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Dietmar Steinbach (49) ist Geografielehrer und bildet selbst Erdkunde-Lehrkräfte aus.

Interview

Erdkunde an hessischen Schulen: „Mehr als Stadt-Land-Fluss“

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Der Geografielehrer Dietmar Steinbach spricht über den Wert des Fachs Erdkunde - und warum er es bedroht sieht.

Die Landesregierung will das Fach Politik und Wirtschaft zum Pflichtfach bis zum Abitur machen. Für Erdkunde bliebe angesichts des vollen Stundenplans kaum noch Zeit, fürchtet Dietmar Steinbach. Er bildet Geografielehrer aus und unterrichtet selbst an der Weidigschule in Butzbach. Steinbach gehört dem Landesvorstand des Verbands deutscher Schulgeographen an. Wir haben ihn gefragt, was Erdkunde so wertvoll macht.

Herr Steinbach, wozu braucht man heute noch Erdkunde, wo ich doch jeden Flecken der Erde blitzschnell mit dem Smartphone erkunden kann?
Wir sorgen für Orientierung. Das beschränkt sich nicht auf das Stadt-Land-Fluss-Wissen. Denn Geografie geht weit über das Beschreiben der Erde hinaus.

Wie sieht das im Unterricht aus?
Ein Thema, das dort häufig behandelt wird, ist die Jeans. Die Frage ist, was hat die mit dem Aralsee zu tun? Der trocknet langsam aus, weil sein Wasser für die Bewässerung der Baumwollplantagen entlang der Zuflüsse genutzt wird, wo der Rohstoff für die Jeans wächst. Wir fragen, was das für die Menschen bedeutet, die vom See oder an ihm leben. Aber auch, wie gut die Plantagenarbeiter leben, wer an der Herstellung und am Handel mit der Jeans Geld verdient, wie ökologisch der Transport ist, welche Wirkungen unser Einkaufsverhalten hat, ob wir zum Beispiel Bio- oder fair gehandelte und produzierte Kleidung kaufen können und was mit der weggeworfenen Jeans im Altkleidercontainer passiert: Wieso kann diese die lokalen Märkte beispielsweise in afrikanischen Staaten beeinflussen. Es geht also um ökologische, wirtschaftliche, soziale und sogar kulturelle Aspekte.

Das spielt auch in anderen Fächern wie Politik und Wirtschaft oder Geschichte eine Rolle.
Ja, sicher, aber nicht so den Natur- und Kulturraum vernetzend und mit dem Blick auf die ökologische, ökonomische, gesellschaftliche und politische Dimension der Nachhaltigkeit, wie das eben nur in der Geografie geschieht.

Sie sagen, Erdkunde sei heute wichtiger als früher. Warum?
Nehmen Sie den Städtebau, etwa Frankfurt. Wohnungen müssen gebaut werden. Aber wo und nach welchen konzeptionellen Ideen? Was bedeutet das für das Klima, werden die Sommer immer heißer, wenn alles zugebaut wird? Als Geografen können wir auch in die Geschichte blicken und die Schülerinnen und Schüler mit Ideen konfrontieren, wie dem Gedanken der Gartenstadt, der bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in England als Reaktion auf das trostlose Leben in grauen und schmutzigen Industriestädten entstand.

Wenn Erdkunde die Dinge so umfassend betrachtet, wie Sie sagen: Was gehört beim Thema Städtebau für Sie zu einem guten Unterricht?
Was ist mit Gentrifizierung, also dem Phänomen, dass bestimmte Gesellschaftsschichten ihre eigenen Stadtteile besiedeln und andere verdrängen? Wer verdient daran, was bedeutet es für die Entwicklung des Raums in der Stadt und drum herum, wenn mit Wohnungen viel Geld verdient werden kann? Welche sozialen Verwerfungen ergeben sich daraus? Auf all das kann die Geografie helfen, Antworten zu geben, also darauf, wie man es schafft, eine nachhaltig gesunde Stadt zu entwickeln.

Wenn das Fach so wichtig ist, warum steht es dann nicht besser da?
Erdkunde fehlt die Lobby, im Unterschied etwa zum Fach Chemie oder eben auch zum Fach Politik und Wirtschaft. Da haben die Wirtschaftsverbände erreicht, dass die ökonomische Bildung gestärkt wurde. Wir als Geografielehrer haben es in den vergangenen Jahrzehnten vielleicht auch verpasst, deutlich zu machen, was Erdkunde leisten kann. Da wollen wir jetzt gegensteuern und bekommen auch aus den Hochschulen ganz viel Unterstützung.

Wie wollen Sie erreichen, dass Erdkunde nicht abgehängt wird?
Unser Vorschlag ist, Erdkunde ebenso wie Politik und Wirtschaft zu Wahlpflichtfächern zu machen. Oberstufenschüler müssen dann eines der beiden Fächer verpflichtend auswählen. Sie sind dann nicht festgelegt auf Powi, sondern können eben auch weiterhin Erdkunde bis zum Abitur belegen. In meinem eigenen Kurs hatte ich zuletzt 22 Schüler, 19 haben das Fach bis zum Abitur besucht, und alle 19 haben sich auch im Abitur prüfen lassen. Nachhaltigkeit spielt in unserer Gesellschaft zu Recht eine immer größere Rolle, und Erdkunde ist das Fach für Nachhaltigkeit.

Interview: Peter Hanack

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