstelle Ukraine-Hilfe der Stadt Hanau. © Privat

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