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Ditib Hessen: „Die Reformen haben uns als Religionsgemeinschaft gutgetan

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Von: Timur Tinç

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Ditib-Hessen-Schulreferatsleiterin Zeynep Akyüz (links) und Landesgeschäftsführer Onur Akdeniz.
Ditib-Hessen-Schulreferatsleiterin Zeynep Akyüz (links) und Landesgeschäftsführer Onur Akdeniz. © Monika Müller

Die Ditib-Verantwortlichen Onur Akdeniz und Zeynep Akyüz über die Wiedereinführung des bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht in Hessen, die Veränderungen innerhalb des Moscheeverbands und ihre Sicht auf einen staatlichen Islamunterricht.

Im kommenden Schuljahr muss das Hessische Kultusministerium (HKM) nach einem Gerichtsurteil wieder bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterricht (IRU) in Kooperation mit der Religionsgemeinschaft Ditib anbieten. Ein Gespräch mit Ditib-Landesgeschäftsführer Onur Akdeniz (25) und Zeynep Akyüz (29), Referatsleiterin für Religionspädagogik und Theologie.

Herr Akdeniz, Frau Akyüz, wie ist die Kommunikation mit dem Hessischen Kultusministerium in Bezug auf die Vorbereitungen der Wiedereinführung des bekenntnisorientierten Islamischen Religionsunterrichts?

Akdeniz: Der Gesprächsfaden wurde einen Monat nach dem Gerichtsurteil wieder aufgenommen. Die Partnerschaft ist grundsätzlich sehr wertschätzend und sachorientiert. Alle Beteiligten bemühen sich eine verantwortungs- und vertrauensvolle Zusammenarbeit wieder aufzubauen.

Was waren die ersten Themen, über die gesprochen wurde ?

Akyüz: Es waren viele Themen, die offen waren und sind. Das ist auch wenig verwunderlich, da es knapp drei Jahre keine kontinuierlichen Gespräche mehr gab. Für uns ist es wichtig, die Perspektive des HKM nachzuvollziehen. Das HKM bekräftigt seinen Willen, auch muslimischen Schülern einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht anzubieten. Denn dieser kann aus pädagogischer Sicht auch emotional-spirituelle Bedürfnisse der Schülerschaft didaktisch einbeziehen. Das ermöglicht eine gute schulische Bildung zur eigenen Religion. Über die künftigen Perspektiven zur Verwirklichung dieses gemeinsamen Willens wird konstruktiv gesprochen.

Die Eltern und die Schulen mussten sich bis zum 15. Juli zwischen IRU und ISU entscheiden. Wie lief das ab?

Akdeniz: Das war für alle Beteiligten eine organisatorische Herausforderung. Zum einen, weil es kurz vor den Sommerferien war. Zum anderen, weil die Schulen mit den Planungen für den Unterricht für das kommende Schuljahr schon abgeschlossen hatten. Das HKM hat am 7. Juli ein Rundschreiben an die Schule versendet, wo es den IRU bis zum Schuljahr 2019/20 gab. Das waren 50 Grundschulen und zwölf weiterführende Schulen. Diese Schulen hatten den Auftrag, die Willenserklärung der Eltern einzuholen, ob ihre Kinder wieder den IRU besuchen möchten. Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, weil bei den Schulen und Eltern Informationen fehlen. Zugleich sehen wir die Bemühungen des HKM, eine möglichst pragmatische Wiedereinführung zu ermöglichen.

Bis wann muss da eine Entscheidung fallen?

Akdeniz: Mit dem HKM haben wir einvernehmlich vereinbart, dass wir den Zwischenstand über die einzurichtenden Schulklassen im Laufe der kommenden Wochen abgleichen. Die Schülerschaft, Eltern und Lehrkräfte wünschen sich einen Religionsunterricht, der ihre lebensweltlichen Bedürfnisse wie beim IRU einbezieht. Sie freuen sich auf das neue Schuljahr. Das zeigten die guten Zahlen bis 2019/20 mit knapp 3500 Schülerinnen und Schülern sowie 85 Lehrkräften.

Das Land hat angekündigt, mit dem ISU auf jeden Fall weitermachen zu wollen. Sie hatten angedeutet, eventuell dagegen klagen zu wollen. Wann würden Sie das machen?

Akyüz: Das HKM hat uns und der Öffentlichkeit stets das Wort gegeben, dass der ISU als befristeter Schulversuch eingerichtet wurde, um die Schülerinnen und Schüler während der Aussetzungszeit des IRU nicht ohne religiöses Bildungsangebot zu lassen. Also eine Art Kompensation. Aus diesem Grund gehen wir davon aus, dass das HKM sich nicht gegen sein eigenes Wort stellen wird. Eine Fortführung des Schulversuchs bei zeitgleich vorhandenem IRU wirft gewisse Fragen auf.

Welche?

Akyüz: Mit dem IRU entfällt der Bedarf für den Schulversuch in seiner eigenen Begründungslogik. Die Notwendigkeit eines Schulversuchs mit dem Anspruch eines religiösen Bildungsangebots ist nicht ersichtlich, wenn es das entsprechende Fach als ordentlichen Religionsunterricht gibt, bei dem dieselbe Lehrer- und Schülerschaft mit denselben Unterrichtsmaterialen genutzt wird.

Akdeniz : Es ist für unsere Gesellschaft verfassungsrechtlich und demokratietheoretisch auch eine Zumutung, mit einem Schulversuch umzugehen, bei dem der Staat die religiös-theologischen Inhalte ohne die Religionsgemeinschaften bestimmt. Das widerspricht dem Geist unseres Grundgesetzes. Der IRU als ordentliches Unterrichtsfach ist für die Lernbiografie der Schülerinnen und Schüler bedeutsam und verspricht Kontinuität. Wir stehen dem HKM daher für einen pädagogisch-didaktisch sinnvollen Übergangsprozess vom Schulversuch auf den ordentlichen Unterricht partnerschaftlich zur Seite, um eine gute Lösung für die Schüler- und Lehrerschaft zu ermöglichen. Dauerhaft werden wir den Schulversuch allerdings nicht mittragen, so dass die rechtliche Prüfung eine Option bleibt.

Werden Sie darüber unterrichtet, wie Eltern und Schulen abgestimmt haben?

Akyüz: Wir erhalten gegenwärtig keine Zahlen, wie viele Schülerinnen und Schüler in welcher Jahrgangsstufe sich für welches Fach angemeldet haben. Im Rahmen unserer Partnerschaft vertrauen wir dem HKM. Wir erwarten nicht, dass sich große Lücken zum Stand des Schuljahres 2019/20 ergeben werden. Gleichwohl nehmen wir wahr, dass einige Schulleitungen vor Ort Schwierigkeiten mit dem Religionsunterricht haben. Das sehen wir beispielhaft an einer Schule, die den Schulversuch am Vormittag und das ordentliche Unterrichtsfach am Nachmittag anbieten will. Das ist schul- und verfassungsrechtlich keine tragbare Konstellation. Das kann die Wahlfreiheit der Eltern beeinflussen.

Vielleicht, weil sie Probleme mit Ditib als Partner haben?

Akdeniz: Derartige Rückmeldungen haben wir weder von Lehrkräften noch von Eltern erhalten. Gleichwohl wissen wir um die gesellschaftspolitischen Diskussionen über unsere Religionsgemeinschaft. Es kann nicht oft genug betont werden: Der bekenntnisorientierte islamische Religionsunterricht ist ein staatliches und ordentliches Unterrichtsfach, welches durch staatlich genehmigte Kerncurricula und Lehrmaterialien an den öffentlichen Schulen erteilt wird. Und auch die Lehrkräfte sind allesamt Bedienstete des Landes Hessen, die an den staatlichen Universitäten in Deutschland ausgebildet sind. Der Religionsgemeinschaft kommt in diesem Kontext die Mitverantwortung zu, die religiös-theologischen Inhalte im Einvernehmen ihrer Glaubensgrundsätze zu sichten und fachlich zu begleiten.

Es geht ja noch weiter: Es hieß, der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan würde seinen Arm in deutschen Klassenzimmern haben.

Akdeniz: Das ist rechtlich, institutionell und schulpraktisch ausgeschlossen. Der IRU befindet sich jenseits der religiös-theologischen Ebene auf allen übrigen Ebenen im Kompetenz- und Aufsichtsbereich des Landes Hessen, konkret beim Kultusministerium.

Akyüz: Der IRU wurde teilweise auch als Ditib-Unterricht bezeichnet. Von der Schülerschaft, aber auch den Lehrkräften, die den Unterricht besuchen und erteilen, sind die wenigsten Gemeindemitglied bei uns. Der Unterricht ist fachlich und inhaltlich für alle Schülerinnen und Schüler muslimisch-sunnitischen Glaubens konzipiert. Aus diesem Grund erhält der IRU auch die Unterstützung der anderen Religionsgemeinschaften in Hessen.

Akdeniz: Im Auftrag des HKM hat sich Professor Matthias Rohe diesen Vorwürfen gewidmet und unsere Religionsgemeinschaft sowie den Religionsunterricht auf empirischer Grundlage 2017 und 2019 wissenschaftlich begutachtet. Er kam zum eindeutigen Ergebnis, dass der IRU seit seiner Einführung vor neun Jahren beanstandungsfrei und zur Zufriedenheit aller Beteiligten verlaufen ist. In diesem Gutachten regte er auch Reformen an, die wir in Rücksprache mit dem HKM umgesetzt haben.

Welche wären das?

Akdeniz: Beispielsweise satzungsrechtliche Reformen, die die Institutionalisierung unserer Gemeinschaft auf rechtlicher und tatsächlicher Ebene auch gegenüber dem Bundesverband stärkten. In diesem Zuge haben wir 2019 neben der Landesgeschäftsstelle hauptamtliche Referatsstrukturen wie das Schulreferat für Religionspädagogik und Theologie eingerichtet, die die fachliche Sacharbeit im Rahmen der Partnerschaft strukturell sicherstellen. Entsprechend wurde auch die Kommission für den islamischen Religionsunterricht mit Kompetenzen und Ressourcen ausgestattet.

Was macht diese Kommission?

Akyüz: Für jegliche Angelegenheiten, die den IRU betreffen, ist eine fünfköpfige IRU-Kommission aus Theologinnen und Theologen zuständig. Die Kommissionsmitglieder werden durch unseren Landesvorstand berufen und dürfen satzungsgemäß weder in einem Dienstverhältnis zur Ditib stehen noch Bedienstete eines Staates sein. Das gilt bereits seit 2012 und ist einvernehmlich mit dem HKM vereinbart worden. Folglich setzt sich die IRU-Kommission aus Absolventen der islamisch-theologischen Studiengänge der Goethe-Universität Frankfurt zusammen.

Gab es weitere Reformen innerhalb des Verbands?

Akdeniz: Neben der Landesgeschäftsstelle und dem Schulreferat wurden ab 2020 weitere hauptamtliche Referate für die Dialog-, Wohlfahrts- und Seelsorgedienste auf Landesebene geschaffen. Weiterhin, dass in unserer Landesdelegiertenversammlung, also dem höchsten beschlussfassenden Organ unserer Gemeinschaft, die zivilgesellschaftlichen Gemeindevertreter zwei Drittel der Stimmen und die Religionsbeauftragten, also die Imame, nur noch ein Drittel der Stimmen ausmachen. Das geschah in Rücksprache mit dem Ministerium bereits 2018. Unsere Gemeinschaft ist bestrebt, weitere Reformen umzusetzen, weil wir selbst erkennen, dass diese uns gutgetan haben.

Inwiefern?

Akdeniz: Sie haben dazu beigetragen, uns zu professionalisieren, zu institutionalisieren. Bis 2019 gab es nur einen hauptamtlichen Mitarbeiter, jetzt haben wir sechs und weitere Stellen sind geplant.

Wie kommt das in den Gemeinden an?

Akdeniz: Wir nehmen wahr, dass die Jugendlichen in unseren Gemeinden eine stärkere Beheimatung in Deutschland wünschen. Wir sind überzeugt davon, dass unter anderem wir beide, die wir eine verantwortungsvolle Position im jungen Alter tragen, diesen Paradigmenwechsel unserer Gemeinschaft verkörpern und mit den besagten Reformen eingeleitet haben, die von unseren Gemeinden, aber auch unserem Bundesverband unterstützt werden.

Wie bereitet sich Ditib auf die Wiederaufnahme des IRU vor?

Akyüz: Gegenwärtig ist die vordergründige Mitverantwortung, dass wir vor Ort informieren und über die Wiedereinführung aufklären. Ferner, dass die Lehrkräfte weiterhin ihre religionsgemeinschaftliche Lehrerlaubnis, also die Idschaza, von der IRU-Kommission verliehen bekommen. Zudem, dass wir die Vorbereitungen für die Sichtung der religiös-theologischen Inhalte von Kerncurricula und Materialien für den Religionsunterricht gewährleisten. All das geschieht.

Welchen Einfluss hat Ditib auf die Auswahl der Lehrkräfte?

Akyüz: Die Idschaza-Gespräche begründen ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis zwischen der Lehrkraft und unserer Religionsgemeinschaft, dass der Religionsunterricht sich an den islamisch-sunnitischen Glaubensgrundsätzen orientiert. Das ermöglicht einen religionspädagogisch wertvollen Zugang zu den Unterrichtsinhalten aus der Binnenperspektive für die Schüler- und Lehrerschaft. In diesem Rahmen ist unserer IRU-Kommission ein persönliches Kennenlernen wichtig. Bis zum heutigen Tag gab es keine Ablehnung oder Aberkennung in Hessen.

Wie stellen Sie sich den IRU in den kommenden Jahren vor?

Akyüz: Für das kommende Schuljahr 2022/23 haben wir uns einvernehmlich mit dem HKM darauf verständigt, dass aufgrund der Schulorganisation der IRU zunächst nur an den Schulen wiedereingeführt wird, wo es ihn vorher schon gab. Aber der Bedarf und der Wunsch nach IRU ist deutlich größer als das gegenwärtige Angebot. Wir gehen von einer Ausweitung zum übernächsten Schuljahr 2023/24 aus.

Wie soll diese aussehen?

Akdeniz: Es kann nicht sein, dass Schülerinnen und Schüler bis zu den sechsten Klassen den IRU besuchen, aber ihn danach nicht mehr haben. Das ist ein schul- und lernbiografischer Bruch, den sich niemanden wünschen kann. Nunmehr gibt es auch genügend qualifizierte und grundständig ausgebildete Lehrkräfte aus den Universitäten. Der Religionsunterricht muss und soll als ordentliches Unterrichtsfach bis zum Abitur auch als Prüfungsfach erteilt werden. Wir haben dazu auch schon die Vorbereitungen mit den Universitäten getroffen. Das Kerncurriculum für die Jahrgänge fünf bis zehn liegt dem HKM seit 2016 vor. Im Rahmen der konstruktiven Partnerschaft und im Sinne der Schüler- und Lehrerschaft sind wir zuversichtlich, dass dieser Weg nun gemeinsam gegangen wird.

Interview: Timur Tinç

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