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Frankfurter Geschichte(n) 2002

Die drei Grazien ließen die Frankfurter schäumen

Der Marshall-Brunnen an der Alten Oper provozierte zunächst wehrhaften Widerstand gegen "das Machwerk". Frankfurt war natürlich auch hier wieder führend: Der

Von Fred Kickhefel

Der Marshall-Brunnen an der Alten Oper provozierte zunächst wehrhaften Widerstand gegen "das Machwerk". Frankfurt war natürlich auch hier wieder führend: Der sauberste Brunnen der Republik - die damals noch um eine DDR kleiner war - stand in der Mainmetropole. Die Sauberkeit freilich war in Wirklichkeit eine Schmutzkampagne. Erst schäumte das gesunde Volksempfinden, dann schäumte der Brunnen. Und das vor der Ruine der heutigen Alten Oper.

Aber fangen wir ganz vorne an: Am 16. Oktober 1959 stirbt in Washington 78-jährig George Catlett Marshall, ehemaliger Generalstabschef, Außenminister und Verteidigungsminister der USA, 1953 zusammen mit Albert Schweitzer Friedensnobelpreisträger. Und Initiator des "Marshall-Plans", mit dessen 13 Milliarden Dollar die nach dem Zweiten Weltkrieg darnieder liegenden Völker Europas wirtschaftlich wieder auf die Beine gestellt wurden. Auch der Verursacher der ganzen Misere, Deutschland.

Die Wirtschaftswunder-Metropole Frankfurt erinnert sich mit Dankbarkeit an den großen US-Politiker, und so beschließt die Stadtverwaltung im Dezember 1962, Marshall ein Denkmal zu setzten. Als erste Stadt der Welt natürlich, alles andere wäre un-frankfurterisch. Gesagt, fast schon getan. Sechs namhafte deutsche Künstler reichen Entwürfe ein, darunter der renommierte Münchner Kunstprofessor Toni Stadler, der prompt auch den ersten Preis bekommt - für einen Brunnen, geziert von drei nicht naturalistisch gestalteten Frauenkörpern, Grazien darstellend. Aufgestellt werden soll das Kunstwerk, dessen Kosten von 552 000 Mark weitgehend Spenden aus der Wirtschaft finanzieren - den Rest schießt die Stadt zu - in Sichtweite der Opernruine in der Taunusanlage, unweit jener Stelle, an der noch bis kurz vor Kriegsende das Denkmal Kaiser Wilhelms I. gestanden hatte.

Am 27. Oktober 1963 ist es dann soweit: Frankfurt ist mal wieder der Nabel der Welt. Zur Eröffnung des Brunnen-Denkmals einschließlich Gedenkfeier in der Paulskirche kommt jede Menge Politikprominenz. Ehrengäste sind General Marshalls Witwe Katherine und ihre Tochter, Mrs. J. Winn. Bundeskanzler Ludwig Erhard, der gerade den greisen Konrad Adenauer abgelöst hat, Vizekanzler Erich Mende, Außenminister Gerhard Schröder und Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel kommen aus Bonn.

Frankfurts Oberbürgermeister Werner Bockelmann und sein Stellvertreter, Bürgermeister Rudi Menzer, sind natürlich dabei, und die US-Delegation wird von Außenminister Dean Rusk angeführt. Sein Präsident, John F. Kennedy, der erst im Juni dieses Jahres bei seinem Deutschlandbesuch in der Paulskirche gesprochen hatte, hat ihm Grüße aufgetragen. Weniger als vier Wochen später wird Kennedy ermordet . . .

Mitglied der US-Delegation ist auch ein Senator, der noch nicht wissen kann, dass er ein gutes Jahr später US-Vizepräsident sein wird: Hubert Humphrey. Auch Tausende von Frankfurtern sind an diesem "fast winterkalten Sonntag" (FR) auf den Beinen, um dem Spektakel beizuwohnen. Die Promis können sie ganz gut erkennen, aber von der eigentlichen Brunnen-Enthüllung sehen sie nicht viel, weil die beiden Ehrenkompanien von US Army und Bundeswehr die Sicht weitgehend versperren. Und das ist vielleicht auch besser. So dauert es nämlich fast 24 Stunden, bis sich das deutsche Kunstverständnis zum ersten Male äußert: Der Brunnen schäumt zum Himmel. Die Waffen des wehrhaften Widerstandes gegen die "entartete" Kunst des Professors aus München sind in jedem ordentlichen Haushalt zu finden: Waschmittel und Spülmittel.

Wenn der Blick auf die drei Grazien im Brunnen gerade mal nicht durch Seifenschaum getrübt ist, prallen die Meinungen der Umstehenden über das Kunstwerk aufeinander. Ein schlechter Lokalreporter, wer da nicht Mäuschen spielen würde. "Das sollen Grazien sein? Die sind ja scheußlich" - "Es gab einmal eine Zeit, zu der man ein solches Machwerk eingeschmolzen hätte" - Aber auch: "Ich finde diesen Brunnen wunderbar, er ist nur zu schade für die Öffentlichkeit", notieren die Kollegen genüsslich.

Es gibt bald wahre Leserbrief-Schlachten zu diesem Thema wie auch öffentliche Podiumsdiskussionen, die von Kulturdezernent Karl vom Rath höchstpersönlich initiiert werden. Und immer wieder Schaumattacken. Am 26. August 1964 wird, nach vorausgegangenen Wasserfarbenattentaten, erstmals auch Ölfarbe verwendet, die nur mühsam zu entfernen ist. Längst liegt freilich die Vermutung nahe, dass es sich hier nicht mehr um kunstfeindliche Überzeugungstaten, sondern um Dumme-Jungen-Streiche handelt, ist doch die Diskussion um den Brunnen inzwischen längst abgeflaut.

Und 1970 ist er dann ganz weg, der Brunnen. Nicht als Folge eines Anschlags, sondern des S- und U-Bahnbaus rund um den Opernplatz. Die drei Grazien verschwinden im Städel - aber sie kommen wieder: Am 25. Mai 1984 wird der Marshall-Brunnen samt dazu gehöriger Gedenktafeln abermals an seinen alten Platz gestellt. Die drei Grazien dürften nicht schlecht gestaunt haben - statt der Kriegsruine prangt schließlich seit August 1981 die Alte Oper in vollem Glanz. Die Grazien - die nun keinen mehr aufregen - sind unverändert, der Brunnen freilich nicht. Statt der 50 kleinen Quellen im Rand, die vorher die Brunnenschale gefüllt haben, gibt es jetzt nur noch eine kleine Hauptfontäne, das Wasser fließt ab. So sind Schaumattentate erst gar nicht mehr möglich.

Unsere QuizfrageMarshall war einer von neun Militärs in der Geschichte der USA, die den Fünf-Sterne-Rang erreichten. Einer von ihnen tat sogar in Frankfurt Dienst. Wer?

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