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„Erhebliche kriminelle Energie“

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Hier ist der Anfang Januar in Linden im Kreis Gießen gesprengte Zigarettenautomat zu sehen, aber es hat auch mehrere Automatensprengungen in der Wetterau gegeben. red © Red

Wetterau - Neun gesprengte Automaten, sechsfacher Tankbetrug, drei Einbrüche. Es ist eine ganze Serie an Straftaten, wegen der drei junge Männer vor dem Jugendschöffengericht in Gießen stehen. Zwei von ihnen kommen glimpflich davon. Einige der Straftaten haben sich in der Wetterau abgespielt. Zu nennen ist beispielsweise die Sprengung des Parkautomaten beim Usa-Wellenbad.

„Ach du Sch...!“ entfährt es einem jungen Mann, als er einen der Angeklagten den Saal im Gießener Amtsgericht in Handschellen betreten sieht. Die Insignien staatlicher Macht machten wohl mächtig Eindruck auf einige der zahlreichen jungen Leute, die am Mittwoch im Jugendschöffengericht zugegen waren: Zwei der drei Angeklagten sind in ihrem Alter oder noch ein wenig jünger, Jahrgang 2002 und 2003.

Die Liste der Straftaten ist lang, die dem 19 Jahre alten Hauptangeklagten vorgehalten wird. Einbruch, schwere Sachbeschädigung, Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung, Herbeiführen einer Explosion, Besitz von Sprengstoff, einer Waffe und von Drogen, gefährliches Verhalten im Straßenverkehr, Hausfriedensbruch…

Konkret wird dem jungen Mann aus einer Gemeinde im Kreis Gießen vorgeworfen, binnen sechs Wochen zwischen November 2021 und Anfang Januar 2022 neun Zigarettenautomaten respektive Parkschein-, Fahrkarten- und Verpflegungsautomaten unter anderem in Rosbach, Friedberg und Bad Nauheim gesprengt zu haben. Gleich sechsmal tankte er an unterschiedlichen Tankstellen in der Wetterau seinen BMW voll und fuhr davon, ohne zu bezahlen. In vier Fällen hatte er einfach die Kennzeichen abgeschraubt, zweimal benutzte er geklaute Nummernschilder.

Hinzukommen zwei Einbrüche in Corona-Testcenter in Wetzlar, wo er Tests, Blanko-Vordrucke für Testbescheinigungen, einen Laptop und einen Stempel mitgehen ließ. Die Tests versuchte er (erfolglos) zu verkaufen. Nicht zuletzt auf der Liste: Der Einbruch in ein Gartenhäuschen, das dabei schwer beschädigt wurde. Der junge Mann saß seit Mitte Januar in Butzbach in Untersuchungshaft und zeigte sich vor dem Gericht unter Vorsitz von Heiko Kriewald vollumfänglich geständig. Ebenso die beiden anderen Angeklagten, ein 19-Jähriger und ein 30 Jahre alter Mann. Mehr als 20 Minuten brauchte Staatsanwältin Mareen Fischer, um die Anklageschrift zu verlesen, wobei der Hauptangeklagte das Gros der Taten auf sich nahm. Der andere junge Mann war wohl nur bei den Einbrüchen in ein Testcenter und das Gartenhäuschen beteiligt; der 30-Jährige bei der Sprengung eines Zigarettenautomaten.

DIE WETTERAUER FÄLLE

Vor Gericht sind auch zahlreiche Sprengungen und Betrügereien in der Wetterau zur Sprache gekommen. Die Fälle im Einzelnen:

Im November 2021 wurde ein Zigarettenautomat in Rosbach gesprengt, im selben Monat gab es einen Tankbetrug an der Raststätte Wetterau, was sich Anfang Dezember zweimal wiederholte. Betroffen waren beide Raststätten, also die in Fahrtrichtung Frankfurt und die in Richtung Kassel. Am 13. Dezember folgte ein Tankbetrug in Rosbach, am 19. Dezember die Sprengung eines Zigarettenautomaten in Butzbach.

In der Nacht auf den 27. Dezember 2021 flogen in Bad Nauheim gleich zwei Automaten in die Luft: der Parkscheinautomat am Usa-Wellenbad und ein Süßigkeitenautomat im Bahnhof. Ein Fahrscheinautomat am Friedberger Bahnhof wurde tags darauf, am 28. Dezember 2021, gesprengt. agl

Das Vorgehen: Mit hierzulande verbotenen Feuerwerkskörpern aus Osteuropa mit starker Explosionskraft wurden die Automaten geknackt, Kippen und Bargeld entnommen. An den Weihnachtstagen 2021 wurde der Angeklagte in seinem BMW Touring von einer Polizeistreife kontrolliert. Im Auto wurden geringe Mengen Drogen gefunden, ein Elektroschocker und die Böller. Die Beamten ließen ihn jedoch laufen. Wenige Tage später freilich, nach dem Sprengen eines Automaten in Linden im Kreis Gießen, raste der Mann mit überhöhter Geschwindigkeit davon und ließ sich auch nicht von einer Polizeisperre stoppen.

Die Beute war vergleichsweise gering, in Summe wenige Tausend Euro. Das Tatmotiv: Auf einfache Weise schnelles Geld zu machen. Der Sachschaden ist beträchtlich, dürfte nach Schätzung von Richter Kriewald mehrere Zehntausend Euro betragen.

„Sie haben in wenigen Wochen erhebliche kriminelle Energie an den Tag gelegt“, so die Staatsanwältin. Das seien nicht nur banale jugendtypische Verfehlungen gewesen, sondern Straftaten. Die Anwendung von Jugendstrafrecht nannte der Richter „angemessen“, denn der Hauptangeklagte und sein fast gleichaltriger Freund seien noch nicht erwachsen.

Der Hauptangeklagte wurde zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt, muss 600 Euro an den Besitzer der Gartenhütte zahlen. Sein Führerschein ist für zwölf Monate weg, der BMW ist eingezogen. Zudem wird er eine Weile eine elektronische Fußfessel tragen. Die Haftstrafe ist für sechs Monate zur Vorbewährung ausgesetzt, erst dann wird separat über die Bewährung befunden. Sein fast gleichaltriger Kumpel wurde lediglich verwarnt und muss ebenfalls 600 Euro an den Gartenhausbesitzer zahlen. Die beiden akzeptierten ihr Urteil umgehend. Beide entschuldigten sich für ihre Taten, gelobten Änderung.

Nicht ganz so leicht ist es bei dem 30-Jährigen. Er wurde zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt, denn er hat bereits wegen diverser Delikte mehrfach vor Gericht gestanden, hat „Hafterfahrung“ und jetzt wieder gegen seine Bewährung verstoßen. „Wo soll da Hoffnung herkommen?“ seufzte der Richter. Der Mann kann in Berufung gehen.

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