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Ella: „Meine Person ist uninteressant – es ging darum, den Dannenröder Forst zu retten“

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Von: Georg Leppert

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Wer ist Ella? Die Justiz (hier ein Bild vom Prozess vor dem Landgericht Gießen) weiß das mittlerweile. Die Öffentlichkeit nicht.
Wer ist Ella? Die Justiz (hier ein Bild vom Prozess vor dem Landgericht Gießen) weiß das mittlerweile. Die Öffentlichkeit nicht. © dpa

Mehr als 17 Monate saß Ella, die Klimaaktivistin aus dem Dannenröder Forst, in Haft. Die FR traf die Frau, die ihren Namen partout nicht nennen wollte, zum Interview.

Wie darf ich Sie nennen?

Ich bleibe bei Ella. Den Namen habe ich bei der ersten Vernehmung bei der Polizei angegeben. Der gefällt mir.

Ella ist Spanisch. Es gab deshalb Spekulationen, dass Sie aus Südamerika stammen. Stimmt das?

Ich bin auf einer Insel aufgewachsen. Aber mehr möchte ich über meine Identität nicht sagen.

Weil Sie an diesem Grundsatz festgehalten haben, waren Sie sehr viel länger im Gefängnis als nötig. Warum haben Sie nach Ihrer Festnahme nicht einfach gesagt, wie Sie heißen?

Weil es nie um mich ging. Meine Person ist uninteressant. Sie sollte nicht in den Mittelpunkt eines Verfahrens rücken. Es ging darum, den Dannenröder Forst zu retten und für eine bessere Umwelt zu kämpfen. Ich bin Teil einer Bewegung und handele nicht allein.

Sie haben aber in Ihrer Zeit im Dannenröder Forst allein in einem Baumhaus gelebt und kannten die anderen Besetzer:innen vorher nicht, richtig?

Das stimmt. Trotzdem waren wir eine Gemeinschaft. Wir waren eine Einheit. Sind gemeinsam und geschlossen aufgetreten. Die Menschen im Danni sind meine Freunde geworden.

Aber noch einmal die Frage: Was hätte es denn geändert, wenn Sie der Polizei oder später der Justiz gesagt hätten, wer Sie sind?

Ich erwarte nicht unbedingt, dass Sie das verstehen. Aber ich möchte einfach nur als Mensch gesehen werden. Unabhängig von Hautfarbe, Alter, Geschlecht. Das alles spielt keine Rolle.

Warum haben Sie dann doch irgendwann Ihren Reisepass ausgehändigt?

Das war nach dem Urteil. Ich hatte das Gefühl, dass mein Weg hier vorerst vorbei war. Das Verfahren war erst einmal zu einem Ende gekommen.

Oder haben Sie das Gefängnis nicht mehr ausgehalten?

Ich hätte das noch ertragen. Aber es war schon hart. Ich war die einzige politische Gefangene. Klar, ich habe auch coole Leute getroffen. Aber der Mensch ist nicht dazu gemacht, eingesperrt zu sein. Und ich hatte das Gefühl, dass ich in Freiheit mehr bewirken kann. Etwa im Fecher. Den kennen Sie?

Ja, Sie meinen den Fechenheimer Wald. Wir reden gleich darüber. Lassen Sie uns vorher über Ihre Festnahme im Dannenröder Forst sprechen. Erinnern Sie sich daran?

Ja, meine Erinnerung ist wiedergekehrt. Zeitweise hatte ich einen Blackout. Aber als ich im Prozess die Videos sah, kam meine Erinnerung zurück.

Sie haben im Prozess gesagt, dass Sie in Notwehr gehandelt hätten.

Ja, ich habe die Situation als sehr bedrohlich empfunden. Plötzlich stürmte dieser hochgerüstete Polizist zu mir auf den Baum. Ich hatte Angst. Deshalb habe ich eine Bewegung in seine Richtung gemacht.

Die Staatsanwaltschaft wertete diese Bewegung zunächst als versuchten Totschlag.

Das stimmt. Das war völlig absurd und war ja auch schnell vom Tisch. Ich wollte niemanden verletzen, ich hatte nur Angst. Ich habe den Polizisten doch auch gar nicht getroffen. Und selbstverständlich war er gesichert. Im ersten Verfahren in Alsfeld hieß es, er habe keine ausreichende Sicherung gehabt. So ein Unsinn. Die Einzige, die nicht richtig gesichert war, war ich.

Trotzdem wurden Sie zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Wie erklären Sie sich das Urteil?

Dass ich meinen Namen nicht genannt habe, hat sicherlich zu der harten Strafe beigetragen. Das war eine Provokation für das Gericht. Jeder muss seinen Namen nennen, wer das nicht tut, sprengt das System und wird bestraft. Außerdem wollte das Gericht ein Zeichen setzen.

Der Fall Ella

Herbst 2020: Die Frau, die sich später nur „Ella“ nennen wird, bezieht ein Baumhaus im Dannenröder Forst. Dort sollen für die Verlängerung der A49 rund 85 Hektar Wald gefällt werden. Zahlreiche Klimaaktivist:innen wehren sich dagegen. Einige von ihnen bauen Baumhäuser und besetzen das Waldstück.

26. November 2020: Die Polizei räumt den Dannenröder Forst. Ein Beamter klettert auf Ellas Baumhaus. Sie wehrt sich gegen die Festnahme. Danach steht der Vorwurf im Raum, Ella habe den Polizisten getreten. Der Beamte sei nicht ausreichend gesichert gewesen. Nach ihrer Festnahme macht sie keine Angaben zu ihrer Identität, nennt sich nur Ella. Sie kommt in Untersuchungshaft. Zeitweise ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen versuchten Totschlags.

24. Juni 2021: Das Amtsgericht Alsfeld verurteilt Ella nach sechs Verhandlungstagen zu zwei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe. Das Gericht sieht die Vorwürfe der gefährlichen Körperverletzung und des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte als erwiesen an. Nach dem Urteil kommt es zu Tumulten im Publikum. Ella ist zu einer Ikone der Klimaschutzbewegung in Deutschland geworden. Sie tauscht ihre Verteidigerinnen aus und legt Berufung ein.

14. Februar 2022: Vor dem Landgericht Gießen, das die Berufung verhandelt, deutet sich eine Wende an. Die Beamten des Spezialeinsatzkommandos, die Ella im Dannenröder Forst vom Baum geholt hatten, schildern die Festnahme wesentlich undramatischer als im ersten Prozess. Ein Polizeivideo zeigt, dass sämtliche am Einsatz beteiligten Polizist:innen ausreichend gesichert waren. Es legt zudem die Vermutung nahe, dass Ella zwar nach dem Polizisten getreten, ihn aber nicht getroffen hat. Ellas Verteidigerinnen, Waltraut Verleih und Eva Dannenfeldt, beantragen, den Haftbefehl aufzuheben. Das Gericht lehnt den Antrag ab.

1. April 2022: Das Landgericht Gießen verurteilt Ella zu einem Jahr und neun Monaten Freiheitsstrafe. Weil sie einen Großteil der Strafe bereits abgesessen hat, käme sie unter normalen Umständen frei. Da sie ihre Identität weiterhin nicht preisgibt, bleibt sie in Haft.

11. April 2022: Ellas Verteidigerinnen legen Revision gegen das Urteil ein. Der Fall geht ans Oberlandesgericht Frankfurt. Wann dort entschieden wird, steht noch nicht fest.

8. Mai 2022: Ella lässt den Behörden ihren Reisepass vorlegen. Am selben Tag hebt das Landgericht Gießen den Haftbefehl auf. Die Aktivistin kommt frei. geo

Was für ein Zeichen?

Dass Proteste für den Klimaschutz hart bestraft werden. Es gibt ja nicht nur den Dannenröder Forst. Auch gegen andere Bauprojekte wird mit Besetzungen protestiert. Der Staat will deutlich machen, dass er sich das nicht gefallen lässt. Deshalb gibt es harte Strafen.

Wie haben Sie die Urteilsverkündung erlebt?

Ich war nicht schockiert. Meine Verteidigerinnen hatten mir schon gesagt, dass es so ausgehen kann. Ich fand es nur großartig, dass meine Unterstützer im Gerichtssaal sofort einen Protestsong angestimmt haben. Die Urteilsbegründung musste deswegen unterbrochen werden. Das hat mich sehr bewegt. Ich habe während dieses Prozesses so viel Unterstützung erfahren. Das hat mir Kraft gegeben.

Sie haben Revision gegen das Urteil eingelegt. Was versprechen Sie sich davon?

Ich möchte juristisch nicht ins Detail gehen. Das wäre nicht angebracht. Ich möchte, dass sich alle Beteiligten am Ende verzeihen können. Ich wollte niemandem wehtun, sondern den Wald retten. Wenn mein Verhalten anders interpretiert wurde, tut es mir leid.

Ihre Proteste haben Sie nach Ihrer Freilassung fortgesetzt …

Richtig. Ich bin zu den Menschen im Fechenheimer Wald gegangen.

Dort wurden jetzt Bäume für den Riederwaldtunnel gefällt.

Das ist unmöglich. Man kann doch nicht Wald für einen verdammten Highway abholzen. Die Menschen im Fechenheimer Wald müssen sich weiter wehren. Und ich unterstütze sie dabei, so gut ich kann.

Sowohl die Autobahn durch den Dannenröder Forst als auch der Riederwaldtunnel sind aber doch Bauprojekte, die von demokratisch legitimierten Gremien beschlossen wurden und die rechtmäßig sind. Wieso können Sie das nicht akzeptieren?

Sie sagen, die Autobahnen sind rechtmäßig. Okay, ein Gericht hat das so entschieden. Aber ist es wirklich rechtmäßig, den Wald zu zerstören? Ist es rechtmäßig, das Klima zu töten? Es gibt ein Recht, das über den Urteilen von Gerichten steht. Darauf berufen wir uns bei den Protesten. Und es ist absurd, wie der Staat darauf reagiert. Haben Sie die Aktion an der Goethe-Universität mitbekommen?

Sie meinen die Besetzung eines Hörsaals durch Klimaaktivist:innen auf dem Campus Westend?

Ja. Da wurde noch am selben Tag die Polizei gerufen. Und die haben die Leute unter Schmerzen weggebracht.

Nachdem die Uni-Leitung mit den Besetzer:innen durchaus verhandelt und ihnen einen anderen Ort für ihren Protest angeboten hatte …

Die Leute wollten diesen beschissenen anderen Ort aber nicht. Wir nehmen uns das Recht heraus, so zu protestieren, wie wir es für richtig halten. Auch wenn manche Menschen das nicht verstehen.

Was haben Sie persönlich jetzt vor?

Ich denke, ich werde Deutschland erst einmal verlassen. Ich mag keine regnerischen Winter. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen.

Darf ich zum Schluss fragen, wovon Sie leben?

Ich habe etwas Geld. Ich komme klar. Danke.

Interview: Georg Leppert

Regelmäßig gab es in Frankfurt und anderen hessischen Städten Kundgebungen für Ellas Freilassung
Regelmäßig gab es in Frankfurt und anderen hessischen Städten Kundgebungen für Ellas Freilassung © Michael Schick

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