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Eklat um Pubertätsblocker

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Hoher Preis für Selbstbestimmung? Mit Pubertätshemmern kann ein Teenager Zeit gewinnen, um sich über die eigene Geschlechtsidentität klar zu werden. Sie haben aber auch Risiken. dpa
Hoher Preis für Selbstbestimmung? Mit Pubertätshemmern kann ein Teenager Zeit gewinnen, um sich über die eigene Geschlechtsidentität klar zu werden. Sie haben aber auch Risiken. dpa © dpa

AfD-Antrag zu Abgabe von Medikament sorgt für heftige Kontroverse im Kreistag

hochtaunus - Anträge der AfD im Kreistag führen nicht selten zu heftigen Reaktionen der anderen Fraktionen und viel Unmut. Was sich nun jüngst im Kreistag bei der Beratung eines AfD-Antrags zutrug, stellte jedoch alles bisherige in den Schatten: Die Partei hatte beantragt, den Kreistag aufzufordern, in den Gremien der Hochtaunus-Kliniken dafür einzutreten, dass dort Kindern und Jugendlichen keine Pubertätsblocker verabreicht werden.

Worum es geht? Im Kern um sogenannte Geschlechtsdysphorie, also um Menschen, die ihr biologisches Geschlecht als falsch empfinden und darunter leiden. Für Kinder gibt es in dieser Situation die Möglichkeit, die Pubertät medikamentös hinauszuzögern, um zu verhindern, dass sie sich in einem Geschlecht weiterentwickeln, mit dem sie sich nicht wohlfühlen. Ziel ist es, ihnen mehr Zeit zu geben für die Entscheidung, welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.

Lautstarke Auseinandersetzung

Ginge es nun nach der AfD im Kreistag, dürften Jugendliche, die sich im falschen Körper wähnten, überhaupt nicht zu diesem Thema beraten werden. Einig waren sich die AfD und die übrigen Fraktionen aber wohl nur darin, dass es sich um ein sehr emotionales Thema handelt.

Der Antrag war zunächst von Fraktionschef Frank Bücken, der gar von „psychischer Genitalverstümmelung“ sprach, begründet worden. Später warnte Ileana Vogel vor dem Hintergrund eines unter jungen Leuten angeblich grassierenden „Hypes“ zur Einnahme dieser Mittel schon von einer „sozialen Epidemie“.

Tatsächlich aber werden laut Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte diese Präparate „sehr selten“ und erst nach gewissenhafter Abwägung im Gespräch mit Eltern, Kind und mehreren Fachärzten, darunter einem Jugendpsychiater, verschrieben. Dieser Prozess dauert nicht selten Monate oder Jahre, so der Berufsverband. Konkrete Verordnungszahlen von Apothekern oder Krankenkassen scheint es jedoch nicht zu geben.

Für Vogel sind die Präparate in jedem Fall ein rotes Tuch: „Finger weg von unseren Jugendlichen.“ Sie ließ sich sogar zu der Aussage hinreißen, dass jeder, der diesem Antrag nicht zustimme, „mit Leib und Seele Marxist“ sei.

Im Plenum erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Götz Esser, Vorsitzender der FW-Fraktion, fragte sich und andere, was Vogel denn „eingeworfen habe und ob es vielleicht nicht auch die halbe Dosis getan hätte“.

Durchaus heftig war denn aber die Reaktion von Holger Bellino (CDU). Er sei sich sicher, dass die allermeisten Betroffenen es „sich verbitten, dass sich die AfD zu ihrem Anwalt mache“. Der Antrag sei typisch überflüssig und populistisch. Er gehe mangels Zuständigkeit ohnehin am Kreistag, der überwiegend mit medizinischen Laien besetzt sei, vorbei und habe daher nichts auf der Tagesordnung verloren. In den Kliniken des Kreises seien Pubertätshemmer kein Thema, es fänden weder Beratungen statt, noch würden solche Präparate verabreicht. Für ihn komme es darauf an, so Bücken, dass es gar nicht erst dazu komme. Die Zuständigkeit ergebe sich daraus, dass der Kreistag als Teil der Gesellschafterversammlung für Änderungen im medizinischen Leistungsangebot der Kliniken und deren medizinischer Zielsetzung zuständig sei.

Bücken verwies auf Länder wie Schweden, in denen solche Mittel nicht mehr verabreicht werden, weil man anzweifle, dass an Geschlechtsdysphorie leidende Kinder unter 13 Jahren einsichtsfähig genug sind, einer Behandlung mit Pubertätsblockern zuzustimmen. Weiterhin sei es zweifelhaft, dass Kinder im Alter von 14 oder 15 Jahren die Langzeitrisiken einer Behandlung mit Pubertätsblockern verstehen und richtig gewichten könnten, argumentierte Bücken.

Tatsächlich können Pubertätsblocker - wie alle Medikamente - auch Nebenwirkungen haben. So werde zum Beispiel das Wachstum gehemmt, wie der Frankfurter Jugendpsychiater Bernd Meyenburg in einer Abhandlung schreibt. Die Wirkung ist reversibel - wenn man die Mittel absetzt, beginnt die Geschlechtsreife. Das Wachstum ist dann aber laut Meyenburg unter Umständen nicht mehr aufholbar. Daher ist, darin sind sich Experten einig, in jedem Fall eine individuelle Beratung vor Beginn und eine engmaschige Kontrolle während der Einnahme unablässig, die zudem zeitlich eng begrenzt sein sollte, auch weil das Ausmaß der Nebenwirkungen noch unbekannt sei.

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