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Nach Machtübernahme

Afghanistan: Frauen aus Hessen fürchten jetzt die Taliban

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Selima Nurzay leitet eine Gruppe afghanischer Frauen in Dietzenbach. Fast alle berichten von Flucht, Angst und Zerstörung in ihrer Heimat.

Dietzenbach - Salima Nurzay hat Angst. Sie hat Angst um die Kinder und Enkel ihrer Schwester, sie hat Angst um die Eltern der Schwiegertochter, sie hat Angst um den Cousin und seine Familie. Sie alle leben noch in Afghanistan, und die Dietzenbacherin kann nichts für sie tun, außer ihnen online etwas Geld zum Überleben zu schicken. Sie sind auf der Flucht vor den Taliban, konnten kaum etwas mitnehmen.

Nurzay leitet eine 30-köpfige Gruppe von afghanischen Frauen, die sich im Verein „Zusammenleben der Kulturen in Dietzenbach“ zusammengefunden haben. Jeden Mittwoch um 15 Uhr treffen sie sich im Bildungshaus. Fast alle teilen aktuell das gleiche Schicksal: Sie haben noch Verwandte in dem Land, das nun von den Taliban beherrscht wird. Sie berichten von Flucht, Vertreibung, Zerstörung, Überfall, Raub – und der Bitte um Hilfe.

Das Ausmaß der Zerstörung in der afghanischen Provinz Helmand.

Afghanistan: Taliban könnten nach Machtübernahme Internet lahmlegen

Sie habe am Sonntag die Bilder aus Afghanistan im Fernsehen gesehen und die ganze Nacht nicht geschlafen, sagt Salima Nurzay. Ihr Mann ist vor lauter Sorge gar nicht erst in der Lage, über die Geschehnisse zu sprechen. Noch steht sie mit den Verwandten über Whatsapp in Kontakt, auch wenn das Internet hin und wieder instabil ist. Aber wie lange noch? Die 56-Jährige befürchtet, dass die Taliban das Internet lahmlegen oder verbieten werden.

Die Eltern der Schwiegertochter sind aus Kandahar nach Kabul geflohen, haben sich dort in Sicherheit gebracht. Nun leben sie zusammen mit sechs anderen Familien in einer Vier-Zimmer-Wohnung. „Jetzt haben sie auch dort Angst“, sagt sie.

Im Kampf zwischen den Regierungstruppen und den Taliban ist kaum ein Haus heil geblieben.

Taliban übernehmen Macht in ganz Afghanistan

Der Neffe hat in Kandahar ebenfalls alles verloren. Raketen haben sein Haus getroffen. Die Türen und die Fenster seien kaputt, ein riesengroßes Loch klaffe in der Wand, sagt Nurzay. Er sei mit seiner Familie gezwungen worden, Kandahar zu verlassen, „sonst hätte er sterben müssen“. Aus Angst um ihr Leben gingen auch sie nach Kabul, konnten nur Kleinigkeiten mitnehmen. Die Töchter des Neffen seien westlich erzogen worden, seien zur Schule gegangen. „Jetzt dürfen die Frauen nicht raus, die Mädchen können nicht zur Schule geschickt werden.“

Ihr Cousin, der mit Kindern und Enkeln auf dem Land bei Kandahar wohnt, hat Nurzay vor Tagen nach finanzieller Hilfe gefragt. Dann sei die Familie von den Taliban aus der Wohnung gejagt worden, der Kontakt sei abgebrochen. „Wir wissen nicht, ob sie noch leben“, sagt sie.

Ein Bild des Schreckens aus der Provinz Helmand.

Afghanin fliegt von Deutschland aus nach Kabul

Die 56-Jährige, die seit 1986 mit ihrem Mann in Deutschland ist, sorgt sich auch um eine Frau aus ihrer Gruppe, eine bei der Caritas angestellte Pflegerin. Sie ist mit ihrem Sohn während der Sommerferien zu Mutter und Geschwistern nach Kabul geflogen. „Wir haben zu ihr gesagt, dass sie nicht fliegen soll“, sagt Nursay. Am Samstag habe sie noch eine Nachricht geschickt. „Ich hoffe, dass sie heil zurückkommt.“

Eine andere Afghanin wollte von ihr wissen, wie sie die Tochter aus Kabul holen kann. Nursay musste mit den Schultern zucken. „Ich kenne niemanden, den ich fragen kann.“ Flüge seien mit 700 bis 1000 Euro schon immer teuer gewesen, und Afghanen brauchten ein kaum erhältliches Visum, wenn sie das Land verlassen wollten. Sie hofft aber, dass sich durch diese Berichterstattung vielleicht jemand meldet, der weiß, wie die Tochter aus Kabul raus kommt. „Aktuell können wir nur für jede Familie dort sammeln“, sagt sie und spricht von 50 oder 100 Euro zum Überleben.

Die Eltern der Schwiegertochter von Salima Nurzay haben Bilder aus Kandahar geschickt.

Verwandte schicken Fotos von der Zerstörung in Afghanistan

Seit Sonntag seien die Geschäfte in Kabul zu. Das Chaos in ihrer Heimat werde noch lange dauern, glaubt sie. „Die Taliban werden nicht anerkannt von anderen Ländern. Was wird mit den Menschen in Afghanistan?“, fragt sie. Sie fürchtet, dass auf das Land eine Hungersnot zukommt und versteht nicht, wie die Taliban auf einmal so viel Macht bekommen konnten. „Sie hatten doch gar nicht die modernen Waffen wie die Regierungstruppen.“ Dann gibt sie sich aber selbst die Antwort: Korruption sei in der afghanischen Regierung gang und gäbe gewesen. „Jeder von denen wollte sich reich machen und hat nicht viel für die Bürger gemacht.“ Deshalb sei auch die Moral der Regierungstruppen schlecht gewesen.

Zerbombte Straßen vor dem Haus der Verwandten in Kandahar.

Die Verwandten haben der Dietzenbacherin Fotos geschickt, die zeigen, wie zerstört Afghanistan mittlerweile ist. Nursay verfolgt aber auch die Filme und Bilder von Einheimischen in den sozialen Medien und auf YouTube. Zum Beweis landet ein kurzer Film auf dem Handy der FR-Reporterin, den ein Afghane am Flughafen in Kabul gedreht hat. Darauf ist zu sehen, wie sich mehrere seiner verzweifelten Landsleute auf die Radabdeckung einer rollenden US-Air-Force-Maschine retten. (Annette Schlegl)

Rubriklistenbild: © privat

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