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Anna-Sophia Thurn (16) fordert einen Diskurs über queere Themen an Schulen.
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Anna-Sophia Thurn (16) fordert einen Diskurs über queere Themen an Schulen.

Queeres Leben

„Diversität ist etwas Schönes“

Die sechzehnjährige Anna-Sophia Thurn aus Niedernhausen macht im Kreisschülerrat auf die Diskriminierung queerer Jugendlicher aufmerksam.

Vor vier Wochen war die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock zu Gast im FR-Forum. Im Publikum saß auch die sechzehnjährige Anna-Sophia Thurn aus Niedernhausen. Die Schülerin hat im vergangenen Schuljahr die Theißtalschule im Kreisschülerrat (KSR) des Rheingau-Taunus-Kreises vertreten. Als Leiterin des Toleranzausschusses setzte sie sich dort vor allem für die Interessen queerer Jugendlicher ein.

Von der Veranstaltung mit Baerbock hatte sie in der Zeitung gelesen und ihren Vater überzeugt, sie nach Frankfurt zu begleiten. Die Gelegenheit nutzte sie, um der Kanzlerkandidatin eine Frage zu stellen. „Ich wollte wissen, was sie im Falle einer Regierungsbeteiligung tun würde, um queere Jugendliche zu schützen“, erzählt Thurn der Frankfurter Rundschau im Nachhinein. „In der Politik sehe ich das Thema leider viel zu wenig aufgegriffen. Ich will, dass der Diskurs angeregt wird, denn seit die ,Ehe für alle‘ durchgesetzt wurde, scheint er ein bisschen stillzustehen.“ Durch die Arbeit im Toleranzausschuss des KSR sei ihr aufgefallen, wie wichtig das Thema weiterhin sei. Dort war sie an der Entwicklung und Auswertung einer Umfrage zu Diskriminierung an den Schulen des Rheingau-Taunus-Kreises beteiligt. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass in diesem Bereich noch viel Handlungsbedarf besteht. Rund ein Viertel der 420 Befragten gaben an, bereits Diskriminierung an ihrer Schule erfahren zu haben. Bei queeren Schülerinnen und Schülern kam es zum Beispiel zu verbalen und auch körperlichen Angriffen oder die Pronomen von Trans-Personen wurden gezielt missachtet.

Viele queere Jugendliche verheimlichten ihre Identität und Sexualität, weil sie Anfeindungen befürchteten. Aber sich verstecken zu müssen, verursache einen enormen psychischen Druck. Im schlimmsten Fall könnten diese Belastungen zu Depressionen bis hin zu Suizidgedanken führen. Um Vorurteile abzubauen und eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich queere Menschen sicher fühlten, sei es deshalb wichtig, diese Themen auch im Unterricht anzusprechen. Das sieht der hessische Lehrplan auch vor. Ziel der Sexualerziehung sei es „ein wertschätzendes Verständnis für die Vielfalt der partnerschaftlichen Beziehungen und geschlechtlichen Identitäten in unserer Gesellschaft zu vermitteln“. Die Umsetzung sieht jedoch häufig anders aus.

DIE COMMUNITYS

Die Abkürzung LGBTIQ kommt aus dem Englischen und steht für: lesbian, gay, bisexual, trans*, intersex, queer (auf Deutsch LSBTIQ: lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intersexuell, queer).

Queer bedeutet übersetzt etwa alles, was von der Norm abweicht, und gilt heute als geläufiger Sammelbegriff für sämtliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der Hetero- und Cis-Normativität entsprechen.

Cis ist eine Person, deren Geschlechtsidentität übereinstimmt mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Als Trans* bezeichnet man Menschen, die sich nicht dem binären System zuordnen lassen. Dabei unterscheidet man etwa zwischen Transgender und -sexualität. Beide fühlen sich nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig.

Der Stern verweist auf die unendliche Fülle der Möglichkeiten, die sich gegen vereindeutigende Kategorien sperrt. jkö

Ganze 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die an der Umfrage des KSR teilnahmen, berichten, dass sexuelle Diversität nur unzureichend oder gar nicht im Unterricht thematisiert worden sei. „Das gibt queeren Menschen einfach das Gefühl, sie wären nicht valide in ihrer Existenz.“ Auch Thurn berichtet, dass in ihrem Biologieunterricht innerhalb der Klasse darüber abgestimmt worden sei, ob darüber gesprochen werden solle oder nicht. Die Mehrheit war der Meinung, sie seien schon gut genug über das Thema aufgeklärt. „Diese Aufklärung passiert dann eben im Internet. Dort kann man zwar positive Erfahrungen machen, aber es können auch sehr falsche Bilder davon entstehen, was Queersein heißt und wie queere Menschen sind.“

Deshalb sei es wichtig, dass das Lehrpersonal an den Schulen mit Hilfe sogenannter Diversitätstrainings dafür sensibilisiert werde. „Ich finde es erschreckend, welche Positionen immer noch in der Politik dazu vertreten werden. Es ist naiv zu glauben, dass wir als Gesellschaft weit genug sind, dass wir das Thema abhaken können.“ Konversionstherapien für Jugendliche wären zum Beispiel erst im letzten Jahr verboten worden. Um zu verhindern, dass Menschen queerfeindliche Positionen entwickelten, müsse man bereits in der Schule damit anfangen, zu vermitteln, dass Diversität etwas Schönes sei. „Es geht ja im Endeffekt einfach um die Sicherheit von Menschen“, betont Thurn. Nur wenn an der Schule ein Diskurs angeregt werde, könne man auch in den Austausch miteinander treten. „Das heißt nicht, dass darüber diskutiert werden soll, ob Queersein moralisch richtig ist. Wenn man mit anderen redet, lernt man einfach verschiedene Perspektiven kennen und entwickelt ein besseres Verständnis füreinander.“

Die Aktivistin wünscht sich, dass queere Themen fächerübergreifend im Unterricht Platz finden. Bisher wird häufig höchstens in einem Nebensatz in Biologie erwähnt, dass es auch Menschen gibt, die das gleiche Geschlecht lieben. Über Themen wie die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus oder die Aidskrise der 1980er werde jedoch noch seltener gesprochen. In diesem Jahr wechselt Thurn in die elfte Klasse an der Pestalozzischule in Idstein und verlässt deshalb den Kreisschülerrat.

Mit Annalena Baerbock tauschte Thurn sich beim Forum länger aus und wünscht sich für die Zukunft eine Plattform, auf der sie sich mit anderen für die LGBTIQ-Gemeinschaft einsetzen kann. (Friederike Bruder)

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