1. Startseite
  2. Rhein-Main

Wieder ein erstaunlicher Fund in der Grube Messel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Annette Schlegl

Kommentare

Der hintere Schlangenabschnitt in der Vergrößerung. Laut Forschungsteam sind Schädelknochen von mindestens zwei Embryonen zu erkennen.
Der hintere Schlangenabschnitt in der Vergrößerung. Laut Forschungsteam sind Schädelknochen von mindestens zwei Embryonen zu erkennen. © Senckenberg

In der Grube Messel bei Darmstadt ist eine versteinerte Boa mit Jungtieren im Bauch entdeckt worden – der weltweit erste fossile Beweis einer lebend gebärenden Schlange.

In der Grube Messel ist wieder einmal Aufsehenerregendes entdeckt worden: eine Boa mit mindestens zwei Embryonen im Leib. Das Fossil, das im Ölschiefer der Grube konserviert wurde, stammt aus dem Eozän, ist also rund 47 Millionen Jahre alt. Es ist der weltweit erste fossile Beleg für lebendgebärende Schlangen.

Entdeckung der fossilen Schlangen-Embryos durch neue Methoden bei der Untersuchung

Das Tier wurde nicht bei der diesjährigen Grabung in der Fossillagerstätte bei Darmstadt entdeckt, sondern stammt aus der Messel-Sammlung des Frankfurter Senckenberg-Instituts, wurde also schon vor längerer Zeit in der Grube Messel ausgegraben. Der Fund sei aber erst jetzt mit Mikro-CT untersucht worden, erklärt Judith Jördens von der Pressestelle der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung. „Wir haben vieles, was nach und nach mit neuen Methoden untersucht wird“, sagt sie.

Krister Smith, Abteilungsleiter der Messel-Forschung in der Senckenberg-Gesellschaft, hat im Team mit deutschen und argentinischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Skelette der Embryonen in der fossilen Schlange entdeckt, die nicht ganz vollständig erhalten ist. Anhand der morphologischen Merkmale, mit denen Taxonomen Lebewesen in eine bestimmte Kategorie einordnen, konnte das Fossil als Boa beschrieben werden. Es wurde einer Art zugeordnet, deren Name auf den Fundort hinweist: Messelboa oder lateinisch Messelophis variatus. Diese Art kommt am häufigsten in der Grube Messel vor. Sie ist etwa 50 Zentimeter lang und mit den heutigen Zwergboas Mittelamerikas verwandt.

Schädelknochen von Jungtieren im hinteren Teil der versteinerten Messelboa

Das 47 Millionen Jahre alte Exemplar überraschte die Forschenden: Im hinteren Teil des Rumpfes, ein gutes Stück hinter dem Magen, fanden sie Schädelknochen von kleinen, nicht mehr als 20 Zentimeter großen Tieren. „Würde es sich dabei um Beutetiere der Schlange handeln, wären diese so weit hinten im Darm bereits zersetzt und nicht mehr zu erkennen“, sagt Agustín Scanferla, Mitautor der Studie „The Science of Nature“, die den Fund beschreibt.

Schlangen sind Reptilien, und die meisten heute lebenden Reptilien legen zur Fortpflanzung Eier. Allerdings weichen Eidechsen, Chamäleons, Nattern und Boas von dieser Norm ab und bringen ihren Nachwuchs lebendgebärend zur Welt. Bei der Lebendgeburt bleiben die Jungen im Körper des Weibchens, bis sie lebensfähig sind – das macht eine schützende Eischale überflüssig. Die Senckenberger ordneten die versteinerten Schädelknochen sehr jungen Schlangen zu, die weiter als in einem ungelegten Ei entwickelt sind. Das Muttertier ist somit ein trächtiges, lebendgebärendes Weibchen.

Fossile Schlange aus der Grube Messel gibt noch Rätsel auf

Fortpflanzungsereignisse seien generell sehr selten fossil erhalten, sagt Krister Smith. Fossilbelege von lebendgebärenden Reptilien noch seltener: Bislang seien nur zwei entdeckt worden. Der Fund aus der Grube Messel sei nun der weltweit erste einer lebendgebärenden Schlange. Das Unesco-Welterbe Grube Messel hat sich also erneut als Schatzkammer der Evolution erwiesen.

Die Forschenden rätseln aber noch, warum die Boas vor 47 Millionen Jahren ihren Nachwuchs lebend zur Welt brachten. Lebendgeburten werden evolutionär hauptsächlich Reptilien in kalten Klimazonen zugeordnet. Als der eozäne Messelsee entstand, herrschte auf der Erde aber ein Treibhausklima mit warmen Temperaturen.

Auch interessant

Kommentare