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Arbeiter berichtet über Missstände auf hessischen Baustellen: „Eine große Mafia“

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Von: Gregor Haschnik

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Mindestlohn: Auf Baustellen stellt der Zoll viele Regelverstöße fest.
Mindestlohn: Auf Baustellen stellt der Zoll viele Regelverstöße fest. © imago images/photothek

Ein Wanderabeiter, der vor allem im Rhein-Main-Gebiet tätig ist, berichtet von seinem Leben und den Zuständen auf den Baustellen.

Frankfurt - Montags bis freitags arbeiten wir immer mindestens zehn Stunden vor allem auf Baustellen im Rhein-Main-Gebiet, samstags fünf. Das Tempo ist hoch. Ich schaffe es, weil ich Härte gewöhnt und ein guter Handwerker bin. Wir müssen funktionieren. Wer heute nicht arbeitet, kann morgen rausfliegen.

Einmal war es verdammt heiß. Als mehrere Leute kurz vor dem Kollaps standen, ging unser Polier zu einer Führungskraft des Generalunternehmens und fragte, ob wir etwas früher aufhören könnten. Die knappe Antwort: Nein, das ginge nicht, schließlich müssten wir fertig werden.

Wanderarbeiter berichtet von Baustellen in Rhein-Main: Aussichtslos, eine gute Stelle zu finden

Vor etwa fünf Jahren kam ich über einen Verwandten aus Rumänien ins Rhein-Main-Gebiet, später besorgte mir ein Vermittler Arbeit. Ich bin kein gelernter Maurer, dafür habe ich eine gute handwerkliche Ausbildung und viel Erfahrung. Ich brauche keinen Polier, kann alles allein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, an eine richtig gute Stelle zu kommen. Das ist aussichtslos.

Unter dem Strich bekomme ich trotz meiner Kompetenz und der harten Arbeit etwa Mindestlohn. Ein Teil wird legal ausgezahlt, ein Teil schwarz. Ich arbeite trotzdem hier, weil der Unterschied zu den Gehältern in Rumänien groß ist. Meine Familie ist auf mein Einkommen angewiesen. Wenn meine Kinder kein Geld für ihre Ausbildung haben, haben sie keine Zukunft. Würde ich in Rumänien arbeiten, hätten wir etwa 800 bis 1000 Euro im Monat und damit viel zu wenig.

Nach der großen Razzia im Juni gegen das Subunternehmen, bei dem ich arbeitete, warte ich weiter auf einen Teil meines Lohns, mehrere Tausend Euro. Ich bekam große Probleme, weil das Geld meiner Familie fehlte und ich laufende Kosten nicht begleichen konnte.

Arbeiter fühlt sich als minderwertig angesehen: „Leisten viel für wenig Geld“

Meine Ex-Firma, die Steuern und Sozialabgaben nicht gezahlt haben soll, hat wohl illegal gehandelt. Doch immerhin wurde ich dort lange pünktlich bezahlt. Dass der Generalunternehmer – obwohl er haften muss – nicht den ausstehenden Lohn nachzahlt, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass wir als minderwertig angesehen werden – obwohl Rumänen, Moldawier oder Polen einen Großteil der Arbeit auf den Baustellen machen.

Nach der Aktion von Zoll und Staatsanwaltschaft bekam ich einen neuen Job, und zwar, wie viele Kollegen, auf derselben Baustelle, bei einem neuen Subunternehmer. Mit Leuten von deutschen Firmen arbeiten wir fast nie zusammen, bekommen sie kaum zu Gesicht. Das ist alles eine große Mafia, und der Staat macht mit. Arbeiter aus dem Ausland leisten viel für wenig Geld und andere werden dadurch reich. Nach der Razzia ging am nächsten Tag alles so weiter, wie vorher. Vor der Durchsuchung habe ich nicht eine Kontrolle erlebt.

Jetzt bin ich für ein ausländisches Entsendeunternehmen tätig. Ich arbeite noch nicht so lange dort, habe aber den Eindruck, dass man hier etwas besser mit uns umgeht. Immerhin habe ich, anders als vorher, gleich alle Papiere bekommen. Ich vermisse meine Familie. Wir halten zusammen und haben wenigstens digital jeden Tag Kontakt.

(Aufgezeichnet von Gregor Haschnik)

Sozialarbeiter Alexandru Firus spricht im Interview über das Leben von prekär beschäftigten Bauarbeitern.

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