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Aus der ISS in die Schülerhand: Am Tag der Nachhaltigkeit wurden „Space Seeds“ gepflanzt.

Dietzenbach

Wildblumensamen aus dem Weltall

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Elf- und Zwölfjährige der Dietzenbacher Heinrich-Mann-Schule säen eine Wildblumenmischung, die schon auf der ISS war. Das Experiment wird analog und digital dokumentiert.

Sonja, Sophie, Helena, Chiara und Tristan sind an der Rückseite der Heinrich-Mann-Schule Dietzenbach, gleich oberhalb der Biologieräume, eifrig bei der Sache. Am Tag der Nachhaltigkeit säen sie Wildblumensamen – und zwar ganz besondere: Die Samen waren schon mal im Weltall. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hatte sie bei seiner Mission auf der internationalen Raumstation ISS quasi im Gepäck. Auf Erden dienen sie den Elf- und Zwölfjährigen jetzt als „Forschungsmaterial“.

Petra Carbon, Beauftragte für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) an der Heinrich-Mann-Schule, macht es spannend: Sie kramt vier kleine Tütchen mit Wildblumensamen aus einer Kiste. Zwei haben einen gelben Punkt, zwei einen roten. Die einen waren im All, die anderen blieben auf der Erde. Welche die „Space Seeds“ sind, bleibt für die Schüler geheim.

Sie sollen die Samen fein säuberlich getrennt in zwei Beeten im Wildbienengarten ansäen und nach dem Keimen in ein paar Wochen genau hinschauen, sollen untersuchen, welche Unterschiede es gibt. Wachsen die Pflanzen in dem einen Beet schneller als in dem anderen? Werden sie vielleicht größer? Wachsen einige Blumensorten in dem einen Beet vielleicht gar nicht? Sind die Bienen aus den schuleigenen Bienenkästen, die gleich in der Nähe aufgestellt sind, vielleicht eher an den Weltall-Blumen zu finden?

Bevor jedoch zur Tat geschritten wird, hat Petra Carbon noch eine Überraschung für die Kinder parat: Auf ihrem Tablet läuft eine Videobotschaft, die Astronaut Gerst mit einer großen Tüte Wildblumensamen in der Hand von der Raumstation an die Schüler gesendet hat. „Die Space Seeds waren für 137 Tage auf der ISS“, sagt er und ermutigt die Kinder, auch in Zukunft neugierig zu sein und Hintergründe zu erforschen.

Erst die Arbeit mit den Händen, später dann die Arbeit beim Bloggen.

Noch schnell einen Button ans Revers geheftet, der jedem zeigt, dass er zum „Forscherteam“ gehört und den vor zwei Jahren angelegten Wildbienengarten betreten darf, und schon kann es losgehen. Der Boden wird mit den Händen gelockert, die Tütchen aufgerissen und die Blumensamen getrennt nach gelb und rot in den zwei Beeten verteilt. Schildchen mit „Space Seeds“ beweisen, dass hier besonderes Saatgut liegt. Mit Plastikflaschen noch bewässern – und ab dann heißt es warten. Damit das Warten leichter fällt, darf Tristan auch gleich noch ein Bänkchen zusammenschrauben, das an den Beeten aufgestellt wird.

Die „Space Seeds“ fand Carbon, als sie im Internet Unterrichtsmaterial recherchierte. Auf der Website „Space2School“ des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) stieß sie auf die Mitmachaktion, die eigentlich für Grundschulen gedacht war. „Wir wollten das Projekt zusammen mit den Viertklässlern der Astrid-Lindgren-Schule angehen“, sagt sie. Aber dann kam Corona, und jetzt sind die Viertklässler schon an weiterführende Schulen gewechselt.

Deshalb betreuen jetzt acht Fünft- bis Siebtklässler der Heinrich-Mann-Schule die Wildblumenbeete allein. Sie haben sich in dem neuen Forscherteam zusammengefunden, gehörten bisher der Klima-Werkstatt oder der Astronauten-AG der Schule an. „Das ist für uns die einzige Möglichkeit, diese beiden AGs weiterzuführen“, sagt Carbon. Klassen-, jahrgangs- und schulzweigübergreifende Projekte, die drinnen stattfinden, sind nämlich in Corona-Zeiten nicht mehr erlaubt. Die Kinder koordinieren ihre Zusammenarbeit im Fernunterricht.

Sie seien also mit den Händen zugange, würden aber gleichzeitig digitale Welten kennenlernen, so Carbon. Sie führen ein analoges Forschertagebuch, lernen aber auch, zu bloggen und aus Sicht der „Astro-Biene Alex“ regelmäßig über das Wachsen der besonderen Samen zu berichten. „Im Frühjahr sollen sie selbst Wildbienen züchten und lernen, mit Apps Pflanzen zu bestimmen“, blickt Carbon voraus. Sie werden Audio-Dateien produzieren und QR-Codes generieren, die den Klassen bei einem Besuch des Wildbienengartens Infos liefern.

Als Lohn winkt ein Forscher-Diplom und Ruhm auf der Internetseite der DLR, wo die Ergebnisse vorgestellt werden. Der bisher ausgelobte Schulwettbewerb fiel Corona zum Opfer.

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