Hintergrund

Weiterer Neonazi involviert

  • vonJoachim F. Tornau
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Die Ermittlungen erbrachten auch Hinweise auf ein rechtsextremes Netzwerk. Demnach chattete ein bekannter Neonazi verschlüsselt mit den beiden Angeklagten.

Von den vielen Fragen, die über dem Prozess wie über dem Untersuchungsausschuss zum Mord an Walter Lübcke schweben, ist eine vielleicht die drängendste: Welche Rolle spielte das rechte Netzwerk, in das die beiden Angeklagten seit Jahren und Jahrzehnten eingebunden waren? Die Bundesanwaltschaft interessiert sich dafür allerdings eher wenig: Sie ist überzeugt, dass Stephan Ernst der alleinige Mörder war, unterstützt nur von seinem Freund und Neonazi-Kameraden Markus H., der mit ihm das Schießen geübt und ihn in seinem Hass auf den Kasseler Regierungspräsidenten bestärkt habe.

Die Ermittlungen haben indes durchaus Hinweise erbracht, dass das rechtsextreme Duo ganz so allein vielleicht doch nicht unterwegs gewesen sein könnte. Am bemerkenswertesten: Bei der konspirativen Kommunikation, die Stephan Ernst und Markus H. verschlüsselt über den Messenger-Dienst Threema betrieben, soll es noch genau einen weiteren gemeinsamen Chat-Partner gegeben haben. Und der ist alles andere als ein Unbekannter: Alexander S., 30 Jahre alt und derzeit in Alsfeld lebend, gehörte zu den führenden Aktivisten der braunen Kameradschaft „Freie Kräfte Schwalm-Eder“ (FKSE), die vor gut einem Jahrzehnt in Nordhessen für Angst und Schrecken sorgte – und von den Behörden trotzdem unterschätzt wurde. So wollte der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in den „Freien Kräften“ keine vernetzte rechtsextreme Struktur erkennen: Dafür müssten die Kameraden Satzung und Kasse haben und in Uniform auftreten.

Verantwortlich für rund 60 Straftaten

Für rund 60 Straftaten zwischen 2008 und 2010 wurden die FKSE verantwortlich gemacht. Immer wieder griffen ihre Mitglieder politische Gegner in der Region an. Bei einem brutalen Überfall auf ein Zeltlager der Linksjugend Solid am Neuenhainer See im Juli 2008 wurden eine 13-Jährige und ihr zehn Jahre älterer Bruder im Schlaf krankenhausreif geprügelt. Nur wenige Wochen zuvor hatten sich die Kameraden zu elft vor einem Jugendclub in Todenhausen vermummt auf die Lauer gelegt, um Jagd auf Antifaschisten zu machen. Sie bewarfen sie mit Steinen, traten zu, zerrten einen Nazi-Gegner an den Haaren über das Pflaster. Alexander S. war einer dieser elf rechten Schläger. Vor Gericht aber kam er, zur Tatzeit 18-jährig, mit 50 Stunden gemeinnütziger Arbeit sehr glimpflich davon.

Dabei war die Gefährlichkeit des jungen Mannes durch die Ermittlungen eindrücklich deutlich geworden: Bei einer Durchsuchung seines Elternhauses im südlichen Schwalm-Eder-Kreis stieß die Polizei nicht nur auf reichlich neonazistisches Propagandamaterial, sondern fand auf seinem Computer auch Bombenbauanleitungen, heruntergeladen aus dem Internet. Seinen rechtsextremen Überzeugungen blieb Alexander S., der später Maschinenbau in Gießen studierte, auch fortan treu. Jahrelang war er ein Aktivposten der hessischen NPD, zuletzt wandte er sich aber offenbar eher der AfD zu.

Ausgerechnet ihre Kommunikation mit diesem militanten und erwiesenermaßen gewaltbereiten Neonazi also wollten Stephan Ernst und Markus H. verschleiern. Mindestens einmal besuchte das Trio – wenn man glauben darf, was Ernst in einer seiner Vernehmungen bei der Polizei zu Protokoll gab – aber auch gemeinsam eine Demonstration der AfD, wohl am 1. Mai 2017 in Erfurt. Was die beiden Mitt-Vierziger mit dem deutlich jüngeren Kameraden verband, worüber sie sich im Chat und persönlich austauschten, das beantwortete Ernst nur ausweichend. Ein „Kumpel“ von Markus H. sei Alexander S.; die beiden seien auch mal zusammen in den Urlaub gefahren. „Ich habe auch öfter mit dem geschrieben“, bekannte Ernst. „Was genau, weiß ich jetzt nicht.“

Ob sie mit Alexander S. denn darüber gesprochen hätten, dass sie den CDU-Politiker Lübcke verantwortlich machten für jede von Flüchtlingen begangene Straftat, für jeden islamistischen Anschlag, wollten die Ermittler dann noch wissen. „Er muss das mitbekommen haben“, sagte Ernst.

Am Nachmittag des 1. Juni 2019 telefonierten Markus H. und Alexander S. nach FR-Informationen zum möglicherweise letzten Mal miteinander. Vier Minuten und 32 Sekunden dauerte das Gespräch. Am Abend wurde Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha erschossen.

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