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Die Sammlung ist gewachsen

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Welches Buch wird Cleophea Wucherer wohl 1905 am Bodensee gelesen haben? schöppner
Welches Buch wird Cleophea Wucherer wohl 1905 am Bodensee gelesen haben? schöppner © Boris Schöppner

KRONBERG Museum Kronberger Malerkolonie zeigt neu erworbene Bilder

Es gibt sehr unterschiedliche Weisen, ein Bild zu betrachten. Welcher Maler spricht mich an? Was wurde dargestellt? Wie sind Farbe und Licht eingesetzt, um Stimmungen zu erzeugen oder Transparenz darzustellen? Die aktuelle Ausstellung "Neues aus der Sammlung" im Museum Kronberger Malerkolonie ist ein guter Anlass für eine Entdeckungsreise mit Kuratorin Dr. Ingrid Ehrhardt.

Präsentiert werden Neuzugänge der vergangenen Jahre - und das sind einige. Sie hängen nicht nur im ersten Stock, wie sonst bei Sonderausstellungen üblich. Einige Bilder haben ihren Platz in der ständigen Sammlung im Erdgeschoss gefunden. Zu den Rückkehrern gehört das zuletzt verliehene Bild von Fritz Wucherer, das seine Ehefrau Cleophea bei Meersburg am Bodensee zeigt. Sie sitzt in weißem Kleid und mit weißem Schirm in einem Ruderboot. Auf dem Schoß hat sie ein dickes Buch, das in Brauntönen gehalten ist.

"Das Bild brauchte an dieser Stelle noch einen farblichen Akzent", erklärt Ehrhardt.. Rot aber wäre zu dominant gewesen. Also Braun. Doch welche Bücher wurden 1905, dem Jahr, in dem das Bild entstand, gelesen? Vielleicht ist Cleophea Wucherers Lektüre der Jesus-Roman "I.N.R.I", den der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger 1905 im Verlag von L. Staackmann in Leipzig veröffentlichte.

Im selben Jahr brachte Heinrich Mann in Deutschland "Professor Unrat" heraus. Er erntete für "Ende eines Tyrannen" herbe Kritik. Der Professor wurde darin zur Karikatur des deutschen Bildungsbürgers. Das Buch nimmt die herrschende Doppelmoral aufs Korn. Später wurde das Werk mit Marlene Dietrich als "Blauer Engel" verfilmt. Da es sich für eine Frau aus gutem Hause nicht schickte, einen solchen Skandal-Roman zu lesen, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es sich bei der Bootslektüre um "Professor Unrat" handelt.

Im selben Raum hängt das Profilbild einer jungen Frau mit feinen Zügen und einer glatten Haut. Otto Scholderer hat die "Sitzende Landfrau mit Früchtekorb" 1881 gemalt. Die "Landfrau" hat eine Schüssel mit Obst in der Hand und trägt einen goldfarbenen Ohrring mit Anhänger. Eine Landfrau mit Ohrring - ist das nicht ein Widerspruch? Das sieht Ehrhardt anders. Es sei durchaus möglich gewesen, dass sie sonntags einen Ohrring getragen hat. Für die Kunsthistorikerin ist ein anderes Detail wichtiger: Der Unterarm der jungen Frau ist dunkler als die Partie darüber. Ein Hinweis, dass die Frau auf dem Land und unter der Sonne gearbeitet hat.

Zu beliebten Bildelementen - zumal im ländlichen Kontext - gehören Tiere. Emil Rumpf hat eine Kuh formatfüllend von hinten gemalt. Bei Adolf Chelius ist es eine Herde Schafe, die unter den wachsamen Augen des Schäfers und seines Hütehundes weiden. Bei Norbert Schrödls Gemälde aus den 1880er Jahren versucht ein Ziegenbock, die Blätter zu fressen, die den Hut einer jungen Frau zieren.

Mehr gestiftete Werke

Im Flur finden sich Alltagsszenen, auch typische Szenen für das Leben von Frauen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dazu gehört etwa die Verlobung oder das Vorlesen von Märchen.

Um 21 Bilder ist die Sammlung in drei Jahren gewachsen. "Seitdem wir in der Villa Winter sind, werden wir stärker wahrgenommen, und es hat zugenommen, dass man uns Bilder stiftet." Aber auch bei Aktionen ist die Stiftung Kronberger Malerkolonie aktiv. Einen Einkaufsetat habe man nicht, so dass man immer wieder neue Sponsoren benötige, wenn man ein Bild erwerben möchte, das wichtig für die Sammlung ist. Daraus ergibt sich laut Ehrhardt dann mitunter ein "relativer Zeitdruck".

In machen Fällen gibt es die Situation, dass Besitzer der Stiftung die Möglichkeit einräumen, "heute zu kaufen und morgen zu zahlen". Dann könne ein Crowdfunding gestartet werden, um bei mehreren Sponsoren Geld zu sammeln.

Die Ausstellung kann bis zum 25. September besucht werden. Vom 16. Oktober bis zum 5. März ist dann "Kaiserin Friedrich und die Künste" zu sehen.

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