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Kurz vorm Regentanz: Reporter Stillbauer simuliert einen Wetterclip.

Stillbauer schafft

Erst mal die Narren retten

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Beim Deutschen Wetterdienst geht es oft um den Schnee von morgen – aber am stürmischen Rosenmontag ist Soforthilfe gefragt.

Um kurz nach elf wird’s langsam ernst. „Oh, 110 km/h?“, entfährt es Lars Kirchhübel. „In Gießen?“ Das ist dann doch reichlich Wind für so einen Tag. Einen Tag, an dem im ganzen Land die Narren auf die Straße wollen. Fünf Minuten später gleich noch mal: „Oh – 111 km/h jetzt an der Küste!“

Es ist Rosenmontag, und es ist Sturm. 103 bis 117 Kilometer pro Stunde: orkanartiger Sturm. Über 117 wäre es sogar ein Orkan, Windstärke 12 – so steht es auf dem Schild zwischen den zehn Computerbildschirmen, an denen wir arbeiten. Lars Kirchhübel, Diplom-Meteorologe, und ich, Beinahe-Meteorologe. Aber dazu später. Jetzt wollen wir erst mal die Narren retten.

Um 7 Uhr beginnt die Schicht des Mediendienstes beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach. Dann muss als Erstes der Bericht für den Deutschlandfunk raus, und um 7.30 Uhr folgt dann die Deutschland-Wettervorhersage. Für den FR-Reporter gibt es erstmal einen Begrüßungsregenschauer auf dem beschaulichen Weg von der S-Bahn-Station Kaiserlei vorbei an Hochhausgerippen hin zum Hauptquartier des DWD. Drinnen steht eine Frau an der Glastür und sagt sichtlich enttäuscht: „Wie, das regnet?!“

Oh. Also wenn sie es hier nicht vorher wissen, wo dann?

Der Speisenplan fürs Betriebscasino verzeichnet Königsberger Klopse, vegetarische Frühlingsrolle und drei Gesichter mit lustigen Fastnachtshüten. Lars Kirchhübel, 40, holt mich aber unverkleidet beim Pförtner ab und nimmt mich mit in den sechsten Stock. Dort, im Großraumbüro mit etwa zehn Arbeitsplätzen, ist es einigermaßen dunkel und ziemlich ruhig. Aber nur bis Punkt 8.30 – da geht die Absprachekonferenz mit den Kollegen im ganzen Land los.

„Hallo, bin ich da richtig bei der Wettervorhersage?“

„Ja, wie kann ich helfen?“

„Ich wollte nur Bescheid geben: Die Feuerwehr pumpt gerade Ihre leichte Bewölkung aus meinem Keller.“

Chef im Ring ist Bernd Zeuschner, der Supervisor, der nun reihum die Kollegen in Potsdam, Leipzig, München, Essen und Stuttgart zur Telefonrunde begrüßt. „Hallo? Stuttgart? Stuttgart?“ – “… jaaa, Stuttgart, guten Morgen!“ Dann können wir ja.

„Der Wind ist schon im Gang, die Warmfront ist schon weit rausgedrängt“, sagt Zeuschner den anderen. „Üppige Ostwinde werden in den Schauerwinden hübsch nach unten gemischt“, kündigt er an. „Wir haben gut und gerne die Beaufort 10 mit dabei, ich kann auch die Beaufort 11 nicht ganz ausschließen.“ Also Windstärke 11, die zweithöchste. Eine weise Prognose, wie sich in zweieinhalb Stunden zeigen wird.

Zeuschners Vortrag ist gewiss eine Viertelstunde lang, durchaus länger als sonst, denn: Es ist, wie gesagt, Rosenmontag. Und es ist Sturm. Typisch. Den ganzen Februar herrliches Wetter, aber kaum ist Rosenmontag – Sturm. „Ich habe mal versucht, zu extrapolieren, wann NRW betroffen ist“, sagt Zeuschner. „Es kann sein, dass sie da Glück haben mit der Verlegung in Düsseldorf.“ Da wollen sie den Karnevalszug später starten, erst am frühen Nachmittag, wegen des Sturms. Auf einem unserer Bildschirme jagen die Tiefdruckgebiete „Bennet“, „Alexander“ und „Cornelius“ einander. Die anderen Monitore zeigen unendlich viele Karten und Zahlen, mitunter zwölf Karten auf einem einzigen Display.

„Dann zu dir, Markus“, sagt Zeuschner. Markus Übel sitzt einen Schreibtisch weiter und ist für die Warnungen zuständig. Wind- und Schneewarnungen seien heute zu erwarten, sagt er. „Wir haben 135 km/h auf der Zugspitze“, sagt der Kollege aus München. „Und die Schneefallgrenze – ich möchte sagen: die Schnee-Liegenbleibgrenze – bei 1300 Metern.“ Zeuschner bittet alle Kollegen um Augenmaß. „Dass da große Gebiete rot sind, das will ich eigentlich nicht sehen“, sagt er. Rot bedeutet Alarm. Die Meteorologen wollen informieren, sie wollen auch rechtzeitig warnen, aber sie wollen keine Alarmstimmung verbreiten, wenn es nicht unbedingt sein muss.

„Als was haben Sie denn bisher gearbeitet?“

„Als Wahrsager.“

„Dann hätte ich hier eine Stelle als Meteorologe für Sie.“

Lars Kirchhübel ist auch Dozent an der Meteorologenschule in Langen, hat 2013 beim DWD angefangen, 2008 sein Diplom in Köln gemacht und schon ganz früh gewusst, was er wollte. „Ich war immer begeistert vom Wetter“, sagt er. „Ich wollte nie rein ins Haus, sondern raus und das alles sehen. Physikalische Phänomene haben mich immer interessiert. Es war vor dem Abi klar, dass ich in diese Schiene will.“

Andere Leute hatten diese Idee erst nach dem Abi. Und auch nur kurz. Gewisse spätere Reporter der Frankfurter Rundschau beispielsweise, die sich 1983 für Meteorologie in Frankfurt einschrieben (hatte keinen Numerus clausus) und dann in der ersten Studienwoche verblüfft feststellten: Das ist ja nur Mathe und Physik! Nichts als Mathe und Physik! Ausgerechnet die beiden Fächer, die gewisse spätere Reporter ungefähr genauso gut beherrschten wie einarmiges Fliegen in 7000 Metern Höhe oder Fensterscheiben mit geschlossenen Augen am Geschmack erkennen.

Aber das nur am Rande. Ich bin also absoluter Experte für diesen Wettereinsatz am Rosenmontag. Was machen wir als Nächstes? Den Bericht für die Deutsche Presse-Agentur schreiben. Ruhig ein bisschen blumig, anders als den eher nüchternen Text für den Deutschlandfunk am frühen Morgen. Mit einer kalten Dusche sei am Donnerstag zu rechnen, schreiben wir. Das ist allerdings Schnee von morgen. Was die Medien heute interessiert, sind die schlimmen Tornados in den USA – der DWD ist weltweit vernetzt – und vor allem nach wie vor: das Fastnachtswetter.

Draußen vor dem Fenster biegen sich die Bäume, Regen peitscht gegen den sechsten Stock, Laub wirbelt vorbei.

Der Kollege aus Essen hat bereits die Segel gestrichen. Er ist allein im Dienst, muss Wetter vorhersagen, vor Sturm warnen und die Anfragen der kompletten NRW-Presse beantworten. Das geht nicht. Er tritt die Pressearbeit also für heute an die Frankfurter ab. Und die stellen irgendwann im Lauf des Vormittags fest: Die Pressestelle ist leer. Also übernimmt Lars Kirchhübel den Job teilweise auch noch.

Medienarbeit, ein weites Feld. Inge Niedek, die erfahrene Kollegin, jahrelang Wetterfrau beim ZDF, coacht die DWD-Meteorologen darin. Aber auch sie kann ihnen keine psychologische Patentlösung dafür an die Hand geben, wenn mal ein Shitstorm losbricht. Das kommt vor. Das E-Mail-Fach ist für alle Bürger offen. „Da kann jeder reinmeckern“, sagt Kirchhübel, „etwa 25 Prozent der Zuschriften sind kritisch.“

Das Berufsbild, sagt er, verlagere sich: „Es geht mehr und mehr um Transfer.“ Wie das Wetter wird, ermitteln automatische Programme – obwohl ein erfahrener Meteorologe immer noch schneller darin sei als die Maschine. Aber die Maschine kann das Wetter nicht präsentieren.

Diidii didit didiidii didit – wer kennt noch die gute alte „Tagesschau mit Wetterkarte“, die am Ende der Nachrichten tatsächlich nur eine Karte zeigte, „Kammlagen der hessischen Mittelgebirge in Wolken“, und danach eine Art Morse-Ton zum Abschluss sendete? Seither ist das Wetter in der medialen Wahrnehmung praktisch explodiert, Leute wie Jörg Kachelmann, Claudia Kleinert und Thomas Ranft wurden Bildschirmstars. „Das ist Show“, sagt Lars Kirchhübel, aber er meint es keineswegs abwertend. „Das Gute ist: In diesen 120 Sekunden können Sachverhalte erklärt werden.“

Und das interessiert die Leute. Bestes Beispiel: die Aufregung um das Murmeltier Punxsutawney Phil, jedes Jahr im Februar, wenn es aus seiner Höhle gezerrt wird, um das Wetter für die nächste Wochen vorherzusagen. „Wir belächeln es“, sagen die Meteorologen. „Das ist ganz nett.“ Und wenn sie immer und immer wieder als Wetterfrösche bezeichnet werden: na gut. Der Frosch auf seiner Leiter – er reagiere halt auf den Luftdruck, genau wie andere Tiere. Vögel zum Beispiel.

Wenn andere Leute aus Verlegenheit einen Smalltalk übers Wetter anfangen – für Meteorologen ist es keiner. Für sie wird es dann erst richtig spannend. Da sind die anderen Leute auf der Party dann oft erstaunt.

Muss eigentlich immer Wind kommen, sobald es regnet? Das ist kontraproduktiv, wenn man sich mit einem Schirm schützen will, der dann – wusch! – nach oben gestülpt wird. Nein, muss nicht, sagt Lars Kirchhübel und erklärt auch anhand einiger Fachbegriffe, warum nicht. Der Reporter nickt und versucht, verständig zu wirken und weiß: gut aufgepasst bei der Berufswahl. Beide.

Was machen die Kollegen im Großraum? Einer macht die „Mittelfrist“, also alles, was erst nach dem heutigen Wetter kommt. Von ihm wollen Schokoladenhersteller wissen, wann sie ihre Sonderprodukte auf den Markt bringen sollen, Stichwort: Hitze. „Die Aussichten momentan werden die Landwirte freuen“, sagt er.

Ein anderer analysiert alle Messwerte, auch jene von Bojen auf dem Meer. Einen Tisch weiter sitzt der Mann parat, der weiß, in welche Richtung der Rauch nach einem Großbrand ziehen wird. Oder nach einem Vulkanausbruch wie 2010 am Eyjafjallajökull in Island, als der europäische Flugverkehr ruhen musste. Er wusste auch, wohin die Radioaktivität nach dem Erdbeben in Fukushima zog – noch ehe die japanische Regierung darüber Informationen herausgeben wollte.

Und das Klima? Der Wandel? Kein Thema in Offenbach, jedenfalls nicht bei den Wetterleuten. „Man spricht erst ab Zeiträumen von 20, 30 Jahren von Klima“, sagt Kirchhübel. „Insofern liegt das außerhalb unseres Zuständigkeitsbereichs.“ Damit beschäftigen sich andere Abteilungen des Deutschen Wetterdienstes. Auch mit dem Pollenflug übrigens.

Jetzt aber rüber an einen weiteren PC, den Wetter-Clip produzieren. Der erfahrene Meteorologe lädt eine Vorlage, schiebt mit der Maus ein paar Sonnen, Wolken und einige entzückende kleine Gewitter ins Bild, speichert ab und nimmt mich mit in den Keller. Da ist das Studio, in dem das Filmchen zu Ende gedreht wird – mit dem Meteorologen im Bild: mit mir! Man kann sich selbst auf einem großen Bildschirm sehen, wie man vor der Wetterkarte steht und übers Wetter spricht. Aber was sagt man da bloß? Ich deute auf einige Städte, etwa Mailand, das nächste große Reiseziel der Eintracht, dann Marseille und Bordeaux, zurückliegende große Reiseziele der Eintracht, und dann auf Barcelona und Madrid, die Reiseziele der Eintracht in der kommenden Saison, und quatsche dazu einigen Blödsinn.

Anschließend stellt sich Lars Kirchhübel hin und erzählt, wie das Wetter wird, heute, morgen, übermorgen. Respekt. Wo ist der Teleprompter? Gibt’s nicht. Dann nimmt er das Ganze noch mal auf. Nicht etwa, weil er sich versprochen hätte, sondern weil der FR-Fotograf durchs Bild gelaufen ist. Die meteorologische Assistentin Nadine Klapper schneidet alles, setzt Intro und Abspann dazu, und ab geht der Film – ans Ministerium. Heute war es nur ein Trainingsclip. Normalerweise können ihn alle sehen, auf Twitter, Facebook und der DWD-Website.

So. Die Narren-Hochburgen haben den Sturm gut überstanden. Auf Twitter hat Kollege Kirchhübel den Scherz des Satiremagazins „Postillon“ weitergegeben: „Deutscher Wetterdienst rät Menschen mit Segelohren, das Haus nicht zu verlassen.“ Und wie wird das Wetter nun? Also ... der Freitag sieht ganz gut aus. Ansonsten: immer närrisch bleiben!

Wenn der Hahn kräht

auf dem Mist, ändert sich das Wetter, oder es bleibt, wie es ist. (Bauernregel)

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