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Vor der Beatmung muss der Kopf nach hinten gelegt werden.

Tag der Wiederbelebung

Drücken, drücken, drücken

Vierzehnjährige Schülerinnen und Schüler des Goethe-Gymnasiums üben Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung im Krankenhaus Höchst.

Kurz nach 14 Uhr bittet eine Mitarbeiterin des städtischen Klinikums in Höchst die 28 Teenager, die am Mittwoch den Weg vom Goethegymnasium an der Messe in den Frankfurter Westen gefunden haben, „nicht über die Puppen zu stolpern“. Es ist ein etwas unheimlicher Anblick, wie da im großen Gemeinschaftsraum des Klinikums rund 30 wachsbleiche Puppen ohne Arme und Unterleib auf dem Boden liegen. Wichtig für die Übungen am Weltweiten Tag der Wiederbelebung sind nur der Brustkorb und der Kopf.

Oberarzt Daniel Bock erläutert, was bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zu tun ist: den Menschen ansprechen, der bewusstlos vor einem liegt, die Atmung überprüfen. Wenn er sich nicht regt, die 112 anrufen. Das sei ja heutzutage kein Problem, sagt er. Heute habe ja jeder ein Smartphone – und dann möglichst schnell mit dem Drücken beginnen. Die Mitte des Brustkorbs suchen und drücken. Fünf Zentimeter tief und schnell.

Der Oberarzt zeigt den Schülern, wie es geht. 

Um das zu üben, liegen die Puppen da. „Und wie ist es bei einem richtigen Menschen“, fragt leise eine Schülerin ihre Nachbarin. Die meist 14 Jahre alten jungen Leute hören gebannt zu. Sie haben mitbekommen, hier geht es um Leben und Tod. Wenn sie einen Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand finden, ist er „klinisch tot“, sagt Bock. Sie könnten nichts falsch machen. Auch wenn sie ihm die Rippen brechen würden, sei das besser, als nichts zu tun.

Es wird ein Video gezeigt, das vorbildlich demonstriert, wie man reagieren muss, wenn man Leben retten will. Und dann kommt die Aufforderung, zu den Puppen zu gehen und zu üben. Schnell haben die Schülerinnen und Schüler ihre Puppe gefunden. Sie beugen sich über sie und drücken und drücken. „Ich kann nicht mehr“, ruft Lucia. Sie ist 1,54 Meter groß. Sechs Minuten und 38 Sekunden müsste sie im Ernstfall durchhalten. So lange dauert es im Durchschnitt bis der Rettungswagen eintrifft. Im gut versorgten Rhein-Main-Gebiet dürfte es meist schneller gehen, sagt Bock.

„Ich würde natürlich helfen“, sagt Lucia und versetzt sich in die Lage des Opfers: „Wenn man da bewusstlos liegt, und alle laufen an einem vorbei – das ist ja kein schönes Gefühl.“ Dass das Drücken anstrengend ist, macht sich schnell bemerkbar, Pullover werden ausgezogen. Mark hat schon einen ganz roten Kopf. Wie die meisten braucht er mehrere Anläufe, bis er die Technik raushat. „Nicht die Muckis, sondern das eigene Gewicht“ soll der 14-jährige Konrad beim Drücken einsetzen, rät ihm sein Klassenlehrer Thomas Jasny.

Der 63 Jahre alte Direktor der Goetheschule, Claus Wirth, hatte vor fünf Jahren selbst aus noch immer ungeklärten Gründen einen Herz-Kreislauf-Stillstand. In einem Getränkemarkt sei er plötzlich umgekippt. Ein Kassierer habe den Notruf abgesetzt, und ein Kunde, der als sogenannter Ersthelfer in einem Betrieb geschult war, habe mit der Wiederbelebung begonnen.

Von den Schülerinnen und Schülern hat noch niemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlebt. Die Wahrscheinlichkeit, in eine solche Situation zu geraten, ist nicht groß: 1 zu 1720, rechnet Oberarzt Bock mit Hilfe seines Handys aus. Vielleicht sei das der Grund, warum die Leute das Thema so „schnell vergessen“.

In Skandinavien sei das anders. Da habe er erlebt, wie bei einem Notfall gleich mehrere Helfer zur Stelle waren. Da das Drücken nun mal kraftraubend ist, sei es gut, wenn sich die Helfer abwechseln könnten.

Optimal bei einer Wiederbelebung ist es, das Drücken mit der Mund-zu-Mund-Beatmung zu kombinieren: 30-mal drücken, zweimal atmen. Nicht alle Schülerinnen und Schüler wollen den Puppen ihren Atem einhauchen.

„Ruhe!“, ruft plötzlich ein Mann in den Raum und sofort kommt das rege Treiben rund um die Puppen zum Erliegen. Als hätte jemand einen Film angehalten, eine kleine Auszeit für den Aktionstag angesetzt. „Wenn ihr nicht beatmen wollt, dann bleibt bei der Herzdruckmassage“, sagt Bock, als alle wieder Platz genommen haben. Und: „Das ist nicht schlimm.“

Mit Hilfe eines zweiten Videos erklärt der Oberarzt, wie ein Defibrillator funktioniert, dass er den Rhythmus des Herzens überprüft und gegebenenfalls korrigiert und dass er sprechen kann. So gibt er genaue Anweisungen, was zu tun ist. Zum Beispiel: „Bitte Herzdruckmassage.“

Nach rund eineinhalb Stunden nehmen alle ein gutes Gefühl mit nach Hause. „Ich würde gern Menschenleben retten“, sagt die 15-jährige Amela. „Ich würde auch Mund-zu-Mund-Beatmung machen.“ Diana fand es gut, dass die Videos gezeigt wurden. So habe sie eine klare Vorstellung bekommen, was zu tun ist. Und Schuldirektor Wirth wird für sein Gymnasium einen Defibrillator bestellen.

Erste Hilfe-Kurse

Das Deutsche Rote Kreuz bietet jährlich 550 Erste-Hilfe-Kurse in Frankfurt an. Teilnehmerinnen und Teilnehmer können wählen: Erste Hilfe für „alle Zwecke“, für Betriebe, „für/am Kind“ und „im Sport“. In jedem Angebot steht die Wiederbelebung auf dem Programm. 

An einem Tag werden die wichtigsten praktischen Fertigkeiten vermittelt, etwa wie man auch einen schwergewichtigen Menschen in die stabile Seitenlage manövriert oder einen Druckverband anlegt. Die Kosten für Privatpersonen betragen 40 Euro. 

Der Malteser Hilfsdienst nimmt für seine Kurse fünf Euro mehr. Es werden auch Kurse an den Wochenenden angeboten. Beide Organisationen sind gut ausgebucht: „Angebot und Nachfrage halten sich die Waage“, sagt die Pressesprecherin der Malteser, Lioba Abel-Meiser. 

Zu den Motiven sagt Abel-Meiser: Viele würden plötzlich feststellen, dass sie schon lange keinen Erste-Hilfe-Kurs mehr gemacht haben. Eigentlich sollten die Kenntnisse alle zwei Jahre aufgefrischt werden. Neulich habe zum Beispiel eine Mutter angerufen, um sich selbst, ihren 16-jährigen Sohn und dessen Freundin anzumelden. 

Auch die Johanniter-Unfallhilfe und der Arbeiter-Samariter-Bund bieten die Kurse an. Orte und Termine können über die Homepages in Erfahrung gebracht werden: www.drkfrankfurt.de, malteser-frankfurt.de, www.johanniter.de und www.asb.de.

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