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Rainer von Hessen (76) hat die Familiengeschichte aufgeschrieben.
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Rainer von Hessen (76) hat die Familiengeschichte aufgeschrieben.

Adelsfamilie

Dunkle Geschichte des Hauses Hessen

  • Regine Seipel
    vonRegine Seipel
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Rainer von Hessen, Mitglied eines uralten Adelsgeschlechts, erzählt in einem neuen Buch die Geschichte seiner Adelsfamilie und spart dabei dunkle Kapitel wie die Rolle im Nationalsozialismus nicht aus.

Der Autor ist bescheiden. Heute lässt er sich als Rainer von Hessen anreden. Mit vollem Namen heißt der 76-Jährige Rainer Christoph Friedrich Prinz von Hessen und gehört, wie der Name schon sagt, einem uralten Adelsgeschlecht an, das die Geschichte dieses Landes seit 800 Jahren geprägt hat. Davon erzählt Rainer von Hessen auf rund 130 Seiten in seinem Buch „Die Hessens – Geschichte einer europäischen Familie“. Über die Hessens und ihre Verstrickungen in Europa, ihre kulturellen Leistungen und prägenden Bauten, die unter ihrer Regentschaft etwa in Darmstadt, Kassel oder Marburg entstanden, wurde schon einiges geschrieben, doch eine umfangreiche Familiengeschichte, sagt Andreas Hedwig, Leiter des Hessischen Landesarchivs, bei der Vorstellung des Buches, habe es noch nicht gegeben.

Herausgekommen sei eine lebendige Erzählung, die „Höhen und Tiefen“ der Vergangenheit aufgreife. „Es wird nichts unter den Teppich gekehrt“, lobt der Historiker, „das ist keine mit Glanz und Gloria aufpolierte Familiengeschichte.“ Dunkle Kapitel gibt es einige. So war bereits Landgraf Philipp der Großmütige schlimm gegen die Aufständischen im Bauernkrieg 1523 vorgegangen. Zeitzeugen zufolge, so ist in dem Kapitel über den jungen Regenten zu lesen, habe er „gierig und grausam wie ein Schweinsrüde“ gewütet. Dennoch wird ihm der Verdienst zugeschrieben, dass er in der Reformationszeit Klöster in Landeshospitäler umwandelte, Schulunterricht für alle Kinder einführte und in Marburg die erste protestantische Universität gründete.

Detailreich beschreibt der Autor auch den Hang zu Prunk und Verschwendung seiner Vorfahren. Der Wettstreit der beiden Barockfürsten und Cousins, Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und Karl von Hessen-Kassel, um den höchsten Glanz ihrer Residenzen führte zu Projekten im großen Stil.

Allerdings hatte Ernst Ludwig die überdimensionierte Schlossanlage in Darmstadt so groß geplant, das bis 1726 aus Geldmangel nur zwei Flügel fertiggestellt wurden. Auch die fürstliche Jagdlust verschlang viel Geld. Ein Kapitel beschreibt Prunk und Aufwand, der für den beliebten Fürstensport betrieben wurde. Die im 18. Jahrhundert nach französischem Vorbild eingeführte Parforcejagd geriet zu einem Spektakel, an dem Scharen gut ausgebildeter Reit-, Hundeknechte, Piqueure und bis zu 100 Pferde sowie Meuten französischer Schweißhunde beteiligt waren. Die Gesellschaft verfolgte einen ausgewählten Hirsch über weite Strecken. Die Schäden auf den Feldern wurden den Bauern nicht ersetzt, stattdessen waren sie zur Jagdfron verpflichtet, dienten als Treiber und mussten Jäger und Hunde kostenlos unterbringen. Für das gesellschaftliche Ereignis wurden Waldschneisen geschlagen, Pavillons und Jagdschlösser errichtet. Auch Schloss Wolfsgarten in Langen wurde zu diesem Zweck erbaut.

Dort liegt der derzeitige Wohnsitz des Autors. Rainer von Hessen, der 1939 in Kronberg geboren wurde, hatte als Regieassistent am Staatstheater Darmstadt gelernt und inszenierte in den 1960er Jahren am Staatstheater Kassel. Viele Jahre lebte er in der Nähe von Paris, bevor er vor drei Jahren nach Hessen zurückkehrte.

Zu den dunklen Kapiteln, die er bearbeitet hat, gehört die Rolle des Hauses Hessen im Nationalsozialismus. Die rassistische Ideologie Hitlers sei in der Familie Friedrich Karls von Hessen früh auf fruchtbaren Boden gefallen, schreibt der Autor. Sie hatte das Trauma des verlorenen Kriegs, die Furcht vor dem Bolschewismus und die Demütigungen der französischen Besatzer nie verarbeitet. Philipp, der dritte Sohn Friedrich Karls, war von Hitler eingenommen, trat früh in die NSDAP ein, zusammen mit achtzig Mitgliedern fürstlicher Häuser, die sich den Nazis schon vor 1933 angeschlossen hatten.

Hermann Göring, verschaffte den Söhnen Friedrich Karls, die teils der SA und der SS angehörten, einflussreiche Posten. Philipp wurde aufgrund seiner engen Beziehung zu Hitler Kunstagent und beschaffte Kunstwerke für ein Führermuseum in Italien. 1943 fiel er jedoch in Ungnade, weil er Hitler unter Hinweis auf den Zusammenbruch Italiens zum Frieden gedrängt habe, heißt es in dem Kapitel. Philipp wurde im KZ Flossenbürg interniert, seine Frau kam nach Buchenwald. Sie starb nach einem alliierten Luftangriff auf benachbarte Rüstungsbetriebe.

1945 kam Philipp in US-Haft. Als ehemaliger Oberpräsident in Hessen-Nassau wurde er wegen der Euthanasiemorde an Geisteskranken in der Pflegeanstalt Hadamar angeklagt. Weil er versucht habe, in Berlin gegen die Morde einzuschreiten, wurde die Anklage fallengelassen. Bei den Entnazifizierungsverfahren galt er zunächst als Belasteter, nach mehreren Berufungsverfahren schließlich als Mitläufer. Nach dem Krieg beschlagnahmten die Amerikaner das Schloss Friedrichshof, heute das Schlosshotel Kronberg. Die hessischen Kronjuwelen hatte die Familie eingemauert. Der Familienschmuck wurde gestohlen, verkauft und nach langwierigen Verhandlungen an das Haus Hessen zurückgegeben. Allerdings war nur ein kleiner Teil der Juwelen wieder aufgetaucht. Philipps Zwillingsbruder Wolfgang wurde 1948 als unbelastet eingestuft und übernahm die Geschäftsführung über die Besitztümer, die teils schwer beschädigt waren, der Wiederaufbau begann. Das liest sich spannend, ebenso wie die Rolle der Mätressen, die Entstehungsgeschichte bedeutender Baudenkmäler oder die Folgen der Heirats-allianzen mit den Dynastien Europas, die bis heute manch hochkarätigen Adelsbesuch in Hessen nach sich ziehen.

Das heutige Familienoberhaupt des Hauses Hessen, Landgraf Donatus, nennt das Buch, das sein Onkel geschrieben hat, einen „Glücksfall“, insbesondere auch die Aufarbeitung der NS-Verstrickung, darüber sei man sich in der Familie einig. „Das Thema“, sagt er, „ist heute noch heikel.“

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