Korhan Ekinci (39) ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Landeselternbeirats Hessen. Der diplomierte Wirtschafts-informatiker arbeitet als Manager einer Arztpraxis. Er ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder und lebt mit seiner Familie in Taunusstein. pgh

Interview

Elternsprecher Korhan Ekinci im Interview: „Viele Eltern sind überfordert“

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Die Schulen sind zu. Der Unterricht soll weitergehen. Elternsprecher Korhan Ekinci über den schwierigen Spagat zuhause und die Verantwortung der Lehrer.

Korhan Ekinci (39) ist seit zwei Jahren Vorsitzender des Landeselternbeirats Hessen. Der diplomierte Wirtschafts-informatiker arbeitet als Manager einer Arztpraxis. Er ist verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder und lebt mit seiner Familie in Taunusstein.  

Herr Ekinci, Sie sagen, die Eltern sollen sich nicht verrückt machen, wenn sie zu Hause mit dem Unterrichtsstoff ihrer Kinder nicht hinterherkommen. Machen sich die Eltern denn verrückt?
Wir bekommen von vielen Eltern die Rückmeldung, dass sie sich überfordert fühlen. Viele arbeiten gleichzeitig im Homeoffice, andere haben sprachliche Schwierigkeiten oder verstehen selbst die Aufgaben nicht, mitunter werden technische Ausstattungen verlangt, die nicht vorhanden sind. Einige haben uns sogar berichtet, dass sie online Lehrbücher bestellen und bezahlen sollen, damit zu Hause gelernt werden kann. Manche Familien überfordert das auch finanziell. Manche Lehrkräfte würzen das Ganze damit, dass der Stoff dann auch noch benotet werden soll.

Jetzt ist es ja nachvollziehbar, dass viele Eltern bemüht sind, das Lernen so gut es geht weiterlaufen zu lassen. Bei anderen ist das vielleicht nicht der Fall oder es gelingt nicht. Haben Sie Sorge, dass die Schülerinnen und Schüler nur sehr unterschiedlich durch diese Zeit kommen?
Spätestens seit Veröffentlichung der Pisa-Studie Anfang der 2000er Jahre ist klar, dass der Bildungserfolg in Deutschland und Hessen sehr von der sozialen Herkunft, also vom Elternhaus, abhängt. Wir versuchen seither, gegenzusteuern. Ziel ist es, so zu unterrichten, dass diese Herkunft für den Bildungserfolg keine Rolle spielt. Jetzt kommt die Corona-Krise, und wir hören zu Recht auf, die Kinder in der Schule zu unterrichten. Aber wir machen den Fehler, dass ganz oft wieder die Eltern in der Verantwortung für das Lernen ihrer Kinder sind. Eltern können es aber nicht leisten, den Schulalltag zu Hause umzusetzen.

Was muss geschehen?
Die Lehrerinnen und Lehrer müssen flächenübergreifend die Aufgaben so stellen, dass die Kinder und Jugendlichen sie ohne die Hilfe ihrer Eltern bewältigen können. Wir müssen ja auch daran denken, dass nach Corona die Schule weitergeht. Was passiert dann mit jenen, die zu Hause mit dem Lernstoff nicht vorangekommen sind? Werden die dann abgehängt, obwohl sie für die Situation überhaupt nichts können?

Wie lässt sich sicherstellen, dass die Eltern nicht gebraucht werden? Was ist mit der Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler, mit ihren Lehrkräften in Kontakt zu treten?
Genau diesen Punkt haben viele Eltern bei uns angesprochen. Ich habe gerade heute mit Eltern aus Taunusstein, aus Wiesbaden und aus Kassel gesprochen, die sagen: „Wir brauchen ein häufigeres Feedback von den Lehrern.“ Zum einen zur Kontrolle, was gemacht wurde, zum anderen, um zu sehen, was geklappt hat und wo noch Hilfe nötig ist. Im Berufsleben weiß jede Führungskraft, dass sie eine Aufgabe nicht einfach einem Mitarbeiter über den Gartenzaun werfen kann, und der wirft sie dann eine Woche später erledigt wieder zurück. Ein Lehrer muss wie ein guter Projektleiter seine Klasse managen und entsprechend dem jeweiligen Lernstand neue Aufgaben vergeben oder alte wiederholen.

Lässt sich das mit dem gesamten Lernstoff umsetzen?
Natürlich nicht. Wir müssen uns darauf einstellen, dass es langsamer vorangeht. Wir müssen den Unterrichtsstoff beispielsweise auf die Hälfte oder ein Drittel zurücknehmen, wenn dieser ohne methodische Anleitung und pädagogische Kompetenz vermittelt werden muss.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Interaktion zwischen Schülern und Lehrern gut umzusetzen?
Dafür gibt es viele gute Beispiele. Das kann über E-Mail geschehen oder Lern-Apps oder andere Lernplattformen. Aber wir erreichen damit längst nicht alle! Mitunter kann es sogar nötig sein, dass die Aufgaben auf Papier verteilt, also mit der Post verschickt werden, damit alle sie bekommen. Rückmeldungen wären ja immer noch übers Telefon möglich. Ich kenne sogar Lehrkräfte, die fahren im Ort herum und werfen die Aufgaben selbst ein, so engagiert sind die.

Wie beschäftigt sind Sie selbst mit dem Unterrichten zu Hause?
Meine Frau und ich sind sehr damit beschäftigt. Wir sind beide voll berufstätig und müssen dann täglich noch zwei bis drei Stunden mit den Kindern Schule machen. Mein Sohn wird dieses Jahr sieben und geht in die erste Klasse, meine Tochter ist zehn und besucht die dritte Klasse. Da ist am Abend nicht gemütliches Beisammensein oder ein ruhiges Abendessen angesagt, sondern Schule, obwohl wir schon erschöpft von der Arbeit kommen. Das ist auch körperlich belastend. Jetzt sind wir beide Akademiker und sprechen sehr gut Deutsch – ich möchte mir nicht ausmalen, wie es in vielen anderen Familien sein mag, in denen die Voraussetzungen weniger günstig sind.

Wie lange halten Sie das so durch?
Wenn man denkt, der Akku ist leer, nimmt man doch irgendwo noch Energie her. Aber wir müssen Wege finden, Eltern zu entlasten. Der Landeselternbeirat sammelt dazu gerade positive und negative Beispiele und wird sicher bald Vorschläge machen, wie das hessenweit gut umgesetzt werden kann. Wir können jedenfalls nicht den ganzen Stoff voll durchballern.

Interview: Peter Hanack

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