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Digitale Techniken hauchen Hessens Kultureinrichtungen Leben ein

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Von: Annette Schlegl

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Avatare führten im Vorjahr am Staatstheater Kassel in die Oper „Wozzeck“ ein.
Avatare führten im Vorjahr am Staatstheater Kassel in die Oper „Wozzeck“ ein. © Staatstheater Kassel

Der Dramaturg als Avatar auf dem Küchentisch: Hessens Theater, Museen und Landesämter wagen sich an neue digitale Formate.

Virtual Reality, programmieren und künstliche Intelligenz bringt nicht jeder gleich mit Kunst und Kultur zusammen. Dabei gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele, wie digitale Technologien die Kultur stärken und beflügeln können. Neue Kunstformen, mehr Publikum, leichterer Zugang zu Kulturgütern, mehr kulturelle Bildung, ein klareres Kunsterlebnis, bessere Erfassung der Kunstschätze – die Digitalisierung bietet viele Vorteile und Möglichkeiten.

Hessen hat zunehmend in den digitalen Wandel seiner Kultureinrichtungen investiert. Mit der Digitalisierung hat der Fortschritt in den Staatstheatern, Landesmuseen, Schlössern und Gärten, aber auch in den Landesämtern für Denkmalpflege sowie für Geschichtliche Landeskunde und im Landesarchiv Einzug gehalten – immer in der Hoffnung, durch moderne Techniken auch ein jüngeres Publikum anzusprechen.

Erlebnischarakter am Staatstheater Kassel: Digitaltechnik auf den Videoleinwänden mischt sich mit Szenen auf der Bühne als realem Spielraum.
Erlebnischarakter am Staatstheater Kassel: Digitaltechnik auf den Videoleinwänden mischt sich mit Szenen auf der Bühne als realem Spielraum. © Sebastian Hannak

Im Rahmen ihrer Digitalstrategie habe die Landesregierung einen Schwerpunkt auf die Förderung digitaler Kultur gelegt, sagt Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU). Und Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) betonte, Digitalisierung solle den Menschen nutzen – „jenen, die Kunst schaffen und Kultur bewahren und vermitteln, und jenen, die sich dafür interessieren“. Ihnen allen eröffne Digitalisierung neue Chancen und Möglichkeiten.

19 Experten wurden zwischen 2018 und 2021 in den hessischen Kultureinrichtungen eingestellt. Drei Digitalmanager:innen kommen in diesem Jahr noch dazu – und zwar an den Staatstheatern in Darmstadt, Wiesbaden und Kassel. Damit verfügen dann alle Einrichtungen des Landes über Stellen für Digitalaufgaben.

2022 vier Millionen Euro für die Digitalisierung der Kultureinrichtungen des Landes

Im Jahr 2018 flossen noch 1,5 Millionen Euro in digitale Projekte, 2020 waren es schon drei Millionen und im vorigen Jahr vier Millionen Euro. Das Geld kam auch aus Mitteln zur Bewältigung der Corona-Krise. In diesem Jahr nimmt die Landesregierung noch einmal vier Millionen Euro in die Hand. Mit diesen Summen wurden und werden nicht nur die Homepages der staatlichen Kultureinrichtungen modernisiert, elektronische Medien für die Onleihe angeschafft und öffentliche Bibliotheken bei der Entwicklung digitaler Strategien beraten. Auch das WLAN-Angebot wird ausgebaut.

Hier einige Beispiele für die digitale Transformation:

Museum Wiesbaden: Das Museum setzt auf hochauflösende 3-D-Aufnahmen – und gibt online den Blick auf Kunstwerke und Objekte aus seinen naturhistorischen Sammlungen frei. Der in Australien weitverbreitete Fuchskusu oder der auf Neuguinea heimische Langschnabeligel können auf diese Weise auf dem PC oder Handy genauso aus der Nähe bewundert werden wie Harpunenspitzen oder Muschelgeld (www.museum-wiesbaden.de/online-collection).

Bildarchiv Foto Marburg: Das Bildarchiv hat mit den Landeskultureinrichtungen eine gemeinsame Open Access Policy entwickelt – eine Art politisches Positionspapier, mit dem dafür Sorge getragen wird, dass jeder Bürger und jede Bürgerin freien Zugang zu den vorhandenen Daten erhält.

Staatstheater Darmstadt: Das Theater hat im Oktober vorigen Jahres durch interne Umstrukturierung die Stelle eines Referenten für digitale Strategien geschaffen. Nun hat das Land auch noch einen Digitalmanager bewilligt. Schon vor dessen erstem Arbeitstag ist dort Innovatives entstanden. Schauspieldramaturg Maximilian Löwenstein hat die Entwicklung der partizipativen App „Rewriting the map“ geleitet. Dabei wird der User eingeladen, mit einem digitalen Stift die Landkarte der Stadt Darmstadt neu zu gestalten. „Man kann selbst Spuren hinterlassen, jeder schreibt mit an einer neuen Stadtkarte“, erklärt Löwenstein. Eine Veranstaltung kann in der App markiert werden, Fotos können eingestellt, gemeinsame Spaziergänge angeboten, Dinge getauscht werden. Der Nutzer kann zum Beispiel einen Punkt in der Stadtkarte markieren, auf dem er sein Buch gegen ein anderes tauschen will. Jede und jeder kann sich umschauen oder selber Videos oder Texte an Orten auf der Karte hinterlassen, die ihr oder ihm wichtig sind. Die App ist noch in der Testphase; der Release sei in den nächsten Wochen geplant, sagt Löwenstein.

Staatstheater Kassel : Das Dreispartentheater will seine Website um Angebote für Menschen mit Lernschwierigkeiten und Seheinschränkungen erweitern. Im Vorjahr hat es sich besonders spektakulär präsentiert. Ein Demofilm über die Raumbühne – das sogenannte Pandaemonium – zeigte auf, dass es im Theater nicht nur im Parkett, sondern auch im Bühnenraum und in einem dreigeschossigen Stahlgestänge drumherum Sitzplätze gab. Über Youtube konnten sich Interessierte so anschauen, wie die Raumbühne in digitaler Version aussah.

Das Opernhaus mit Pandaemonium konnte aus der Vogelperspektive betrachtet werden.
Das Opernhaus mit Pandaemonium konnte aus der Vogelperspektive betrachtet werden. © Staatstheater Kassel

Das Pandaemonium ließ das Publikum mitten im Geschehen sitzen; es wurde in der Pandemiezeit virtuell und digital entworfen. Ein Spezialist machte es für die Projektbeteiligten möglich, den Raum mit VR-Brille vorab als Avatar zu begehen, damit sie sich in einer Simulation die richtige Position der einzelnen Sitzplätze und des Orchesters sowie die Beleuchtung für das jeweilige Stück anschauen konnten.

In den Aufführungen verfolgten drei Kameramänner die Schauspieler:innen live auf der Bühne, ihre Bilder wurden auf Leinwände im Theater übertragen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer konnten somit nach Lust und Laune das Geschehen auf der Bühne oder auf der Leinwand verfolgen.

Auch mit der Aufführung von „Wozzeck“ machte das Kasseler Staatstheater von sich reden. Augmented Reality lieferte den „Appetithappen“ für das Stück. Mit einem QR-Code und der App Wozzeck gab es immer und überall eine dreidimensionale Einführung in die Oper – beispielsweise zu Hause auf dem Küchentisch. Sänger:innen und der Dramaturg erschienen dann auf dem Display des Handys als 3-D-Avatare mit Bild und Ton. Außerdem konnte das Publikum übers Handy vor Beginn der Aufführung an einer Umfrage zu sozialkritischen Aspekten teilnehmen. Die Ergebnisse wurden in das Geschehen des Stückes eingebunden.

Plätze rund um die Bühne auf drei Ebenen – die Zukunft des Theaters?
Plätze rund um die Bühne auf drei Ebenen – die Zukunft des Theaters? © Staatstheater Kassel

Hessisches Landesamt für Geschichtliche Landeskunde: Die Forschungseinrichtung des Landes in Marburg ging ebenfalls mit bestem Beispiel voran: Das landesgeschichtliche Informationssystem Lagis (www.lagis-hessen.de) ist bereits ein gewaltiger Fundus an Quellen und Informationen zur Geschichte Hessens. Für 120 Städte ist nun auch das Urkataster – historisches Archivmaterial aus dem 18. bis 20. Jahrhundert – verfügbar. Die alten Karten wurden digitalisiert, damit sich die Bürger und Bürgerinnen hineinzoomen können. „Sie können so sehen, wie sich ihr Lebensumfeld verändert hat“, sagt Niklas Alt, wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Digitalisierung. Für den Schulunterricht sind die digitalisierten Karten, die auch verglichen und übereinandergeschoben werden können, ebenfalls eine große Bereicherung.

Landesmuseum Darmstadt: Das Haus erstellt bis Jahresende eine Onlineplattform zu „Block Beuys“, eine sieben Räume umfassende Werkschau, die der Künstler Joseph Beuys 1970 selbst im Museum installiert hatte. Texte in deutscher und englischer Sprache sowie Fotos und Videos zu seinen Hauptwerken sind dann online abrufbar. In Kooperation mit der TU Darmstadt wurde außerdem eine 3-D-Tour erarbeitet, die vor Ort für Mobilitätseingeschränkte einsehbar ist.

Gabriele Mackert, Kustodin im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, am Touchscreen mit Medien zum Block Beuys.
Gabriele Mackert, Kustodin im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, am Touchscreen mit Medien zum Block Beuys. © Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Wolfgang Fuhrmannek

Weitere Museen, Denkmäler und historische Gebäude: Hessische Denkmäler sowie Museumssammlungen werden systematisch digital erfasst und in Onlinedatenbanken veröffentlicht. Nach dem Museum Wiesbaden und der Museumslandschaft Hessen Kassel bekommt dieses Jahr auch das Landesmuseum in Darmstadt eine solche Datenbank. Überhaupt legen die Museen ihr angestaubtes Image immer mehr ab. Die Museumslandschaft Hessen Kassel bietet beispielsweise an, 100 Meisterwerke interaktiv zu erleben (https://100meisterwerke.app/).

Künftig sollen mehr historische Gebäude per Laserscanner virtualisiert werden. In Kassel wird die 3-D-Rekonstruktion des historischen Bergparks Wilhelmshöhe um ein 3-D-Modell des heutigen Zustands erweitert.

3D-Visualisierung des historischen Bergparks Kassel. TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten
3D-Visualisierung des historischen Bergparks Kassel. © TU Darmstadt, Fachgebiet Digitales Gestalten

In Bad Homburg kann man die einzelnen Bauphasen des Schlosses schon in 3-D nachvollziehen. „Am 24. Juni, dem deutschlandweiten Digitaltag, wird zudem ein Film veröffentlicht, der einen virtuellen Rundgang durch die kaiserlichen Appartements des Bad Homburger Schlosses bietet“, sagt Fabian Wolf, wissenschaftlicher Mitarbeiter der hessischen Schlösserverwaltung. Virtual Reality hat auch in der Keltenwelt am Glauberg Einzug gehalten. Mittels VR-Brillen werden dort die Aspekte des eisenzeitlichen Lebens erklärt.

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