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Eine Minute, elf Sekunden

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Intervention im öffentlichen Raum, vor der Fensterfront eines Innenausstatters.
Intervention im öffentlichen Raum, vor der Fensterfront eines Innenausstatters. © Boeckheler

Architekten inszenieren sich während einer Ampelphase.

Von FELIX HELBIG

Die Intervention dauert genau eine Minute und elf Sekunden, dann ist wieder Grün. Normalerweise ist das die Zeit des spontanen Nasepopelns, des vermeintlichen Unbeobachtetseins im verordneten Schein der roten Ampel, man dreht am Radio oder zündet eine Zigarette an. Eine Minute und elf Sekunden, die Zeit, das Auto im Leerlauf. An der Gutleutstraße gerade genug für einen unfreiwilligen Ausstellungsbesuch.

Man müsse das als Intervention im öffentlichen Raum verstehen, sagt Zvonko Turkali. Der Architekt aus dem Westend drängt mit Macht und fünf Kollegen in die Ampelphasen des Menschen.

Auf gut 20 Metern entlang der Gutleutstraße haben die Architekten eine konkav gewölbte rote Wand im Schaufenster in Beschlag genommen, in der sie dem allabendlichen Berufsverkehr ihre Installationen präsentieren. Die Fensterfront, normalerweise Blickfang des eher luxuriösen Innenausstatters Vitra, sie soll für Kurzweil sorgen an einem von Frankfurts verkehrsreichsten Orten, den Tag für Tag mehr als 40 000 Autos frequentieren. Die "Ampelphase", so auch der Titel der ungewöhnlichen Schau, macht Wartende zu Betrachtern, unweigerlich, für eine Minute und elf Sekunden. Immer rein in die rote Stube, lautet also die Aufforderung des Wiesbadener Architekten Michael Eckert, die missverständlich ist, denn genau genommen fallen Grenzen an der Gutleutstraße, jene zwischen drinnen und draußen. Es gibt gar kein rein oder raus bei dieser Ausstellung. Man ist einfach drin.

Drinnen oder draußen, öffentlich oder privat - für Eduard Kolbrink waren diese Gegensätze schon vor einem Jahr aufgelöst. Da verbrachte der Aschaffenburger Architekt eine ganze Woche lang in diesem Schaufenster.

Die Architekten der Ampelphase, allesamt aus der Region, nutzen nun die Fortsetzung des Projekts zur ausgiebigen Inszenierung ihrer Werke, die ausschlaggebende Farbe dabei immer im Blick. Für die Darmstädter Architektin Angela Fritsch ist Rot ein Signal der Beschleunigung des Bauens, das groteske Gegensätze in der städtebaulichen Umwelt entstehen lasse. Ihre inszenierten Dachlandschaften gehen deshalb der Frage nach, wie verlorene Fläche wiedergewonnen werden kann, zum Beispiel mit Kuhweiden und Fußballfeldern auf Hochhäusern. Die Wolkenkratzer nähmen Fläche und Licht, sie müssten der Stadt aber auch etwa zurückgeben, so ihre Kritik. Ein zutiefst frankfurterisches Thema.

Die Architekturklasse der Städelschule hat derweil Pläne von Kurt Schwitters' "Kathedrale des erotischen Elends" mit jenen des dänischen Designers Verner Panton kombiniert, zu einer organischen Installation, die weniger zu sagen hat als Fritschs Dächer, dafür aber mehr her macht in der Kürze einer Ampelphase.

Rot ist die Farbe der Liebe im Beitrag der Frankfurter Architekten Jourdan & Müller, die als einzige Vertreter eine wirkliche Werkschau liefern. Ihre Modelle sind preisgekrönte Projekte, solche allerdings, die sie zwar "lieben, aber niemals bauen konnten", wie Jochem Jourdan sagt. Darunter finden sich Entwürfe für das Museum für Moderne Kunst, die EZB oder den "Olympic World Park" von Peking. Diesen Wettbewerb, berichtet Jourdan, habe man gar gewonnen, allerdings gleichauf mit Rem Koolhaas. Gebaut hat am Ende weder Koolhaas noch Jourdan. Immerhin steht das Olympiastadion heute genau da, wo der Frankfurter es haben wollte.

Die Frankfurter stehen indessen genau da, wo die Architekten sie haben wollen: an der Ampel. Betrachten die Sitzskulptur von Sassan Philipp Haschemi oder die sie sich ständig entwickelnde Installation von Turkali, für die man die Ausstellung dann tatsächlich betreten muss, das geht nämlich auch. Ganz einfach durch die Tür. Autos sind zuvor abzustellen.

In China, berichtet Jourdan noch, seien alle öffentlichen Türen rot. In Frankfurt sind es nur die Ampeln, für eine Minute und elf Sekunden. Grün geht übrigens deutlich schneller, an der Gutleutstraße exakt neun Sekunden.

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