Bilanz

Erfolgreich gegen extremistische Tendenzen im Kreis Offenbach

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Das dreijährige Projekt „Pro Prävention - gegen religiös begründeten Extremismus“ endet. Der Kreis Offenbach hat Pionierarbeit für andere Regionen in Hessen geleistet.

Rückzug aus dem Freundeskreis, Verstummen, Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt – das können erste Anzeichen einer Radikalisierung sein. Drei Jahre lang hat sich ein Team von acht Mitarbeitern im Kreis Offenbach Gedanken gemacht, wie man religiös begründetem Extremismus vorbeugen kann, hat Präventions-Netzwerke geknüpft sowie Gespräche mit rund 1100 jungen Menschen geführt, wurde dabei auch wissenschaftlich evaluiert. Formal endete das Projekt „Pro Prävention“ am Dienstag, wird aber noch bis zum Jahresende fortgesetzt. Die Verantwortlichen bilanzierten trotzdem schon.

Um es gleich vorweg zu sagen: Eine Insel der Glückseligen ist der Kreis Offenbach trotz des Projektes nicht geworden. „Radikalismus ist nach wie vor virulent“, sagte Landrat Oliver Quilling (CDU). Vor allem in Neu-Isenburg, Dietzenbach und Langen gebe es „Risikopotenzial“. Und die Moscheevereine erwiesen sich für die Verantwortlichen als „harte Nuss“, ihre Einbindung gelang nicht. „Unsere Aufgabe konnte es somit nur sein, dort erst mal Vertrauen herzustellen, die offene Tür zu finden und zu nutzen“, so Projektkoordinator Janusz Biene.

Trotzdem war „Pro Prävention“ erfolgreich. Die Verantwortlichen stießen nämlich auf zahlreiche Situationen, die als Radikalisierung empfunden wurden, sich aber als alltägliche Konflikte um Religion und jugendliche Protesthaltung herausstellten.

Rund 3000 Multiplikatoren aus Kommunen, Behörden, Schulen und Vereinen wurden in 146 Workshops, Treffen und Vorträgen instruiert und fortgebildet, wissen jetzt, wie sie eine mögliche Radikalisierung erkennen, an wen sie sich wenden und wie sie gegenwirken können. Ihnen ist jetzt klar, dass Teilhabe an der Gesellschaft widerstandsfähig gegen Extremismus macht, dass Jugendliche das Gefühl brauchen, „in der Gesellschaft was bewegen zu können“, und dass man jungen Menschen ihre vielfältige Identität klarmachen muss – dass sie beispielsweise nicht nur türkischstämmig sind, sondern auch Student oder Fußballer oder Dietzenbacher.

Es habe sich herausgestellt, dass gerade Schulen eine besondere Rolle bei der Extremismus-Prävention zukomme, erklärte Professorin Susanne Schröter von der Goethe-Universität Frankfurt, die das Projekt wissenschaftlich begleitete. In der Schule erreiche man nämlich alle Jugendlichen, unabhängig von Herkunft und religiöser Überzeugung. Deshalb habe man ein Schulnetzwerk aufgebaut mit 50 Lehrern, die sich regelmäßig austauschen, so Janusz Biene. Überhaupt seien für Prävention als Langfristaufgabe viele Netzwerke geknüpft worden.

Auch mit fallbezogenen Beratungen konnte das Präventionsteam weiterhelfen. Als Beispiel nannte der Projektkoordinator eine Kommune, die Rat suchte, weil in der Stadt ein neuer Jugendverein entstand, der sich nicht in die Karten schauen ließ. „Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, andere Jugendprojekte gefördert und so dem Verein das Wasser abgegraben“, sagte Biene. Den Verein gebe es zwar auf dem Papier noch, aber er sei nicht mehr aktiv.

Der Kreis Offenbach war einer von zwei Landkreisen in Deutschland, der sich in einem Projekt dem Thema Radikalisierung stellte. Biene: „Wir haben Erfahrungen gesammelt, die für andere hilfreich sein können.“

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