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Der Chor der Stadt Wiesbaden und andere Musikbegeisterte musizieren unter der Leitung von Christoph Stiller.

Wiesbaden

Einstimmen auf den Advent

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Zum Weihnachtssingen im Rathaus mit dem Konzertchor der Landeshauptstadt kommen mehr als 250 Menschen.

Noch klingt alles durcheinander. Gesprächsfetzen auf Deutsch, vereinzelt auch auf Amerikanisch und Italienisch, sind im Festsaal des Wiesbadener Rathauses zu hören. Mehr als 250 Menschen sind am Samstagvormittag zum Weihnachtssingen mit dem Chor der Stadt und dem Symphonic Brass Ensemble des Peter-Cornelius-Konservatoriums Mainz gekommen. Die 15 Blechbläser setzen mit einem Medley aus amerikanischen Weihnachtsliedern ein, im Saal kehrt Ruhe ein. Der Konzertchor der Landeshauptstadt stimmt als erstes Lied „Fröhliche Weihnacht überall“ an, und das Publikum singt mit.

Irene Wißner aus Wiesbaden ist zum ersten Mal dabei. Sie hat dafür extra ihre Verabredung mit der Enkelin zum Plätzchenbacken auf den Nachmittag verschoben. Bei „Wiesbaden singt“ habe sie schon öfter mitgemacht, erzählt sie. Elfi Penk aus Gustavsburg hingegen singt sonst nicht. „Das Weihnachtssingen ist schön zum Einstimmen auf den Advent“, findet sie. Auch für Benjamin Kindermann aus Mainz-Kastel markiert es den Beginn der Advents- und Weihnachtszeit. „Anfang September liegt in den Supermärkten schon Spekulatius, was viele Leute auch abstößt.“ Der 38-jährige Familienvater singt in einer Rockband und schätzt es, dass die Chorsätze klassisch arrangiert sind. Die Lieder seien von ganz anderer Qualität als die Musik auf dem Weihnachtsmarkt oder im Radio. Als nur der Chor „Maria durch den Dornwald ging“ singt, bekommen etliche Zuhörer feuchte Augen. Eine Frau ist so zu Tränen gerührt, dass sie kurz den Saal verlässt.

Die Veranstaltung habe der Chor 2012 in Anlehnung an „Wiesbaden singt“ ins Leben gerufen, sagt die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Carmen Böhm. „Wir hatten zu der Zeit keine Möglichkeit, ein eigenes Weihnachtskonzert zu geben, so entstand die Idee, gemeinsam mit dem Publikum zu singen.“

Andrea Schön und ihr 13-jähriger Sohn Julius zählen zu den treuen Fans des Weihnachtssingens und sind von Anfang an dabei. „Damals war es noch im Kurhaus, dort war das Ambiente noch schöner“, sagt Andrea Schön, deren Ehemann einer der Chorsänger ist. Aus organisatorischen Gründen zog die Veranstaltung 2016 ins Rathaus um. Ein Herr beklagt, dass es seither für ältere Teilnehmer kaum Sitzplätze gibt. Werde der Festsaal bestuhlt, dürfen maximal 150 Gäste hinein, erläutert Fatih Ünal vom Protokoll der Stadt. „Wir müssten dann die Türen schließen und alle anderen wegschicken.“ Es stehen ohnehin noch einige Menschen vor dem Festsaal auf dem Flur. Dort hört ein Mann mit geschlossenen Augen zu wie das Symphonic Brass Ensemble unter der Leitung von Lutz Glenewinkel die Instrumentalversion von „Patapan“ spielt, ein altes Weihnachtslied aus dem Burgund.

Nun kündigt Chorleiter Christoph Stiller an, dass der Chor „Tochter Zion“ nicht mit, sondern gegen die Teilnehmer singen werde. Das Klangerlebnis begeistert das Publikum so sehr, dass es hinterher spontan in Jubel ausbricht. Über eigene Chorerfahrung verfügt Gerd Frommann. Sein stressiger Job lasse ihm keine Zeit mehr für regelmäßige Proben, bedauert der 56-jährige Ingenieur. Bei den Proben habe er gut abschalten können und sich hinterher immer befreit gefühlt. „Für mich ist das gemeinsame Singen hier eine kleine Auszeit und zugleich ein besinnlicher Einstieg in den Advent.“

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