+
Moderator Christian Bienert und Marlies Kahlfeldt mit Hörerpost nach 1989.

Museum für Kommunikation

Vom kleinen Glück

  • schließen

Das Museum für Kommunikation Frankfurt widmet der Quizsendung „Das klingende Sonntagsrätsel“ eine Ausstellung, die die Postkontrolle in der DDR zum Thema macht, aber auch die Träume der Menschen.

Für viele Menschen gehörte sie zum sonntäglichen Ritual: „Das klingende Sonntagsrätsel“, eine Quizsendung, die der Rias seit 1965 in Ost- und Westdeutschland ausstrahlte. Sechs Melodien wurden den Hörern vorgespielt. Zu jeder stellte Moderator Hans Rosenthal eine Frage. Die Antwort – jeweils ein Buchstabe – ergab dann zusammengesetzt ein Lösungswort. Wer es einsandte, konnte auf einen kleinen Gewinn hoffen. Ein kleines Glück.

Viele Menschen fanden Gefallen an diesem Spiel – auch in der DDR. Davon zeugen 4500 Briefe und Postkarten, die man 2002 in der Außenstelle des Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen (BStU) in Dresden fand, die meisten an „Das klingende Sonntagsrätsel“ adressiert. Sie erreichten den Rias nie, denn sie wurden vorher bei der Stasi-Postkontrolle abgefangen und ausgewertet. „Wir müssen als Ministerium für Staatssicherheit über alles Bescheid wissen“, lautete die Parole, die Erich Mielke ausgegeben hatte.

Das Frankfurter Museum für Kommunikation widmet dem „Klingenden Sonntagsrätsel“ nun eine Ausstellung, die einen Bogen schlägt zu den Kontrollmechanismen und Einschüchterungsmethoden der DDR, aber auch zu den Träumen der Menschen. Denn die Post steckt voller Lebensgeschichten, Hoffnungen, Ängste und manchmal auch politischer Äußerungen.

Studierende des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin haben die Archivbestände des BStU gesichtet und analysiert. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der noch immer beliebten Quizsendung, die heute im Deutschlandradio ausgestrahlt wird, werden die Ergebnisse nun in der Ausstellung mit dem Titel „Abgeschickt, abgefangen, aufgefunden. ‚Das klingende Sonntagsrätsel‘ und die Postkontrolle in der DDR“ präsentiert.

Zur Eröffnung kommt auch Christian Bienert, der nach dem Tod von Hans Rosenthal 1987 die Moderation der Quizsendung übernahm. Er erinnert sich an rührende Briefe: „Ich bekam sogar die Bestellung für einen Trabi.“ Nach dem Fall der Mauer schwoll die Hörerpost sintflutartig an. Im März 1990 erreichten über 330 000 Briefe und Postkarten aus der DDR den Sender. Den Menschen ging es oftmals gar nicht um das Gewinnspiel. In der Ausstellung sind Karten zu sehen, die die Hörer mit Zeichnungen versehen und Aufklebern geschmückt haben.

Das Leitmotiv in der Ausstellung ist ein geöffneter Brief, der symbolisch für die Postkontrolle steht. 40 Originalbriefe sind zu sehen, ein DDR-Störsender sowie eine typische Wohnungseinrichtung, die die Atmosphäre am sonntäglichen Frühstückstisch simulieren soll. Bedrückend sind die Überwachungsaufnahmen eines Briefkastens in der DDR. Die Stasi fotografierte Menschen beim Posteinwurf. Anschließend holte sich ein Stasi-Mitarbeiter in Postuniform die vermeintlich verdächtigen Briefe.

DDR-Bürger, die an den Rias schrieben, verwendeten häufig Deckadressen, um die Postkontrolle zu umgehen. Wer mit dem Rias Kontakt aufnahm, machte sich schnell verdächtig. Drei Beispiele in der Ausstellung zeigen, wie schnell es zu massiven staatlichen Eingriffen ins private Leben kommen konnte. Wegen politischer Äußerungen in Briefen an den Rias kam Dieter Drewitz wegen „fortgesetzter Verbindung zu verbrecherischen Dienststellen“ und „staatsgefährdender Hetze“ 1967 für ein Jahr und sechs Monate ins Gefängnis.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare