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Eine Geschichte von Gut und Böse

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"Die Passagierin" erzählt die Geschichte einer Gefangenen und ihrer Aufseherin."
"Die Passagierin" erzählt die Geschichte einer Gefangenen und ihrer Aufseherin." © Barbara Aumüller

Lange unterdrückt und fast vergessen ist die Oper "Die Passagierin", in der eine Auschwitz-Überlebende ein Jahrzehnt nach der Befreiung auf ihre ehemalige Aufseherin trifft. Nun hat das Stück Premiere in Frankfurt.

Von Wilhelm Roth

Die Oper „Die Passagierin“ ist ein außergewöhnliches Werk, denn das Thema ist eines der schwierigsten, das man wählen kann: Auschwitz. Dazu ist der Komponist, Mieczyslaw Weinbergs 1996 in Moskau gestorben, ein großer, noch zu entdeckender Unbekannter des 20. Jahrhunderts.

Der Oper Frankfurt ist diese Aufführung außerordentlich wichtig, das macht der Chefdramaturg des Hauses, Norbert Abels, deutlich. Die Oper setzt sich immer wieder mit der Zeit von 1933 bis 1945 auseinander; sie spielte K.A.Hartmanns „Simplicius Simplicissimus“, einen Protest gegen den Krieg, im Dritten Reich unaufführbar. Sie zeigte den „Kaiser von Atlantis“, komponiert von Victor Ullmann in Theresienstadt kurz vor seiner Ermordung 1944, oder „Weiße Rose“ von Udo Zimmermann, die Kammeroper über die Geschwister Sophie und Hans Scholl.

Bis zur szenischen Uraufführung beim Bregenzer Festival 2010 hat die Geschichte von „Die Passagierin“ einen langen Weg zurückgelegt. Er beginnt 1959 mit dem gleichnamigen Hörspiel der polnischen Autorin Zofia Posmysz, die darin eigene Erlebnisse als Gefangene in Auschwitz verarbeitete. Sie erweiterte diese Fassung 1962 zum Roman, der ins Russische übersetzt wurde, wo ihn Weinberg schließlich entdeckte.

In der Erzählung treffen zwei Frauen Ende der 1950er Jahre auf einem Ozeandampfer auf der Überfahrt nach Brasilien aufeinander. Sie sind sich schon einmal begegnet – in Auschwitz. Lisa war damals Aufseherin, Marta Gefangene. Der Roman, der ein äußerst grausam-realistisches Bild des Konzentrationslagers zeichnet, ist aus der Perspektive von Lisa erzählt, der Schuldigen, was die Geschichte für den Leser noch erschreckender macht. Vieles wird jedoch in langen Monologen thematisiert, die sich nicht für ein Musiktheaterwerk eignen.

Darum haben Weinberg und sein Librettist Alexander Medwedew den Text vereinfacht und zum Teil andere Akzente gesetzt. Das Ende gehört Marta. Sie sitzt in einer neu erfundenen Szene an einem Fluss. Ihr Monolog: „Ich werde euch nie und nimmer vergessen. Keine Vergebung, niemals.“

Wie passen Auschwitz und Oper zusammen?

Vor allem wird die Oper von der Musik geprägt, die auf tonaler Basis alle Härten und Schrecken ausdrücken kann. Sie erinnert an Schostakowitsch, mit dem Weinberg befreundet war. Die Oper war 1969 fertig, aussichtslos, sie in der Sowjetunion aufzuführen.

Weinberg, 1919 in Warschau geboren, war 1939 beim Einmarsch der deutschen Truppen in die UdSSR geflohen, wo er ein unruhiges, getriebenes Leben führen musste. Schostakowitsch half ihm dabei, den Stalininsmus und den sowjetischen Antisemitimus zu überstehen. Weinberg lebte schließlich als freischaffender Komponist in Moskau, schuf ein großes Werk: darunter auch viele Filmmusiken, etwa für den berühmten Film „Wenn die Kraniche ziehen“ von 1957.

Aber wie passen die Themen Auschwitz und Oper zusammen? Man weiß, so Abels, „dass in Auschwitz auf hohem Niveau musiziert wurde. Das Orchester aus Gefangenen musste etwas Lustiges spielen, wenn die Züge ankamen oder die Gefangenen in den Tod getrieben wurden. Eine unglaubliche Perversion.“ Die Oper zitiert den Lieblingswalzer des KZ-Kommandanten, der auch auf dem Schiff gespielt wird und so die beiden Handlungsstränge miteinander verbindend. Als Tadeusz, der Geliebte von Marta, diesen Walzer in Auschwitz spielen soll, wehrt er sich todesmutig mit Bachs Chaconne.

In „Die Passagerin“, gehe es weniger um eine Aufarbeitung von Auschwitz, so Abels, als vielmehr darum, „in die Geschichte von Menschenschicksalen hineinzugehen, die man nicht mehr vergessen wird.“

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