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St. Valentinus in Kiedrich im Rheingau ist in den vergangenen Jahren aufwendig restauriert worden. Die gotische Kirche gehört zu den schönsten in Hessen.

Chorgesang

Einzigartige Klänge in Kiedrich

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In St. Valentin im Rheingau ist dank eines englischen Adligen eine uralte Tradition bis heute lebendig.  

Als der englische Adlige Sir John Sutton 1857 eine Rheinreise unternahm, gehörte das für Herren seines Standes zum guten Ton - und vielleicht hat man in diesen stillen, vom Coronavirus ausgebremsten Tagen eine Ahnung, wie diese heute zum Weltkulturerbe gehörende Landschaft damals gewirkt haben muss. Das Mittelrheintal galt damals als Inbegriff der Romantik, und Sir John verliebte sich in den Rheingau.

Dieser Liebe verdankt vor allem der Weinort Kiedrich viel. Er wirkt mit seinen Weinbergen, der gotischen Kirche und den vielen Fachwerkhäusern stellenweise so, als hätte hier jemand die Uhr angehalten. Kiedrich feiert, so das denn möglich sein wird, in diesem Jahr den 200. Geburtstag seines größten Gönners. Was von dem großen Festprogramm übrig bleiben wird - geplant waren von Mai an große Chorkonzerte und Festmessen - weiß heute wohl noch keiner zu sagen.

Seit 1974 liegt der 101 Jahre zuvor verstorbene Engländer neben der St.-Valentinus-Kirche begraben. Dass Musik- und Kunstfreunde aus aller Welt hierher pilgern, ist sein großer Verdienst.

Sutton spendete eine Summe, die heute mehr als 14 Millionen Euro wert wäre, wie 2008 einmal ausgerechnet wurde. Der Witwer, dessen Frau schon kurz nach der Hochzeit gestorben war, stammte aus einer der reichsten Familien Englands. „Wer weiß, vielleicht wäre die ganze Geschichte auch völlig anders ausgegangen, wenn er nochmals geheiratet und Kinder gehabt hätte“, sagt Gabriel Heun.

Gabriel Heun beim Anlegen seiner Arbeitskleidung.

Er verdankt dem britischen Baronet einen raren Titel. Der aus Frankfurt stammende Lehrer, der an der Kiedricher Schule unterrichtet und ganz in der Nähe der mittelalterlichen Kirche wohnt, ist „Chorregent“. „Bevor ich vor sechseinhalb Jahren nach Kiedrich kam, hatte ich das noch nie gehört“, sagt er selbst. „Der Begriff geht weit in die Kirchengeschichte zurück. Chorleiter als Bezeichnung wäre für mich auch in Ordnung gewesen.“

Heun dirigiert die „Kiedricher Chorbuben“, die allerdings längst nicht nur aus singenden Knaben bestehen. Im Erwachsenenchor, der Schola, für die Kiedrich so berühmt ist, gibt es zwölf Männerstimmen. In seinem Kinderchor machen seit Jahrzehnten auch Mädchen mit. Die erste war die heutige Mainzer Musikprofessorin Elisabeth Scholl, Schwester des international renommierten Sängers Andreas Scholl, der bis heute in Kiedrich lebt, wohl berühmtestes ehemaliges Mitglied der Chorbuben ist und dessen Karriere ebenfalls hier begann. Aktuell muss die Musik coronabedingt eine Zwangspause machen. Heun erprobt gerade Möglichkeiten, seinen Chormitgliedern in Zeiten eines Versammlungsverbots via Internet trotzdem ein Angebot zu machen.

Eigentlich hat sein Chor noch Großes vor in diesem Jahr: Im Oktober wollen die Chorbuben nach England reisen und die Orte besuchen, an denen John Sutton gewirkt hat, den Geburtsort in der Grafschaft Lincolnshire oder seinen Studienort Cambridge, wo er viel Geld für die Restaurierung der mittelalterlichen gotischen Kirche des dortigen Jesus College gab.

Kein Geistlicher, sondern Chorregent: Gabriel Heun in der typischen Sängertracht der „Chorbuben“.

Für die Reise wollen die Sänger ein Erbe Suttons nutzen, das eng mit der weltweit einzigartigen Kiedricher Musiktradition verbunden ist. Denn den Engländer begeisterten bei seinem ersten Besuch in Kiedrich die zwar heruntergekommene, aber gut erhaltene mittelalterliche Kirche und der dort immer noch gepflegte lateinische Chorgesang. Für die Renovierung der Kirche und der ebenfalls mittelalterlichen Friedhofskapelle stiftete er ebenso große Summen wie für die Restaurierung der alten Orgel, die aus der Zeit um 1500 stammt. So blieb dank Suttons Finanzierung eines der ältesten noch spielbaren Instrumente Europas erhalten und entzückt heute Musikfreunde.

Vor allem der Gesang muss den Stifter, der selbst nach Kiedrich zog und hier lange lebte, begeistert haben. Sutton ermöglichte, neben vielen sozialen Stiftungen, die Einstellung hauptamtlicher Chorregenten, die die Musiktradition am Leben erhielten. Heun ist der mittlerweile 23. in diesem Amt. „Wir profitieren als Chor auch davon, dass wir dank unserem Stifter eine eigene Immobilie zum Proben haben, sogar mit Bolzplatz und Streuobstwiesen“, sagt Heun. „Welcher Chor hat denn so was?“ Auch ein kleines Spezialmuseum zur Kiedricher Chortradition ist hier untergebracht, durch das Heun Führungen anbietet. Denn was die musikalische Tradition Kiedrichs, die Sutton gerettet hat, so besonders macht, kann er sicher am besten erklären. Gesungen wird hier weltweit einzigartig im „Germanischen Choraldialekt“, der sich nicht auf die Aussprache, sondern auf die Tonhöhen bezieht.

Sutton ließ damals eine riesige Menge an gregorianischen Noten für den Chor drucken. „Wir haben so große Bestände, dass wir jetzt einzelne Blätter verkaufen, um unsere Englandreise zu bezuschussen“, sagt Heun. „Sie sind sehr dekorativ.“ Wer sich dafür interessiert, kann bei den Chorbuben nachfragen.

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