400 Jugendliche von 14 bis 18 Jahren leben in den Wohnhochhäusern des Spessartviertels in Dietzenbach.  
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400 Jugendliche von 14 bis 18 Jahren leben in den Wohnhochhäusern des Spessartviertels in Dietzenbach.  

Angriff in Dietzenbach

Dietzenbach: Lehren aus der Steinwurf-Attacke auf Polizei im Spessartviertel

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
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Wegen Corona lag die Sozialarbeit im Spessartviertel in Dietzenbach, wo am 29. Mai Steine gegen Einsatzkräfte von Feuerwehr und Polizei flogen, wochenlang brach. Die Stadt überprüft nun ihre Angebote für die Jugendlichen.

  • Dietzenbach: Eine Stadt zieht weiter - die Lehren aus der Stein-Attacke vom 29. Mai
  • Corona-Lockdown in Dietzenbach: Sozialarbeit wurde stark eingeschränkt
  • Initiative soll für mehr Sicherheit in Dietzenbach sorgen

Dietzenbach - Noch immer ist nicht klar, was in der Nacht zum 29. Mai das Motiv für die Steinwürfe von Jugendlichen gegen Feuerwehr und Polizei im Dietzenbacher Spessartviertel war. Für die Stadt Dietzenbach steht aber weniger das „Warum“, sondern vielmehr das „Wie weiter“ im Vordergrund. Auf keinen Fall sollen sich solche feigen Angriffe wiederholen und ein Viertel und seine Bewohner, eine Stadt und die jahrelange Arbeit von Sozialarbeitern, Integrationshelfern und Quartiersmanagern erneut in Misskredit bringen.

Dietzenbach: Bewohner des Spessartviertels distanzieren sich von Angriff

Das Pressegespräch, zu dem Stadt und Polizei am Mittwoch einluden, machte klar, dass es nicht einfach werden wird, das Ohr am Geschehen im Spessartviertel zu haben – auch wenn sich, so Sozialdezernent Dieter Lang (SPD), die dortigen Bewohner von den Steinwürfen derjugendlichen Täter distanzieren.

Rund 400 Jugendliche leben in den fünf Wohnhochhäusern. Zu rund 180 hatte man bisher einen guten Kontakt, berichtet Maud Müller, Koordinatorin des Bildungshauses, das gleich neben den tristen Hochhäusern liegt. Dort stehen ein Tischkicker und ein Billardtisch, es existiert ein Café, in dem Backgammon gespielt wird. Jeden Nachmittag gibt es niedrigschwellige Angebote, Hausaufgabenhilfe, Beratung zum Übergang von Schule zum Beruf, einen Raum, in dem die Kids lernen und arbeiten können, Sozialarbeiter, die auf die Jugendlichen zugehen, ein Projekt, in der der Hauptschulabschluss nachgeholt werden kann.

Spessartviertel in Dietzenbach: Corona legte Sozialarbeit lahm

Corona hatte die Arbeit im Bildungshaus aber komplett lahmgelegt. „Seit Mitte März bis Mitte Mai war das Haus zu“, sagt Lang. Die Jugendsozialarbeiter und die Streetworker waren mit den Jugendlichen nur sporadisch telefonisch oder per Internet in Kontakt. Der Boxclub des Dietzenbacher Boxprojekts – ein Gewaltpräventionsprojekt – blieb ebenfalls geschlossen.

Sozialarbeit in Dietzenbach muss nach Corona wieder hochgefahren werden

Lang gibt zu, dass man den Kontakt zu den Jugendlichen in den vergangenen Wochen verloren habe. Jetzt gelte es zuvorderst, die Sozialarbeit im Quartier wieder hochzufahren. Erst danach stelle sich die Frage, ob zwei Vollzeit- und zwei Teilzeit-Sozialarbeiter und ein Boxtrainer für die Einzelfallbetreuung reichen, ob es aufsuchende Sozialarbeit geben sollte, ob man mehr Streetworker auf der Straße braucht. Darüber rede man mit dem Integrationsbüro des Kreises Offenbach, dem Jugendamt, der Polizei und der AWO. Es sei aber auch klar, dass das Angebot einen bestimmten Prozentsatz nicht mehr erreiche.

Sicherheit in Dietzenbach: Projekt soll Klarheit liefern

Auch die Ergebnisse der Befragung von 3800 zufällig ausgewählten Bürgern werden in den Weg mit einfließen, den die Stadt künftig im Sozialbereich einschlägt. Im November vergangenen Jahres startete sie zusammen mit der Polizei die Sicherheitsinitiative Kompass. Das Projekt hinterfragt unter anderem, wo es in Dietzenbach Orte gibt, an denen sich Bürger nicht sicher fühlen. Die Befragungen, die noch online und in Papierform laufen, sollen demnächst ausgewertet werden.

Dietzenbach: Steinwürfe am Ende des Corona-Lockdowns sind "kein Zufall"

Für Peter Amrein, Fachbereichsleiter Soziale Dienste, ist es kein Zufall, dass sich die Steinwürfe am Ende des Corona-Lockdowns ereigneten. Menschen aus 80 Nationen wohnen in den fünf Hochhäusern verdichteter als anderswo, hatten in Corona-Zeiten keine Entlastungsmöglichkeit – sprich: Privatflächen oder Gärten –, wurden mit ihren Problemen allein gelassen, weil es keine Beratung in schwierigen Lebenslagen gab. Dass 22 Prozent der dortigen Jugendlichen in einer Armutssituation leben, verschärft die Situation noch zusätzlich.

Polizei nimmt Gruppe Jugendlicher aus Dietzenbach in Augenschein

Bis einschließlich 14. Juni seien 30 zusätzliche Bereitschaftspolizisten täglich zwischen 0 und 4 Uhr im Viertel unterwegs gewesen, erklärt Stefan Kaaden, Leiter der Polizeidirektion Offenbach. Bis auf „drei Eierwürfe gegen Einsatzkräfte“ habe es keine weiteren Vorfälle gegeben. Sechs Jugendliche von 14 bis 19 Jahren „mit einer zweistelligen Biografie von Straftaten“ seien nun durch Zeugenvernehmungen und Videoauswertung in den Fokus geraten. Da der extra eingerichtete Hinweisserver nur wenig Verwertbares brachte, läuft aktuell noch eine Postwurf-Flyeraktion im Viertel, das für die Polizei aber kein Kriminalitätsschwerpunkt sei.

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