1. Startseite
  2. Rhein-Main

"Erst müssen wir die Wende schaffen"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Für die Angst der Neckermänner hat Maassen Verständnis.
Für die Angst der Neckermänner hat Maassen Verständnis. © Arnold

Sun-Capital-Manager Frank Maassen begründet den Stellenabbau und weitere Sanierungsschritte bei Neckermann.

Herr Maassen, die Sitzung des Neckermann-Aufsichtsrats wurde heute von Protesten begleitet. Sind Sie das als Vertreter eines Finanzinvestors gewöhnt?

Das kommt schon mal vor, ist aber eher die Ausnahme.

Die Leute bei Neckermann haben Angst, sie haben Wut im Bauch - verstehen Sie die Gefühle der Beschäftigten?

Zu hundert Prozent. Auch einem Investor macht es keinen Spaß, Personal abzubauen.

Warum tun Sie es dann?

Neckermann steckt in Schwierigkeiten. Wir müssen alles tun, damit das Unternehmen überlebt. Dazu gehören auch unpopuläre Maßnahmen wie Stellenabbau. Wir sparen aber nicht einseitig am Personal. Zwei Drittel der Einschnitte haben nichts mit den Beschäftigten zu tun.

500 Stellen werden abgebaut, das steht fest. Könnten es am Ende aber noch mehr werden?

Das wird die Geschäftsentwicklung zeigen. Unser Ziel ist es, mit den jetzt beschlossenen Maßnahmen bis Ende 2009 eine schwarze Null zu schreiben. Aber die Konjunktur im Allgemeinen und der Einzelhandel im Besondern bergen ein hohes Risikopotenzial. Insofern muss ich Ihre Frage offen lassen. Es ist aktuell aber keine zweite Stufe geplant.

Sun Capital will mit Neckermann doch Geld verdienen?

Ja. Sun Capital ist eine Beteiligungsgesellschaft, die Firmen kauft, entwickelt und dann wieder verkauft. Im Gegensatz zu der Mehrheit der Finanzinvestoren kaufen wir grundsätzlich keine Firmen, die gut laufen, sondern solche, die Geld verlieren oder vor der Pleite stehen. Insofern retten wir auch Unternehmen. Denn oft heißt die Frage: verkaufen oder schließen. Wir sind häufig der Letzte, der bereit ist, das Risiko einzugehen.

Dabei bedienen Sie aber voll das Klischee - kaum ist die Heuschrecke im Haus, schon wird ein Zehntel der Personals gefeuert.

Nochmal: Neckermann macht hohe Verluste. Wir müssen nun darauf achten, schnellstmöglich wieder profitabel zu werden. Dazu bedarf es harter Schnitte. Das wird Neckermann stabilisieren und in die Phase des Wachstums bringen.

Wie krank ist Neckermann?

Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen signifikante Verluste im zweistelligen Millionen-Bereich geschrieben. Wir erwarten 2008 eine deutliche Ergebnisverbesserung. Jedoch werden auch in diesem Jahr signifikante Verluste im zweistelligen Millionen-Bereich anfallen.

Ihr Risiko bei dem Geschäft ist relativ gering. Sie müssen Neckermann jetzt zwar auf Vordermann bringen, dafür haben Sie aber die Mehrheit von Arcandor umsonst bekommen.

Wir haben mit 51 Prozent die Mehrheit an Neckermann und die volle operative Führung der Geschäfte übernommen. Arcandor und Sun Capital haben aber je 50 Millionen Euro in eine Holding eingebracht. Die 50 Millionen Euro sind unsere Investition. Damit verdienen wir jedoch kein Geld. Die Geschäfte müssen sich jetzt positiv entwickeln, um Neckermann zu einem Zeitpunkt X möglichst mit Gewinn verkaufen zu können.

Arcandor alleine will bis zu 300 Millionen Euro bei einem Weiterverkauf auf die Hand haben.

Es wird sich erst in einigen Jahren zeigen, zu welchem Preis das Unternehmen tatsächlich zu verkaufen ist.

Kritik wird auch am Zeitplan laut: In zwei Jahren schon soll Neckermann wieder Gewinn machen. Der Betriebsrat wirft Sun Capital vor, kein Interesse an einem langfristigen Engagement zu haben.

Wir verkaufen grundsätzlich erst dann, wenn Neckermann wieder auf festen Beinen steht. Das kann in zwei, in drei oder in fünf Jahren sein. Im Schnitt verkaufen wir die Firmen nach vier Jahren weiter.

Wer könnte als Käufer von Neckermann in Frage kommen?

Ein strategischer Geldgeber oder ein Finanzinvestor. Aber auch der Gang an die Börse ist eine Möglichkeit. Derzeit denken wir aber nicht an den Ausstieg. Erst müssen wir die Wende schaffen.

Und wie wollen Sie die Wende bei Neckermann schaffen?

Das Internet hat großes Potenzial, das müssen wir für Neckermann nutzen. Derzeit gehen 55 Prozent der Bestellungen bei Neckermann über das Internet ein, in zwei Jahren soll der Anteil bei 70 Prozent liegen.

Neckermann steht aber eher als Symbol für das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Wie soll ausgerechnet eine solche Traditionsmarke gegen Ebay & Co. bestehen?

Wir werden unser Sortiment straffen, uns auf die Bereiche Textilien, Möbel und Technik spezialisieren. Für große Markenhersteller ist neckermann.de eine attraktive Plattform mit großer Reichweite.

Wie wollen Sie die Belegschaft motivieren? Mit Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich?

Mit offener Kommunikation und einem überzeugenden Restrukturierungs- und Entwicklungsplan. Es ist besser, zwei Stunden länger zu arbeiten, um Stellen zu sichern, als später den Umfang des Personalabbaus erhöhen zu müssen.

Interview: Peter Dietz

Auch interessant

Kommentare