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Könnte auch ein Fabelwesen aus einem Harry-Potter-Film sein - ist aber ein echter Urwaldbaum.
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Könnte auch ein Fabelwesen aus einem Harry-Potter-Film sein - ist aber ein echter Urwaldbaum.

Naturschutz

Edersee: Im Reich der urigen Eichen

  • VonNicole Schmidt
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Der jüngst erweiterte Nationalpark Kellerwald-Edersee schützt neben einem der letzten großen Rotbuchenwälder Mitteleuropas jetzt auch Reste unberührter Urwälder an den Ederseesteilhängen.

Den veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfer hat Markus Daume noch nicht lebend in freier Wildbahn entdeckt. Aber der Ranger weiß von Kollegen, dass das zentimetergroße, nachtblau schimmernde Krabbeltier hier am bewaldeten Steilhang hoch über dem Edersee im Totholz herumwuselt. Nur im Mulm ausgefaulter Baumfußhöhlen fühlt er sich wohl und erledigt den Rest der Zersetzungsarbeit vorheriger Bewohner. Igitt, stöhnen die Wandersleute leise. Wunderbar, freut sich der Ranger. „Ein äußerst seltenes Urwaldrelikt. Und der Beweis: An dieses Stück Eichen-Wald hat nie ein Mensch mit einer Axt oder Säge Hand angelegt hat. Es war einfach zu beschwerlich. Das ist wirklich Urwald. Mitten in Deutschland.“

Unfassbar, wie es diese Hunderte Jahre alte Eiche geschafft hat, sich mit ihren Wurzeln in die steinigen Steilhänge zu krallen.

Er befindet sich hoch im hessischen Norden im Nationalpark Kellerwald-Edersee, der seit 2004 unberührte wilde Urwaldreste und einen der letzten großen, unzerteilten Rotbuchenwälder schützt, wo sich der Mensch fast ganz raushält. Eine werdende Wildnis, darin ein Filetstück mit über 200 Jahre alten Weltnaturerbe-Bäumen. Und er ist jüngst sogar um ein Drittel weiter gewachsen, auf fast genau 77 Quadratkilometer. Tagelang kann man in herrlicher Natur unterwegs sein, ohne Siedlung, ohne Straßen. Auf Rundwanderwegen, dem 155 Kilometer langen Kellerwaldsteig, dem halb so langen Urwaldsteig, der nun auch fast vollständig im Nationalpark verläuft. Auf dem ist der Ranger an diesem Wintertag mit seinen Gästen unterwegs, und zwar auf seinem Lieblingsteilstück Kahler Hardt mit urigem Eichenwald, und berichtet verzückt von Urwaldkäfern, von Wildkatzen und Luchsen, die durchs Unterholz huschen, von Fledermäusen, die in ausgehöhlten Nischen hängen, von Haselmäusen, die einen Stock tiefer schlafen.

Nationalpark:

Anreise: Der Nationalpark liegt etwa 40 Kilometer südwestlich von Kassel, das Nationalpark-Zentrum 15 km nördlich von Frankenberg, direkt an der B252 zwischen Vöhl-Herzhausen und Vöhl-Kirchlotheim. Mit dem ÖPNV von Marburg bis Vöhl-Herzhausen (Nationalparkbahnhof), dann weiter mit dem Bus bis Haltestelle „Nationalparkzentrum“.

Wanderung: Der hier beschriebene „Knorreichenstieg“ ist die 5. Teiletappe des 68 km langen Urwaldsteigs und führt auf 17 km über die Kahle Hardt durch die Naturwälder der Ederseesteilhänge zwischen Asel und Scheid, mit einem Elsbeerenblatt gekennzeichnet (www.urwaldsteig-edersee.de).

Wildtier-Park Edersee: In großen Gehegen leben Wolf, Luchs, Wildkatze, Wisent, Rothirsch und Wildpferd. Winteröffnungszeiten tgl. 11– 16 Uhr, (Am Bericher Holz 1, Edertal-Hemfurth, Tel. 05621/9040200, www.WildtierPark-Edersee.eu).

Nationalpark-Zentrum: Sehr zu empfehlen sind die multimediale Ausstellung und der neue 15-minütigen Film „Verborgene Welten – uriger Wald“ im 4D-Sinnen-Kino; und wer sich stärken will: im hellen Gastraum gibt es gute regionale Gerichte wie Steckrübeneintopf oder Wildragout. Winteröffnungszeiten Di.– So. 10 bis 16.30 Uhr (Weg zur Wildnis 1, 34516 Vöhl-Herzhausen, Tel. 05635 / 992781, www.Nationalparkzentrum-Kellerwald.de).

„Wer an Urwald denkt, hat Jaguare, Lianen, Baumriesen, Bromelien im Kopf. In Mitteleuropa sah es schon immer anders aus“, sagt der Ranger, und zeigt auf die kleingewachsenen Eichen, die locker verteilt den kargen, mediterran anmutenden Südhang über dem fjordähnlichen See bewachsen. Es sind Zeugen einer Zeit vor 6000 Jahren, als alles noch großflächig von Eichenwäldern bedeckt war. Die in der Eiszeit ausgewanderten Buchen kamen erst später zurück, als es wärmer und feuchter wurde, und setzten sich durch, weil die Sprösslinge auch im Schatten groß werden. „Hier an der Kahlen Hardt hat sich aber kaum etwas verändert. Schauen Sie mal, diese Eichen könnten locker 1000 Jahre alt sein“. Es sind auffallend knorrige Exemplare. Was die für Wurzeln haben, waagrecht meterlang ausgefahren und in den Fels hineingekrallt, rau wie Elefantenhaut, die Enden wie riesige ummooste Tatzen! Unfassbar, dass die zu Wasser kommen. „Sie trotzen bis heute beharrlich den harten Bedingungen in den steilen, trockenen, und im Sommer brütend heißen Lagen“,, sagt der blonde Mann in Khaki. Buchen würden das nicht aushalten. Und deshalb, so prophezeit er, werden durch den Klimawandel künftig eher wieder die Eichen dominieren. Aber noch gehe es dem gesamten Mischwald im Nationalpark vergleichsweise gut und viel besser als den angepflanzten Fichtenwäldern in den benachbarten Mittelgebirgswäldern. „Eben weil wir die Natur Natur sein lassen und damit die Artenvielfalt bewahren“, sagt der Ranger.

Solche Baumhöhlen sind gute Verstecke für kleine Säugetiere, freut sich Ranger Markus Daume.

Man spürt, er liebt seinen Arbeitsplatz – zu jeder Jahreszeit. Gerade jetzt, im Winter, findet er ihn reizvoll, auch ohne Schnee. Weil die Natur ruhig wird, sich zurückzieht, was sich auch auf den Menschen übertrage. „So wunderbar, wenn das welke Laub unter den Stiefeln raschelt, die Luft erdig und nach Pilzen riecht, Raureif die Äste überzieht. Da komme ich mir manchmal hier oben über allem schwebend und ganz weit weg von der Welt vor“.

Auch die Gäste werden still, fühlen die ganz besondere, beinah mystische Atmosphäre in diesem wilden Wald. Schweigend wandern sie weiter auf dem holprigen Pfad, hügelauf, hügelab, atmen tief die frische Luft ein, sehen tief unter sich Nebelschwaden über dem Edersee hängen, gegenüber das immer noch recht belaubte und geschlossen wirkende Reich der Buchen. Und dann offenbaren ihnen die uralten, fast kahlen Eichen ihre wahre Gestalt. In schier unmöglichen Windungen neigen sich einige über den Abgrund zum See hin. Manche sehen aus wie zu groß gewordene Bonsaibäume, manche wie Fabelwesen aus Harry Potter oder Gnome aus Mittelerde, andere umarmen mit ihren Wurzeln Steinplatten, als hüteten sie Eingänge versunkener Tempel oder animieren dazu, in geheimnisvolle Löcher in ihrem fast abgestorbenen Stamm zu starren. Ob da der veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer drin wohnt? Nein, erklärt der Ranger und grinst. „Da regnet es rein, das mögen sie gar nicht.“

Im Nationalparkzentrum kann man mit allen Sinnen einen 3-D-Film erleben.

Aber am Ende sehen ihn die Wandersleute doch noch, bequem im Kino im Nationalparkzentrum. Als Star im neuen 3-D-Film „Uriger Wald“, wo Wasser spritzt, Rauch aufsteigt, der Sessel wackelt, Eulen einem direkt vor die Nase fliegen. Und da krabbelt er munter in einer Baumhöhle herum: Der kleine Urwaldkäfer, sieht ein bisschen aus wie eine schlanke Küchenschabe mit antennenartigen Fühlern. Wie haben die den bloß vor die Kamera gekriegt? Nun, erzählt Ranger Daume, ein Käferexperte aus Sachsen habe ihn freundlicherweise nach Hessen geschickt. Er sei dann bei ihm zuhause im Kühlschrank gelandet, gut versorgt auf einem Mulmbett. Und nach den Filmaufnahmen habe er ihn genauso wieder zurückgeschickt in seine Heimat.

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