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Doron Kiesel ist Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden.

Interview

„Für alles Übel verantwortlich“

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Professor Doron Kiesel spricht mit der Frankfurter Rundschau über alte und neue Ressentiments.

Doron Kiesel ist Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden.

Professor Kiesel, welche besondere Anziehungskraft hat Antisemitismus auf Jugendliche?
Es ist die einfache Möglichkeit, eine Gruppe in dieser Welt für nahezu alles verantwortlich zu machen. Mal für Reichtum, mal für die Armut oder für globale Entwicklungen, vor denen man sich fürchtet, die bedrohlich zu sein scheinen.

Warum eignen sich gerade die Juden dafür, sie für alles Übel verantwortlich machen zu wollen?
Juden eignen sich in den Augen der Antisemiten dafür, weil sie aufgrund ihrer Geschichte eine liberale, moderne und demokratische Gesellschaftsordnung repräsentieren und immer wieder einfordern, in der sie und andere ethnisch-kulturelle und religiöse Gruppen friedlich zusammenleben können. Die religiöse Judenfeindschaft im Christentum und in Teilen der muslimischen Welt unterfüttert eine antisemitische Disposition, weil sie die Kritik am Judentum zu bestätigen scheint. In Deutschland kommt hinzu, dass die Folie der eigenen Geschichte immer wieder unterschiedliche Bilder von Juden aufscheinen lassen, je nach Grad der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus oder der familiären Verstrickung.

Und dieses Rollenmuster wird wiederbelebt, wenn Jugendliche „Scheiß-Jude“ rufen?
Ja, man kann die Juden leicht wieder zum Gegenstand von Aggressionen machen. Zugleich führt die Erinnerung an die historische Schuld dazu, dass man, um sich psychologisch zu entlasten, auf den Nahen Osten deutet und die Konflikte dort so darstellt, dass dies die Verantwortung für die Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden relativiert. So, als ob es nicht so schlimm gewesen sei, weil die Juden ja auch nicht besser seien, wie man an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern sehen könne.

Wenn Schüler oder Schülerinnen im Unterricht sagen, die Politik Israels sei schlecht, ist das dann auch Antisemitismus?
Der allergrößte Teil der Juden in der Welt steht hinter der Existenz des Staates Israel. Wer angibt, ‚lediglich‘ antizionistisch und gar nicht antijüdisch zu sein, wer also behauptet, nur den Staat und nicht die Juden zu kritisieren, verzerrt die Realität. Es ist für einen Großteil der Juden weltweit eine Selbstverständlichkeit, sich mit dem Staat Israel zu identifizieren, wenn auch nicht unbedingt mit der aktuellen Politik der jeweiligen Regierung. Insofern trifft es zumeist zu, dass hinter einer antizionistischen eine antisemitische Haltung steckt.

Was ist neu am aktuellen Antisemitismus?
Es gibt immer wieder Versuche, Geschichte neu zu interpretieren. Das geht einher mit dem Sterben der Zeitzeugen, die erzählen können, woran sie sich erinnern und was ihnen zugestoßen ist. Viele wollen einen Schlussstrich ziehen mit dem Argument, sie hätten mit der Zeit der Nazi-Herrschaft nichts mehr zu tun. Dabei geht es ja gar nicht mehr um Schuld, sondern um die Verantwortung, aus dem Geschehenen Konsequenzen zu ziehen. Nur so können Bedingungen geschaffen werden, die jegliche Form einer totalitären Herrschaft verhindern.

Welche Rolle spielt die Zuwanderung? Man redet ja auch vom importierten Antisemitismus?
Die spielt eine große Rolle. Viele Kinder und Jugendliche bringen eine judenfeindliche Haltung aus ihren Familien und Heimatländern mit, und sie finden mit antisemitischen Haltungen hier Anschluss. Sie sind zur Judenfeindlichkeit erzogen und haben oft ein verfestigtes antisemitisches Weltbild, das sich nur schwer aufbrechen lässt.

Etwa 100 000 Menschen jüdischen Glaubens leben in Deutschland. Muss es die Mehrheitsgesellschaft, außer aus moralischer Empörung, eigentlich beunruhigen, wenn Antisemitismus zunimmt?
Antisemitismus steht für die tiefgreifende Skepsis gegenüber einer Gesellschaft, die es Menschen unterschiedlicher Herkunft ermöglicht, friedlich zusammenzuleben und ihre Lebensentwürfe zu verwirklichen. Der Antisemitismus greift die demokratischen Werte an, weil sich eine Gruppe über die andere erhebt und sie ausgrenzen möchte. Der Antisemitismus ist deshalb nicht nur eine Bedrohung für die Juden, sondern insgesamt für unser Konzept einer liberalen und demokratischen Gesellschaft. Es sind erst die Muslime, dann die Juden, die Homosexuellen, Sinti und Roma, Journalisten und so weiter, die aus der ‚Volksgemeinschaft‘ ausgeschlossen werden müssen. Die Zunahme des Antisemitismus zeigt, dass hier etwas aus dem Ruder läuft.

Interview: Peter Hanack

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