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Energie oder Essen ist die Frage

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Landwirte sehen Solarparks auf Nutzflächen kritisch

HOCHTAUNUS - Unter aufgeständerten Photovoltaik (PV)-Anlagen weidende Schafe oder ackernde Traktoren sind derzeit häufige Bildmotive in den über die Gas- und Stromkrise reportierenden Medien. Kann also Strom vom Acker den Energie-Kollaps verhindern?

Die Hochtaunus-Landwirte zumindest sehen solche Ambitionen kritisch, wie Marcus Schepp, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, auf Anfrage mitteilt. Gleichwohl stellten sie sich den gesamtgesellschaftlichen Aufgaben des Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutzes und sähen sich als wichtigen Teil der Lösung, um die Klimaziele umzusetzen, betont Schepp. Viele Landwirte leisteten durch PV-Anlagen auf Scheunen und Ställen auch einen spürbaren Beitrag zur Energieversorgung über Erneuerbare Energien.

Großflächige PV-Systeme, sogenannte Flächenanlagen, gehörten aber nicht ins Portfolio, da den Bauern in vielen Fällen Flächenverlust ohne Kompensation drohe. Zwei Drittel der bestellten Flächen seien zudem Pachtland, sagt Schepp, die Bauern hätten keine Möglichkeit, von den Anlagenerlösen zu profitieren.

Nicht jede Photovoltaik-Freiflächenanlage sei eben eine „Agri-Photovoltaikanlage“ mit Doppelnutzung, so Schepp, bei der unter aufgeständerten Modulen landwirtschaftliche Produktion ermöglicht wird. Solche würden seitens der Landwirtschaft weniger kritisch gesehen. „Freiflächenanlagen hingegen sorgten wegen des Nutzungsausfalls am Boden für weitere Flächenkonkurrenz beim Anbau von regionalen Lebens- und Futtermitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen. Dies sollte gerade seit dem Ukraine-Krieg berücksichtigt werden“, so der Verbandschef.

PV-Anlagen auf Scheunen als zweites Standbein

Beim Regierungspräsidium Darmstadt sei zwar bereits Interesse an solchen Freiflächenanlagen angemeldet worden, von konkreten Planungen wisse man beim Bauernverband bislang aber nichts. Die hybride Feldbewirtschaftung, bei der Sonnenstrom einbezogen werde, sei erst im Forschungsstadium, was verbandsseitig auch wohlwollend begleitet werde, heißt es. Dabei müsse aber die Rechtssicherheit im Hinblick darauf im Auge behalten werden, ob „Agri-PV“ auf Grünland gefördert wird.

Denkbar sei derlei Doppelnutzung auch beim Ackerbau und bei Sonderkulturen, etwa Obst-Plantagen. Ausgereifte Systeme könnten auch in der Tierhaltung von Vorteil sein, „nicht nur als Schattenspender für Weidetiere, sondern auch als Greifvogelabwehr bei Freiland-Hühnerhaltung“, sagt Schepp.

Es gebe beim Bauernverband Überlegungen, Mitglieder zu unterstützen, wenn es darum geht, „Agri-Photovoltaik-Projekte“ umzusetzen. Bei Freiflächen-PV-Anlagen, die baurechtlich trotz der Vorbehalte des Verbandes realisiert werden sollen, werden Mitglieder dennoch bei den Verträgen beraten, so der Verband.

Viele Landwirte hätten sich aber bereits ein weiteres „Standbein“ dadurch geschaffen, dass sie auf ihren Dächern PV-Anlagen installiert haben. Dazu seien noch mehr Bauern bereit, heißt es vom Verband. Allein: Energieversorger lehnten es oft ab, ausreichend starke Einspeiseleitungen zu verlegen - aus Kostengründen. „Wir hoffen deshalb auf ein Umdenken, da uns letztlich eine PV-Anlage auf einem Dach lieber ist als auf einem Feld“, so Schepp.

Auch bei den Landwirten im Taunus ist die Skepsis groß. Kronenhof-Landwirt Stefan Wagner etwa hält nicht besonders viel von Photovoltaik auf Acker-Flächen. „Für uns ist das kein Thema, und es ist auch eher traurig, dass die Herstellung von Nahrungsmitteln offenbar immer weniger Stellenwert bekommt, wenn wertvolle Produktionsflächen für PV-Anlagen der bäuerlichen Nutzung entzogen werden“, sagt Wagner. Hybride Nutzungen - oben PV, unten Landbau - sind für ihn auch keine richtige Alternative, „damit legt man sich als Landwirt auf viele Jahre fest, meine Maschine zum Ausbringen von Pflanzenschutz ist 21 Meter breit, die müsste dann unter den Ständern der Module durchpassen, Nachfolgemodelle könnten noch breiter werden“, so Wagner. Bei diesem Thema könnte also ein ähnlicher Kulturkampf drohen wie einst beim Thema Windkraft.

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