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Mit einer Puppe üben die Kursteilnehmer, wie man ein Baby richtig badet.

Wiesbaden

Ein Diplom für Babysitter

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Die Evangelische Familienbildungsstätte bringt Jugendlichen in Wiesbaden den Umgang mit Kindern bei und korrigiert dabei so manche Vorstellung, was es bedeutet, auf ein Baby aufzupassen.

Johannes ist der Letzte an diesem Morgen. Ruhig steht der 13-Jährige auf, nimmt  die Puppe, die eben noch auf dem Tisch lag in den Arm und geht zur Badewanne, die mitten im Raum steht. Mit Bedacht lässt er das Baby auf seinen Armen ins Wasser gleiten, wäscht erst die Haare, das Gesicht, dann den Bauch und die Beine, bevor er die Puppe umdreht und anschließend in ein Handtuch hüllt.

Johannes ist der einzige Junge, der am Babysitterkurs teilnimmt, den die Evangelische Familien-Bildungsstätte Wiesbaden regelmäßig in den Ferien anbietet. Seit mehr als 30 Jahren wird Jugendlichen im Alter von 13 bis 15 Jahren Basiswissen vermittelt. Ihnen wird gezeigt, welche Aufgaben Babysitter haben, an welche Regeln sie sich halten müssen, wie man ein Kind füttert, es wickelt, wie man sich in Stresssituationen verhält, was man tut, wenn das Kind sich verletzt. Und horchen dabei in sich selbst hinein, ob sie die Fähigkeiten mitbringen, die ein Babysitter haben sollte. „Wenn einer keine Kinder mag, dann ist er hier definitiv falsch“, sagt Angelika Sissol, die den Kurs leitet.

Sissol ist Kinderkrankenschwester und hat eine Pekip-Ausbildung absolviert. Pekip ist ein Programm, das Eltern und Kinder in spielerischer Bewegung zusammenbringen soll. Seit vielen Jahren unterstützt sie angehende Babysitter. Viel hat sie während dieser Zeit erlebt, tatsächlich auch, dass eine Teilnehmerin keine Kinder mochte. Manche hätten auch falsche Vorstellungen, was es bedeute, auf Kinder aufzupassen. „Viele gehen davon aus, dass sie die Kinder nur beschäftigen und mit ihnen spielen müssen.“ Doch ein Babysitter habe deutlich mehr Aufgaben und vor allem eine große Verantwortung. „Manch einer schaut dann schon einmal komisch, wenn wir besprechen, welche Gefahren es gibt, dass ein Kind sich auch verletzen kann und was dann zu tun ist.“

Erste-Hilfe-Maßnahmen werden laut Angelika Sissol nur nebenbei angesprochen. „Sinnvoll ist es, einen richtigen Kurs zu besuchen, um für den Fall der Fälle gerüstet zu sein.“
Zwölf Unterrichtseinheiten umfasst der Kurs. Nachdem Johannes und die acht Mädchen die Puppe gebadet und abgetrocknet haben, sollen sie in Dreier-Gruppen überlegen, wie sie ihre Schützlinge beschäftigen können. Sagal, Lena und Coralie sollen sich um die Drei- bis Sechsjährigen kümmern. „Auf den Spielplatz gehen“, „puzzlen“, „Bilderbücher anschauen“ schreiben sie auf ein großes Blatt Papier. Später wird Sissol gemeinsam mit den anderen über die Vorschläge diskutieren. Und weitere Ideen aufzeigen, an die keiner der Teilnehmer gedacht hat: Oft werde überlegt, was man mit dem Kind spielen könnte, dabei gebe es ganz einfache Beschäftigungen, sagt Sissol. „Zum Beispiel, wenn man mit dem Kleinen den Tisch deckt – das Kind ist stolz und isst dann gerne.“

Sissol will den Teilnehmerinnen und Teilnehmern – „in jedem Kurs sitzt mindestens ein Junge“ – einen natürlichen und einfachen Umgang mit den Kindern vermitteln. Dazu gehört auch zu wissen, warum ein Kind weint, was es braucht. „Deshalb sprechen wir in den Kursen auch über die körperliche und psychische Entwicklung der Kleinen, wann ein Kind laufen kann, wann und warum es fremdelt. Was es mit der Trotzphase auf sich hat.“

Am Ende des Kurses erhalten die Jugendlichen ein Diplom und können sich in eine Kartei aufnehmen lassen. Einen Test bestehen müssen sie nicht. Sissol verlässt sich auf ihre Erfahrung. „Ich hatte es erst einmal, dass ich einem Mädchen davon abgeraten habe, Babysitter zu werden.“
Die Karteikarten können die Eltern einsehen und schauen, welcher Babysitter für sie infrage kommt. „Ein wichtiges Kriterium ist natürlich, wo der Jugendliche wohnt“, sagt Sissol. „Übrigens“, richtet sie sich an die Teilnehmer: „Wenn ihr abends auf die Kinder aufpassen sollt, dann werdet ihr von den Eltern heimgefahren.“

Geübt wird im Kurs auch das erste Gespräch mit den Eltern, wie man sich präsentieren, welche Fragen man stellen soll. „Wichtig ist, dass man auch Bedenken äußert. Wenn die Sympathie nicht stimmt, dann muss man nicht bei dieser Familie die Kinder hüten.“ Laut Sissol verdienen Babysitter im Schnitt sieben Euro pro Stunde. „Abends wird oft eine Pauschale ausgehandelt.“ Auch das werde den Kursteilnehmern erklärt, damit sie sich nicht ausnutzen lassen.

Zwei- bis viermal im Monat fragen derzeit Eltern bei der Evangelischen Familienbildungsstätte nach einem Babysitter – nicht allzu oft. Dabei könnten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gut vorbereitete Jugendliche vermitteln, die wie Johannes großen Spaß haben, Kinder zu betreuen, und die Verantwortung übernehmen können.

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