+
Die Schulpflicht wurde ins Leben gerufen, „um Kinder gegen Kinderarbeit zu schützen“, erklärt Bellenberg.

Interview

„Man muss sich an Meinungen reiben, die einem fremd sind“

  • schließen

Die Erziehungswissenschaftlerin Gabriele Bellenberg hält die Schulpflicht heute für besonders wichtig.

Frau Bellenberg, brauchen wir eine Schulpflicht?
Sie wurde einst durchgesetzt, um Kinder gegen Kinderarbeit zu schützen. Man muss auch sehen, dass sie bereits im 18. Jahrhundert ausgerufen wurde, aber nur sehr schwer durchzusetzen war. Vor allem in den ländlichen Gebieten, wo die Kinder als Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gebraucht wurden. Erst die Schulpflicht aber ermöglichte es vielen Jungen und Mädchen durch Bildung, auch andere Wege zu gehen. Heute ist diese Schutzfunktion vielleicht nicht mehr ganz so unmittelbar zu erkennen. Aber noch immer bietet die Schulpflicht die Garantie, dass Kinder etwas anderes kennenlernen können als das, was in ihrer Familie an Vorstellungen existiert.

Länder wie Österreich, Frankreich oder die USA kennen lediglich eine Unterrichtspflicht. Dort werden die Lernergebnisse durch den Staat überprüft, aber es ist nicht wesentlich, wie und wo sie zustande gekommen sind.
Man kann auch hier historisch ansetzen. Der Adel und das gehobene Bürgertum konnten ihre Kinder durch Hauslehrer viel besser ausbilden, als das die breite Schicht der Bevölkerung konnte. Lediglich eine Unterrichtspflicht statt einer Schulpflicht zu haben, verstärkt die Standes- und Klassenunterschiede. Wenn aber alle in die Schule gehen müssen, kann das beitragen, Unterschiede zu verringern. Das Schulwesen ist emanzipativ angelegt, das heißt, dass zumindest von der Idee her Menschen aufgrund ihrer Herkunft keine Privilegien mitbringen.

Kritiker der Schulpflicht führen ins Feld, sie wollten ihr Kind ganz besonders gut individuell fördern. Das könne Schule entgegen aller Versprechungen nicht leisten.
Schule vereinnahmt ja nicht die komplette Zeit von Kindern und Jugendlichen. Familien haben daneben immer noch Zeit, ihre Kinder individuell zu fördern, und das geschieht ja auch. Leistungsbereitschaft entwickelt sich auch dadurch, dass ich mich mit anderen messe. Kreativität entsteht sehr häufig in der Auseinandersetzung mit anderen. Das erreiche ich durch die Schulpflicht.

Gabriele Bellenberg ist Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik.

Andere argumentieren, sie wollten nicht, dass ihr Kind in der Schule mit Sexualkunde konfrontiert wird, oder sie lehnen es aus religiösen Gründen ab, dass Mädchen am Schwimm-unterricht teilnehmen oder die Kinder die Evolutionstheorie kennenlernen, während zu Hause möglicherweise andere Welterklärungsmodelle gelten.
Die Schulpflicht ist auch der Versuch, Menschen in eine Gemeinschaft zu bringen, sie gemeinsam lernen zu lassen, wobei sie sich gegenseitig sozialisieren. Menschen haben ein Recht und vielleicht auch die Pflicht, sich mit verschiedenen Vorstellungen auseinanderzusetzen. Dazu gehören Auseinandersetzungen mit Menschen, die anders denken. Jeder muss die Möglichkeit erhalten, seine eigene Position zu finden, da bin ich ganz klar Anhänger der Aufklärung. Wenn das Kind dann nachher sagt, ich bin von dem überzeugt, was meine Eltern mir beispielsweise über die Beschaffenheit von Erde und Himmel vermitteln, dann ist da ja in Ordnung. Aber jeder sollte doch die Möglichkeit haben, sich dazu seine eigene Meinung zu bilden, abgesehen von dem, was zu Hause gilt.

Immer mehr Menschen verhalten sich dem Staat gegenüber distanziert oder sogar feindlich. Ist das Ringen um die Schulpflicht auch ein Machtkampf zwischen Eltern und Staat?
Ja, und es ist ja auch berechtigt, dass der Staat sich rechtfertigen muss, wenn er in das Erziehungsrecht der Eltern beispielsweise durch die Schulpflicht eingreift. Das ist schließlich ein besonders geschütztes Recht der Eltern. Die Auseinandersetzung trägt auch dazu bei, dass der Staat immer wieder seine Grenzen kennenlernt. Aus gesellschaftlicher Sicht denke ich, dass gerade heute, wo wir uns über die sozialen Medien oft nur mit Gleichgesinnten austauschen, in Meinungsblasen eingeschlossen sind, die Schulpflicht an Bedeutung noch gewonnen hat, weil man dort gezwungen ist, sich auch an Meinungen zu reiben, die einem fremd sind.abriele Bellenberg (51) ist Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie leitet dort als geschäftsführende Direktorin das Institut für Erziehungswissenschaften. Seit 2014 ist sie zudem stellvertretende Direktorin des Instituts für Bildungsforschung und Bildungsrecht.

Gabriele Bellenberg - Zur Person

Gabriele Bellenberg (51) ist Professorin für Schulforschung und Schulpädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Sie leitet dort als geschäftsführende Direktorin das Institut für Erziehungswissenschaften. Seit 2014 ist sie zudem stellvertretende Direktorin des Instituts für Bildungsforschung und Bildungsrecht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare