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Ehrenamtliche haben Vorrang

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Von: Gregor Haschnik

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Die Nachfrage nach Vormundschaften steigt.

Im Gegensatz zu einer Betreuung – die von einem Betreuungsgericht angeordnet werden kann, wenn Erwachsene nicht in der Lage sind, für sich zu sorgen – können Vormundschaften von Familiengerichten bei Kindern und Jugendlichen beschlossen werden, etwa wenn Eltern sich nicht um sie kümmern. Eine Vormundschaft kann von Leuten, die dies als Beruf ausüben, von Jugendämtern, Vereinen und Ehrenamtlichen übernommen werden.

Bei der letzten Variante sehen Expert:innen eine Reihe von Vorteilen. So können Freiwillige sich oft intensiver engagieren, weil sie nicht so viele Vormundschaften haben wie Professionelle oder ein Jugendamt und dadurch auch eine familiäre Bindung entstehen kann. Darüber hinaus sind die Kosten für den Staat geringer, weil die Ehrenamtlichen in der Regel nur eine Aufwandsentschädigung erhalten.

Auch das hessische Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) sehe ehrenamtliche Vormundschaften positiv, teilt eine Sprecherin auf FR-Anfrage mit. Deshalb sei ein Ziel der Vormundschaftsreform, diese Form der Fürsorge zu stärken: Familiengerichte seien ab dem 1. Januar des kommenden Jahres dazu angehalten, vorrangig Einzelpersonen zu Vormündern zu bestellen, die dies ehrenamtlich machen.

Bis eine geeignete Person gefunden wird, biete die neue Rechtslage die Möglichkeit, einen Amtsvormund oder einen Vormundschaftsverein als vorläufigen Vormund einzusetzen.

Laut Justizministerium sind 2021 bei den hessischen Familiengerichten 1391 Vormundschaftssachen eingegangen, ein Plus von 81 gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Halbjahr 2022 seien es bereits 974 gewesen. Insgesamt gab es Mitte diese Jahres 4450 Vormundschaften in Hessen, gegenüber 4161 Ende 2021. Wie viele ehrenamtliche Vormundschaften, Amts- oder Berufsvormundschaften darunter sind, werde nicht statistisch erfasst.

Die Nachfrage nach Vormundschaften nimmt zu, auch weil mehr Kinder und Jugendliche ohne Eltern in Hessen Schutz suchen. Im Jahr 2019 wurden hier nach Angaben des Sozialministeriums 293 unbegleitete minderjährige Ausländer:innen aufgenommen, im Jahr 2020 insgesamt 335 und im vergangenen Jahr 498. Aufgrund der weiterhin gefährlichen Lage etwa in Afghanistan ist davon auszugehen, dass die Zahl in diesem Jahr weiterhin steigen wird.

Aus den Statistiken der hessischen Jugendämter geht hervor, dass das Kindeswohl insgesamt häufiger gefährdet ist. Wenn dann beispielsweise die elterliche Sorge entzogen wird, kann ein ehrenamtlicher Vormund zum Einsatz kommen. 2021 ordneten die Ämter 4214 Schutzmaßnahmen, etwa eine Inobhutnahme, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre an – eine Steigerung von vier Prozent gegenüber 2020. Dies resultiere vor allem aus mehr unbegleiteten Einreisen aus dem Ausland (plus 39 Prozent). Zu den häufigsten Gründen für Maßnahmen zählten aber auch Überforderung der Eltern (35 Prozent der Fälle) und Zeichen für Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung (13 beziehungsweise 14 Prozent). Familiengerichte entschieden 2021, in 873 Fällen Schritte zum teilweisen oder vollständigen Entzug der elterlichen Sorge zu ergreifen und damit in fünf Fällen mehr als ein Jahr zuvor.

Heute Info-Veranstaltung

Vormundschaften sind mit einer großen Verantwortung verbunden. Wer diese etwa für Geflüchtete übernimmt, ist zum Beispiel für die Vertretung im asyl- und aufenthaltsrechtlichen Verfahren, die Unterbringung und medizinische Versorgung verantwortlich. Das kann erfüllend sein, aber auch zu Konflikten, etwa mit Ämtern, und zu Frust führen.

Der Kinderschutzbund Frankfurt, aber auch Städte, Landkreise und Initiativen, die sich für Geflüchtete einsetzen, sind auf der Suche nach Menschen, die sich zum ehrenamtlichen Einzelvormund ausbilden lassen wollen. Wissenswertes dazu vermittelt der Kinderschutzbund während einer digitalen Infoveranstaltung am heutigen Donnerstagabend, 29. September, ab 19 Uhr.

Die Einwahldaten stehen auf kinderschutzbund-frankfurt.de. Die ersten Schulungen sollen im November stattfinden.

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