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Nachbildung der „Stangenpresse“ von Alois Senefelder im Haus der Stadtgeschichte.

Druckkultur

Drucken gehört zur Offenbach-DNA

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Die Stadt Offenbach will mit einer Werkstatt im Bernardbau Druckgeschichte erlebbar machen und sich als Ort der Druckkultur profilieren.

Mozart verdankt seinen Nachruhm auch Offenbach, wo der Musikverleger André 1799 das Patentrecht für den von Alois Senefelder entwickelten Steindruck erworben hatte und des Künstlers Kompositionen vervielfältigte und verbreitete. Das Flachdruckverfahren, erstmals in Offenbach kommerziell angewandt, wurde zum Exportschlager in aller Welt. Und Mozart mit Offenbacher Unterstützung noch berühmter.

Die bedeutende Druckgeschichte Offenbachs wie auch die wirtschaftliche Bedeutung der Lithographie und des Offsetdrucks für die Stadt soll nun „endlich besser für unsere Kultur und für unsere Stadt sichtbar“ gemacht werden, teilte Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) mit.

Nach seinen Angaben hat der Magistrat jüngst die Einrichtung einer schon lange geplanten Druckwerkstatt im Bernardbau beschlossen. Die Stadtverordneten sollen in der Sitzung am heutigen Donnerstag (Beginn 17 Uhr) über den Antrag abstimmen. Da die Koalition das Projekt begrüßt, gilt eine Mehrheit als sicher.

Das Haus der Stadtgeschichte und das Klingspor-Museum sollen das Vorhaben bis Jahresende umsetzen und die Werkstatt gemeinsam mit der Internationalen Senefelder Stiftung (ISS) betreiben, „um das Offenbacher Alleinstellungsmerkmal einer Stadt der Lithographie und Druckkunst regional und überregional zu betonen“, heißt es in der Vorlage.

In Offenbach stand die erste von Senefelder eingerichtete Steindruckerei. Die Stadt gilt deshalb neben München, wo der vielseitige Erfinder lebte, als Wiege dieser Technik. Nach Auffassung von Fachleuten verdient Senefelder dieselbe Anerkennung wie der Erfinder des modernen Buchdrucks, Johannes Gutenberg.

Die Werkstatt

Die Druckwerkstattsoll im Bernardbau entstehen, wo sich auch das Haus der Stadtgeschichte befindet. Sie wird nicht über den Museumshaupteingang erreichbar sein. Das ist der Baustruktur des Industriedenkmals geschuldet.

Die einmaligen Kostenfür die Einrichtung der Werkstatt belaufen sich auf knapp 63 000 Euro. Das Geld stammt aus übrig gebliebenen Haushaltsmitteln des Jahres 2019. Die jährlichen Betriebskosten werden auf 10 000 Euro geschätzt. Die Hälfte der Ausgaben soll durch Einnahmen aus Eintrittsgeldern refinanziert werden.

Für die Werkstattleitungist eine halbe Stelle vorgesehen. Die Kosten dafür betragen jährlich rund 24 000 Euro. Diese Summe ist im städtischen Stellenplan ab 2021 eingeplant. Für dieses Jahr übernimmt die Marschner-Stiftung die Personalkosten. 

Senefelder erfand „sein“ Druckverfahren übrigens aus Not. Der Schauspieler und mäßig begabte Stückeschreiber war zu arm, um den Druck seiner Werke zu bezahlen. Das wollte er ändern. Sein chemisches Verfahren, das auf dem Gegensatz von Wasser und Fett basiert, ermöglichte es, Schriften, Noten, Landkarten und selbst farbige Werke alter Meister auf industriellem Weg zu vervielfältigen. Bilder wurden erschwinglich und zur Massenware.

Seine Erfindung legte die Basis für den Offsetdruck, der in Offenbach ebenfalls von Bedeutung war und ist. Tausende Menschen arbeiteten früher bei Mabeg, Roland oder Faber & Schleicher. Nach Jahrzehnten als Weltmarktführer gemeinsam mit Heidelberger Druck ist Manroland Sheetfed bis heute der fünftgrößte Druckmaschinenhersteller der Welt.

Neben der Ausstellung historischer Druckmaschinen soll es im Bernardbau museumspädagogische Angebote für alle Altersklassen geben. Die Stadt hofft, auch interessant für Künstler aus aller Welt zu sein, die den Steindruck nach wie vor schätzen.

Die Maschinen stammen aus einer 2015 erfolgten Schenkung aus Beständen des Vereins „Grafische Werkstatt für Technik und Kunst Offenbach“ an die Stadt. Grundlage des geplanten Angebots ist das Konzept „Offenbach am Main. Eine Stadt der Druckkultur“, das der Leiter des Klingspor-Museums, Stefan Soltek, im Sommer 2019 vorgelegt hatte.

Karl-Heinz Döbert, langjähriger Vorsitzender der 1971 gegründeten Internationalen Senefelder-Stiftung, nannte die für dieses Jahr geplante Eröffnung der Druckwerkstatt „super für Offenbach“. In einem FR-Interview Ende 2015 hatte er gemeint, er selbst werde die museale Aufbereitung der Lithographie-Geschichte Offenbachs nicht mehr erleben. „Hut ab vor Schwenke und seinem Umfeld“, lobte er den OB.

Harry Neß, Vorsitzender des internationalen Arbeitskreises für Druck und Mediengeschichte, hat sich ebenfalls seit langem für ein Senefelder-Museum in Offenbach eingesetzt. Er meinte, es habe zwar lange gedauert bis zur Realisierung. Schließlich habe es erste Diskussionen darüber schon 1938 gegeben. „Es ist immerhin ein Einstieg.“ Das sei wichtig, weil die Drucktechnik zur DNA Offenbachs gehöre.

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