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Keine Begegnungen mehr im hessischen Landtag.

GUT GEBRÜLLT

Echte Menschen

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Landtags-Journalisten sehnen Begegnungen herbei. Wie manch ein Politiker. Die Kolumne aus dem Hessischen Landtag.

Es ist eine seltsame Zeit, in der persönliche Begegnungen sich wie eine echte Kostbarkeit anfühlen. Plötzlich merken die Menschen, dass sie sogar diejenigen vermissen, die ihnen regelmäßig auf die Nerven gehen.

Der Austausch fehlt, aber auch der Streit Auge in Auge. Nächste Woche ist dazu wieder Gelegenheit, wenn der Hessische Landtag sich zur Plenarsitzung trifft. Aber längst nicht alles wird normal.

Das Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren etwa wird sich auf einige Worte von Landtagspräsident Boris Rhein beschränken. Eigentlich sollte es mit einer Aufführung des „War Requiems“ im Wiesbadener Staatstheater begangen werden, als gemeinsame Veranstaltung des Landtags mit der Landesregierung und der Landeshauptstadt. Das muss nun ausfallen, wie so vieles.

Wir Journalisten vermissen allzu oft die Gelegenheit, bei Politikern direkt nachhaken zu können. Klar, irgendwie geht das auch in Telefon- und Videoschalten. Aber es ist doch vollkommen anders als in den gewohnten Pressekonferenzen.

Nun versucht die Regierung auch noch, Öffentlichkeitsarbeit an Journalisten vorbei zu lancieren. Kanzlerin Angela Merkel hat es vorgemacht mit ihren Videobotschaften ans Volk.

Die neueste hessische Version ist ein Podcast aus der Staatskanzlei, der mit einem viertelstündigen Gespräch mit Innenminister Peter Beuth angelaufen ist. Eine ehemalige Journalistin macht darin Regierungs-PR: „Was viele nicht wissen, Herr Innenminister: Sie sind durch und durch ein Vereinsmensch.“ Das ist natürlich zulässig, solange es keine journalistischen Formate ersetzt. Aber klar ist: „Die derzeitige Krise darf keine Ausrede sein, sich vor unangenehmen Fragen wegzuducken.“ So heißt es daher in unserem aktuellen Brief an die Regierungen, der von den Landespressekonferenzen und der Bundespressekonferenz verfasst wurde.

Immerhin: Im Hessischen Landtag soll es wieder öfter Pressekonferenzen geben. Landtagspräsident Rhein hatte dazu in dieser Woche eingeladen und eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: „Ich habe mich geradezu gesehnt, mal wieder echte Menschen zu sehen.“

Um die Begegnung unter Corona-Bedingungen möglich zu machen, waren wir mit Hilfe der Landtags-Pressestelle umgezogen in einen weit größeren Raum. Da saßen wir einzeln an Tischen wie Abiturienten, die während der Prüfung nicht abschreiben sollen. Unser üblicher Raum ist dafür viel zu klein, der Raum 307W. „Unser Wohnzimmer“ nennt ihn der Sprecher der Landespressekonferenz (LPK), der FFH-Radioreporter Peter Hartmann.

Einer aber war nicht mehr mit von der Partie. Hartmanns Vorgänger, der HR-Rundfunkjournalist Christopher Plass, ist in den Ruhestand gegangen. Sechs Jahre lang hat er die Interessen der hessischen Landtagsjournalisten an vorderster Stelle vertreten. Er hätte sich einen großen Ausstand im HR-Studio verdient. Es wäre ein guter Anlass für persönliche Begegnungen gewesen, und wer weiß: Vielleicht hätte sogar der Chor der LPK gesungen. Doch so ein kultureller Höhepunkt ist in Corona-Zeiten streng verboten.

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