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Karl Schmidt-Rottluff: „Freundinnen“, 1926.

Museum Wiesbaden

Das eigene Ich als künstlerischer Kosmos

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Das Museum Wiesbaden widmet dem „Brücke“-Künstler Kart Schmidt-Rottluff eine große Ausstellung. 70 Selbstportraits bilden den Ausgangspunkt der sehenswerten Schau.

Seine Werke sind geprägt von großer Farbigkeit, pastosem Farbauftrag und kräftigem Pinselstrich. Ruhig und ernst, beinahe unverwandt, schaut Karl Schmidt-Rottluff den Betrachter an. Die frühen Selbstporträts zeugen vom Einfluss van Goghs. Später reflektiert Schmidt-Rottluff seine Rolle als Künstler, malt sich mit Pinsel oder Zigarre. Er galt als verschlossen und war von seinen „Brücke“-Mitstreitern sicherlich der introvertierteste. Dass er sich sehr stark mit sich selbst auseinandersetzte, davon zeugen die zahlreichen Selbstporträts, von denen nun 70 im Museum Wiesbaden zu sehen sind und die den Ausgangspunkt der großen Ausstellung „Bild und Selbstbild“ bilden. Mit ihnen werden die unterschiedlichen Werkphasen seiner Malerei in der Ausstellung thematisiert.

Viele Selbstbildnisse sind zwischen 1919 und 1930 entstanden. Die Gesellschaft war in Aufbruchstimmung, die „Brücke“-Künstler, allen voran Ernst Ludwig Kirchner, dokumentierten die überhitzte Stimmung in Berlin. Schmidt-Rottluff suchte dagegen das Ursprüngliche, aber auch ein Pendant, das er in Emy Frisch, seiner Lebenspartnerin fand, die er kurz nach dem Ersten Weltkrieg heiratete. Emy ist Teil von Schmidt-Rottluffs künstlerischem Kosmos, von seiner Lebenswelt, er hält sie in vielen Porträts fest. Diese Bildnisse, denen ein wesentlicher Teil der Ausstellung gewidmet ist, werden zum ersten Mal öffentlich ausgestellt.

Es folgten die „dunklen Jahre“: Die Nationalsozialisten ergriffen die Macht, Schmidt-Rottluffs Malerei wurde verfemt. Über 50 Werke des Expressionisten waren auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München 1937 zu sehen, darunter bemerkenswerterweise nur ein Selbstbildnis. Schmidt-Rottluff malte in diesen schwierigen Jahren zerstörte Landschaften, beengte Innenräume. Die Selbstbildnisse zeigen einen schwergeprüften Menschen. Hanna Bekker vom Rath wurde zur wichtigen Förderin. Sie hatte Schmidt-Rotluff in ihrem Hofheimer „Blauen Haus“ ein Atelier zur Verfügung gestellt, damit er hier unbehelligt weiter malen konnte. Sie war es auch, die 1974 in einer Kabinettausstellung das erste und bis heute einzige Mal den Schwerpunkt auf seine Selbstbildnisse legte.

Hanna Bekker vom Rath ist eine von Schmidt-Rottluffs wichtigen Weggefährten, die er deshalb auch porträtierte. Besonders nahe standen ihm – neben seiner Frau Emy und den anderen „Brücke“-Künstlern – aber auch die Kunsthistorikerin Rosa Schapire und der Maler Lyonel Feininger. Von ihm ist in der Schau ein wunderbares Porträt von 1915 zu sehen. Fast andächtig hat Feininger seine Hände ineinander verschränkt, der Blick ist nachdenklich in die Ferne gerichtet. Das Kantige der Kopfform zeugt vom Einfluss der afrikanischen Plastik, mit der sich Schmidt-Rottluff intensiv in dieser Zeit auseinandergesetzt hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Befreiung auch in Schmidt-Rottluffs Werk spürbar. Er steigert die Farbigkeit, seine Bilder sprühen vor Energie. Er porträtiert sich in selbstbewusster Pose in seinem Atelier mit Palette, Staffelei und Pinsel. Das Grauen des Nationalsozialismus ist überwunden.

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