Pfarrerin Leonie Krauß-Buck sähe die Kirche gerne voller, lässt sich aber ihre Heiterkeit nicht nehmen.
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Pfarrerin Leonie Krauß-Buck sähe die Kirche gerne voller, lässt sich aber ihre Heiterkeit nicht nehmen.

Portrait

Dieses Sonntagsgefühl

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Ostern feiern? Logisch, sagt Pfarrerin Leonie Krauß-Buck. Doch die Kirche in Seligenstadt bleibt leer. 

Es hätte so schön werden sollen, so feierlich, das Osterfest in der Kirche. Gründonnerstag das Tischabendmahl mit der gedeckten Tafel im Kirchenraum, Grüne Soße mit Pellkartoffeln auf den Tellern, die Gemeinde zu Schmaus, Gebet und Gesang versammelt. Karfreitag die erlöschenden Kerzen, das Kreuz mit einem schwarzen Tuch verhängt. Und dann: Der Ostersonntag. Schon um 6 Uhr der Frühgottesdienst mit dem feierlichen Einzug der Osterkerze, das schwarze Tuch vom Kreuz gezogen, „und dazu läuten die Glocken wie verrückt“, erzählt Leonie Krauß-Buck.

Die Pfarrerin steht in der leeren evangelischen Kirche von Seligenstadt, die im Volksmund gerne Gustav-Adolf-Kirche genannt wird, obwohl sie nie so hieß. Als eine der wenigen im Land ist sie immerhin noch geöffnet, man kann hierherkommen, beten, Andacht halten, die Ruhe empfinden. Gemeinsam Gottesdienst feiern darf man hier nicht. Verboten wegen Corona. Die Gesangbücher liegen unberührt auf den Bankreihen.

Der Termin für das Porträt war schnell gefunden. „Ich habe zurzeit viel weniger Verpflichtungen als sonst“, sagt Leonie Krauß-Buck. „Ich wäre die letzten Tage eigentlich noch in der Schule gewesen und hätte Religion unterrichtet, später dann Konfirmandenunterricht gegeben“, erzählt sie. Jetzt haben die Ferien begonnen, Zeit für Hausbesuche – eigentlich. „Viele Menschen, gerade die Älteren, wollen in dieser vorösterlichen Zeit zu Hause das Abendmahl feiern“, sagt die 59-Jährige. „All das geht jetzt nicht.“ Abgesagt auch die Treffen mit den Pfarrerkolleginnen und -kollegen, die Besprechungen für die Ferienaktionen, die Gottesdienste in den beiden evangelischen Kitas. „Wir wären“, sagt Krauss-Buck, „jetzt eigentlich sehr umtriebig.“

Krauß-Buck ist seit 31 Jahren Pfarrerin in Seligenstadt. Zu ihrer Gemeinde, der größten im Dekanat Rodgau, gehören rund 4800 Menschen. 60 bis 70 davon kommen regelmäßig in die Gottesdienste. Zu Ostern wäre eine gute Gelegenheit gewesen, eine größere Zahl von ihnen zu treffen.

Der Pfarrerin ist anzumerken, wie groß der Verlust dieser Gelegenheit wiegt. Nicht, dass sie traurig wirken würde. Im Gegenteil. Sie strahlt eine Heiterkeit aus, die ansteckend wird. Fast schon gerät sie ins Schwärmen, wenn sie von der Gemeinsamkeit in der Gemeinde spricht, von den Plänen für Ostern, das gemeinsame Feiern. Gerade dadurch aber wird deutlich, was fehlt.

Auch in ihrer eigenen Familie muss das gemeinsame Feiern ausfallen. Ihr Sohn wohnt in Frankfurt. Er wäre über die Feiertage nach Seligenstadt gekommen, ihr Mann hätte für alle gekocht, „meine Eltern wären dazugekommen, mein Bruder mit seiner Familie, und es fällt schon schwer zu begreifen, dass das alles nicht stattfinden wird“. Jetzt wird sie ein paar Ostereier im Haus aufhängen als Schmuck, man wird telefonieren, vielleicht skypen, und das Ostermahl wird eines sein für zwei Personen.

Zurzeit telefoniert sie viel, was sie sehr anstrengend findet, weil ihr die Berührung fehlt. Sie mag die Menschen anfassen, erzählt sie, „ich brauche die Haptik“. Jetzt muss es ohne die persönliche Nähe gehen. Mit Kollegen verabredet sie Telefonkonferenzen oder Video-Chats. Die Älteren der Gemeinde erreicht sie nur telefonisch oder per E-Mail. Mitunter schreibt sie auch Briefe.

Jeden Abend um 19.30 Uhr läuten die Glocken über der Stadt. Jene der schmucken, kleinen evangelischen Kirche ebenso wie die der großen und prächtigen katholischen Basilika. Jeden Abend um 19.30 Uhr fünf Minuten lang. „Fünf Minuten, in denen die Menschen sich in Gedanken versammeln können, vielleicht ein Gebet sprechen, sich daran erinnern, dass es uns als Gemeinschaft noch gibt.“ Ob sie sich denn auch in diesem Jahr auf Ostern freut? „Ja logisch, wäre ja auch komisch, wenn ich mich als Pfarrerin nicht auf dieses Fest freuen würde“, sagt sie und lacht. Was sie gerne tut.

Und trotzdem, es wird etwas fehlen. „Der schönste Gottesdienst“, sagt sie, „das ist eigentlich der am Ostermontag mit den Kindern in der Kita. Da werden Eier versteckt, wir singen lustige Osterlieder, drei Kinder sollten dabei getauft werden. Alles wird neu, da ist ganz viel Hoffnung.“

Krauss-Buck steht vor der Kirche, die Sonne scheint, aber der Wind ist kalt, sie friert, trotz Mantel und dickem Schal. 2000 Jahre sei sie alt, die christliche Kirche, da werde sie auch dieses Corona-Ostern überstehen. „Viel mehr Sorgen machen mir die Menschen, die jetzt allein sind“, sagt sie, „krank vielleicht, oder jene, die in kleinen Wohnungen aufeinander hocken. Wie kommen die damit zurecht?“

Sonntags läuten die Glocken in Seligenstadt sogar von 12 bis 12.15 Uhr. „Ich bin dann immer in der Kirche“, erzählt Leonie Krauß-Buck. Ein Kollege spielt die Orgel. „Ich brauche dieses Sonntagsgefühl. Und die Menschen wissen, dass ich hier bin, auch wenn wir uns nicht sehen.“

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